So wie damals, als einer rief: „Er lebt!“

Kultur / 06.11.2015 • 21:48 Uhr / 12 Minuten Lesezeit

Walid verlor seinen Geburtstag an einem siebenundzwanzigsten Oktober in einer Kiste aus Metall. Das fiel ihm aber erst vier Tage später auf, als er von der Polizei aufgriffen wurde. Walid hatte keine Papiere dabei, man hatte ihm geraten, ohne sie zu reisen, und als der unfreundliche Polizist ihn nach seinem Geburtstag fragte, fand er anstelle eines Datums einen schwarzen, leeren Fleck in seiner Erinnerung.

Es musste in der Kiste passiert sein. Walid war sich ganz sicher, dass er seinen Geburtstag noch bei sich gehabt hatte, als er in die Kiste gestiegen war. Nun aber war er weg, und Walid konnte nicht zur Kiste zurück, um ihn zu suchen, der Transporter mit der Kiste war schon längst weiter gefahren, zur nächsten Station, mit weiteren Menschen im Gepäck. Aber auch wenn die Kiste noch da gewesen wäre, hätte Walid nicht zurück gewollt. Ihn schauderte, wenn er an sie dachte. Mehr als achtundvierzig Stunden hatte er in ihr die Anwesenheit des Todes gespürt. Das Wimmern der beiden Männer, zwischen denen er gelegen hatte, steif wie ein Brett, die Nase dicht am Metall. Die Kiste sei für vier Personen ausgelegt, hatte der Schlepper gesagt, wo aber der Vierte Platz hätte finden sollen, das war Walid ein Rätsel, schon zu dritt lagen sie eng aneinander gepresst und konnten sich nicht rühren.

Die Kiste befand sich hinten im Auto unter einem doppelten Boden. „Eine sichere Sache“, hatte der Schlepper gesagt. Walid hatte etwas Gutes in seinen Augen gesehen. Walid hatte ein Gespür für gute Augen, es hatte ihn noch nie im Stich gelassen, deshalb vertraute er auch diesmal darauf und tat, was der Schlepper von ihm verlangte. Er hielt sich sogar daran, als es hieß: „Kein Essen und kein Trinken vor der Abfahrt!“ Doch Walid war der einzige, der sich daran hielt, und nach nur wenigen Stunden Fahrt mengte sich in die stickige Kistenluft nicht nur der Angstschweiß, sondern auch ein stechend säuerlicher Uringeruch.

Keiner wusste, wie lange sie unterwegs sein würden. Über Mazedonien wollten sie fahren, mehr wussten sie nicht. Einmal piepste ein Handy: „Welcome to Hungary.“ Stunden über Stunden lagen sie eng zusammengepresst, das laut ratternde Geräusch der Räder in den Ohren. Walid litt unter dem Rütteln und Vibrieren, das unentwegt durch seinen Körper ging. Seine Knochen schmerzten, er bekam Krämpfe, und wenn das Auto über ein Schlagloch fuhr, schlug sein Gesicht gegen das Metall. Bald spürte Walid Blut auf seiner Stirn, und er konnte nicht sagen, ob seine Benommenheit vom Schmerz, vom Durst oder von der Atemnot kam. Neben ihm wimmerten unermüdlich die beiden Männer.

Nicht nur einmal verlor Walid die Zuversicht: Würde er jemals wieder das Tageslicht erblicken? Eine namenlose Angst fuhr ihm in die Glieder, und sein Herz schlug schneller. Er wollte schon schreien und um sich schlagen, da sah er die liebenden Augen seiner Mutter vor sich. Mit ihren letzten Ersparnissen hatte sie ihn auf diese Reise geschickt. „Es ist zu deinem Schutz“, hatte sie gesagt und kein weiteres Wort verloren. Sie war allein in der Heimat zurück geblieben, das Geld hatte nur für einen gereicht. Walid war es ihr schuldig, ruhig zu bleiben, er war es ihr schuldig zu überleben. Also atmete er tief durch und murmelte: „Holland.“ Immer wieder sagte er dieses Wort, das ihn in einen weichen, hellen Hoffnungsschimmer hüllte. Holland war sein Ziel, dort lebten entfernte Verwandte. Bei ihnen wartete ein neues Leben. Der Gedanke daran beruhigte Walid.

Doch als die Luft immer dünner wurde, half das Wort nicht mehr, half der Gedanke nicht mehr, und statt des Bildes seiner Mutter sah er plötzlich den blutüberströmten Körper seines Vaters vor sich. Walid war dabei gewesen, als sie ihn umgebracht hatten. Auch auf ihn hatten sie eingestochen, doch wie durch ein Wunder hatte er überlebt. Walid wollte diese Bilder nicht sehen, ihm wurde schlecht davon, also biss er sich so fest auf die Zunge, dass der Schmerz in seinen Kopf stieg und das Schwarz vor seinen Augen zu flimmern begann. Doch erst, als das Blut in seine Kehle rann, verschwanden die Bilder aus seinem Kopf.

Schwach und ausgehungert kroch Walid nach achtundvierzig Stunden aus der Kiste, das Tageslicht blendete ihn, sein Körper schmerzte, er konnte kaum stehen. Der Schlepper sagte etwas von „Wien Westbahnhof“ und fuhr davon. Walid verstand nicht, er hatte doch nach Holland gewollt. Holland, so war es mit dem Schlepper vereinbart gewesen. Von Österreich wusste er nichts. Was sollte er hier?

Drei Tage und drei Nächte trieb er sich in einem Park herum, bis er am vierten Tag Jannik kennenlernte, der nach Mailand wollte. Mailand war Walid ein Begriff, er schloss sich Jannik an. Doch noch bevor die beiden in den Zug steigen konnten, wurden sie von der Polizei aufgegriffen.

Walids Alter wurde mittels Handwurzeluntersuchung bestimmt und ein neuer Geburtstag festgelegt. Die Polizisten kannten das schon. Viele von denen, die sie aufgriffen, behaupteten, ihren Geburtstag nicht zu kennen. Dass Walid seinen Geburtstag wirklich verloren hatte, glaubten sie nicht.

Walids neuer Geburtstag wurde auf den 1. Jänner festgelegt. Am nächsten 1. Jänner sollte er sechzehn werden. Doch wie viele 1. Jänner seitdem auch vergingen, dieser Tag würde sich für Walid niemals feierlich anfühlen, denn jedesmal würde er ihn an die Zeit in der Kiste erinnern, in der er seinen richtigen Geburtstag verloren hatte.

Walid hatte Glück im Unglück. Zwar kam er nicht nach Holland, doch wurde nach wenigen Wochen im Flüchtlingslager eine Mentorin gefunden, die sich seiner annahm. Johanna. Sie lebte am anderen Ende des Landes, in Vorarlberg, und sie hatte gute Augen. Johannas Kinder waren schon lange aus dem Haus. Nach nur wenigen Monaten in einer betreuten Flüchtlingswohneinrichtung zog Walid bei ihr ein.

Johanna half ihm beim Erlernen der neuen Sprache, und nach nur einem Jahr konnte er sich schon gut verständigen. Sie erklärte ihm die Gewohnheiten der Leute in Vorarlberg, sie machte mit ihm Hausaufgaben und gab ihm Nachhilfe in Mathematik. Das war manchmal nicht einfach, denn Walid hatte Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Erst als er dem örtlichen Judoverein beitrat, beruhigte sich sein getriebener Geist.

Walid war ein umgänglicher und aufgeschlossener Junge, er fand schnell Freunde. Es dauerte auch nicht lange, da lernte er ein Mädchen kennen. Wenige Monate später brach sie ihm das Herz. Johanna tröstete ihn geduldig und liebevoll, und nicht nur dieses eine Mal. Sie war immer für ihn da. Wenn er in der Nacht laut schreiend aus einem Angsttraum hochfuhr, kam sie an sein Bett und hielt seine Hand, bis er wieder eingeschlafen war. Wenn sein Oberschenkel schmerzte, was seit den Tagen in der Kiste oft geschah, fuhr sie mit ihm zum Arzt. Sie begegnete ihm mit großem Verständnis, als er sich auf einer Berghütte weigerte, in einem Schlafsack zu schlafen, und als er wegen seines Asylantrags in der Hauptstadt vorsprechen musste, begleitete sie ihn dorthin.

Der erste Antrag wurde abgelehnt. „Mangelnde Integration“, hieß es, doch keiner, der Walid kannte, konnte das verstehen. So nahm sich Johanna einen Anwalt und erhob Einspruch gegen diesen Bescheid. Johanna setzte alle Hebel in Bewegung, ließ Gutachten von Lehrern, Psychologen und Bekannten erstellen und schrieb Briefe ans Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl.

Jahre des Kämpfens, des Bangens, der Bürokratie. Die Hoffnung auf einen positiven Asylbescheid vor seinem 18. Lebensjahr – dann könnte er seine Mutter auf legalem Weg zu sich holen– gab Walid irgendwann auf. Dennoch trug er seinen grauen Pass, der ihm Freiheit und Sicherheit schenkte, mit großem Stolz, und das Land, von dem er vor seiner Flucht noch nichts gewusst hatte, wurde eine zweite Heimat für ihn. Er hatte dort dank Johanna so etwas wie Geborgenheit gefunden, und die Geborgenheit tröstete ihn über den verlorenen Geburtstag und die Qualen seiner Flucht hinweg. Immer seltener dachte er darüber nach.

Doch dann, viele Jahre später, an einem feuchtkalten Herbsttag, kam alles wieder zurück: Walid war auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle, eine kleine freie Autowerkstatt, auf der Straße lag taunasses Laub. Walid war bester Laune, er pfiff zur Musik, die im Radio lief. Der Tag hatte gut begonnen, mit einer Zeitung und frisch gebrühtem Kaffee, er sah nicht rechtzeitig, dass das Auto auf der gegenüberliegenden Fahrbahn ins Schleudern geriet. Es geschah wie in Zeitlupe, und doch konnte Walid nichts mehr tun.

Als sein Kopf gegen die Windschutzscheibe schlug, sah Walid sich plötzlich wieder in der dunklen Kiste, mit all den Schmerzen und Ängsten und dem warmen Blut auf der Stirn. Und dann zog alles rückwärts an ihm vorbei: die Wochen im Flüchtlingslager, die Fahrt in der Kiste, die Überfahrt durch den Sturm. Er sah die besorgten Blicke seiner Mutter und spürte ihre Hände, mit denen sie ihn ein Jahr lang gesund gepflegt hatte. Und dann sah er seinen Vater, auf den die fremden Männer mit Messern einstachen. Er spürte die Verzweiflung und die Hilflosigkeit, mit der er dagestanden und geschrien hatte, bis sie auch auf ihn losgegangen waren. „Lauf, Walid, lauf!“, hatte sein Vater noch gerufen, doch Walid war wie versteinert gewesen.

Und in diesem Moment der Versteinerung, den Walid nun noch einmal durchlebte, sah er plötzlich alles ganz klar, und er verstand endlich, warum seine Mutter ihn fortgeschickt hatte, verstand, warum sie bis heute über den Tod ihres Mannes schwieg, und ihm wurde klar, dass auch er schweigen musste, dass er vergessen musste, wenn er seine Mutter vor weiterem Leid bewahren wollte. Tränen schossen in Walids Augen, als er plötzlich wieder in ihren Armen lag, als das ahnungslose Baby, das an einem zweiten November geboren worden war. Walid spürte die Hand seiner Mutter auf seiner Wange, oder war es die Hand von jemand anderem, sie war so grob und kalt. „Der zweite November“, dachte Walid, und plötzlich, ganz unerwartet, kam das Tageslicht zurück, so wie damals, als er aus der Kiste gestiegen war, und einer rief: „Er lebt!“

Zur Person

Verena Petrasch

Geboren: 1981 in St. Gallen, aufgewachsen in Dornbirn

Wohnort: Dornbirn

Ausbildung: Grafik-Design-Studium in Wien, Auslandssemester in Göteborg etc.

Publikationen: Beiträge in Anthologien u. a. vom Residenz-Verlag, der veröffentlichte Text ist auch in „Tortenschlachten – Geschichten zum Geburtstag“, Residenz Verlag, erschienen

Auszeichnungen: Mira-Lobe-Stipendium für Kinder- und Jugendliteratur, Design-Awards