Eine biedere Technik in neues Licht gerückt

06.11.2015 • 21:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gabriele Fulterer und Christine Scherrer bei Lisi Hämmerle.   Foto: AG
Gabriele Fulterer und Christine Scherrer bei Lisi Hämmerle.  Foto: AG

Gabriele Fulterer und Christine Scherrer plädieren in der Galerie Lisi Hämmerle für Kontemplation statt Action.

BREGENZ. (VN-ag) Sticken wird gemeinhin als kontemplative Beschäftigung, im häuslichen Rahmen traditionell der Frau zugeordnet, betrachtet. In der Kunst ist die Stickerei zwar schon länger ein Medium, das auch von Männern praktiziert wird und gängige Klischees umläuft, aber was das Künstlerinnenduo Gabriele Fulterer und Christine Scherrer in der Galerie Lisi Hämmerle mit Nadel und Faden anstellt, ist dennoch ungewöhnlich.

Graffiti lässt grüßen

Bereits 2011 waren die aus Vorarlberg stammende Gabriele Fulterer und die Salzburgerin Christine Scherrer, beide Jahrgang 1967, mit einer Installation in der Bregenzer Galerie zu sehen. Damals war es ein Figurenfries, konzipiert für den Ort, mit zwei Frauenfiguren, verwickelt in Kampfhandlungen. Oder waren es Umarmungen? Ambivalenzen und Rauminstallationen, gerne auch großformatig und bevorzugt im öffentlichen Bereich wie zuletzt am Cityspace-Gebäude in der Wiener Mariahilferstraße, sind das große Thema der Künstlerinnen, die seit 2007 gemeinsam auftreten. Neu hinzugekommen ist jüngst die Stick-Technik, mit der Figuren-Umrisslinien mit Wollfäden gestisch, expressiv auf Leinwand gestickt werden, wo sie in einen Dialog treten mit dem abstrakten Farbraum und Textfragmenten, die der Lesbarkeit des Bildes nur scheinbar Vorschub leisten. Neben diesen Tafelbildern haben Fulterer/Scherrer, die gerne direkt auf der Wand arbeiten, auch eine eigene Technik entwickelt, die es erlaubt, in die Wand hinein zu sticken, was einem radikalen, verletzenden Eingriff gleichkommt. Assoziationen zur Graffiti-Ästhetik werden in mehrerer Hinsicht augenscheinlich: die gekritzelten Textfragmente mit der vermeintlichen Message, die von Neon dominierte Farbpalette und die großzügig dimensionierten Wandmalereien. Doch mit dem Gestickten setzen Fulterer/Scherrer gleich wieder einen starken Kontrast, wenn das Trashige der Sprayerszene, der schnelle Duktus der Street-Art quasi domestiziert wird und auf die scheinbar biedere, ungleich langsamere Sticktechnik, die ihrerseits in neuem Licht erscheint, trifft. In diesen nivellierenden, sich gegenseitig aufhebenden Prozessen stellt sich Gleichgewicht à la Fulterer/Scherrer ein.

„Action No“, so der Titel der Präsentation, umfasst großformatige Figuren in Neonpink, Gelb und Schwarz, eingeklemmt zwischen Boden und Decke, direkt auf die Wand gemalt, und herausgelöst aus den Tafelbildern. Gemeint sind damit die formal geschlossenen Positionierungen der Figuren, die nicht agieren, sondern in sich ruhen, zurückgezogen, zusammengerollt. „Isoliert, anonym, gesichtslos verweigern sie die Empathie des Betrachters. In ihrer emotional aufgeladenen, expliziten Haltung versteht sich jede Position als Bildzeichen, das auf sich selbst zurückgeworfen wird“, so die beiden Künstlerinnen, die in Zukunft wieder vermehrt in Richtung Skulptur weiterarbeiten wollen. Gabriele Fulterer hat Bildhauerei bei Bruno Gironcoli studiert, Christine Scherrer war an der Angewandten bei Ingeborg Strobl und Erwin Wurm. Mehr als eine gelungene Kostprobe dazu liefert ein schwarzes Objekt aus Epoxy, das wie ein Findling mit Nabel auf dem Galerieboden zu liegen kommt, sich aber unverhohlen figurative Anleihen nimmt.

Die Ausstellung wird am
7.November, 19 Uhr, in der Galerie Lisi Hämmerle in Bregenz (Anton-Schneider-Straße 4a) eröffnet. Zu sehen bis 12.Dezember, Mi bis Fr,
15 bis 19 Uhr, Sa, 16 bis 19 Uhr.