Neue Musik vor überschaubarem Publikum

08.11.2015 • 18:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bassist Peter Herbert.  Foto: JU
Bassist Peter Herbert.  Foto: JU

ORF-Festival „Texte & Töne“ bot einen Überblick über das aktuelle Schaffen im Land.

DORNBIRN. Innovativ und enorm kreativ zeigte sich eine Auswahl der Vorarlberger Komponisten- und Literatenszene am Wochenende beim Festival „Texte & Töne“ des ORF in Dornbirn. Besonders spannend waren genreüberschreitende Konfrontationen, die bis zur bildenden Kunst reichten und Spannungsmomente hervorbrachten. Als Beispiele seien zwei türkischstämmige Migranten genannt, der Wiener Poetry-Slammer Muhammet Ali Bas (Text) und der in Klaus lebende Murat Üstün (Musik), die mit dem Werk „Hängebrücke“ aktuell die Unsicherheit der Flüchtlingsströme thematisieren. Oder Wolfgang Mörth und Peter Herbert, die seit 1991 zusammen arbeiten und mit dem selbstironischen Text „F. M. Felder autogen“ punkten. Im Mittelpunkt des dichten Programms der beiden Tage aber steht Musik des 21. Jahrhunderts aus Vorarlberg, vier Uraufführungen von Kompositionsaufträgen des „ensemble plus“ mit Förderung des Landes und drei frühere Orchesterwerke mit dem SOV. Dieses findet hier eine Nische, um sich gemäß seinem Auftrag Werken heimischer Komponisten zu widmen, die im Abo-Zyklus wenig Gegenliebe beim Publikum finden. Neues zu bieten war nicht möglich, da der Bund die Hälfte der Subvention gestrichen hat. Kuratiert wurde das Festival von den Leitern beider Ensembles, Andreas Ticozzi und Thomas Heißbauer, bzw. Daniela Egger von Literatur Vorarlberg. Inhaltlich geht es vor allem um die „tiefen Töne“, und da wird der international tätige Musiker Peter Herbert zum „Man of the Festival“.

Groovig

Bei seinem neuen Werk „BAB“ („Built A Bassoon“) setzt Katharina Felder spielend und spielerisch Stück für Stück ihr Fagott zusammen, während Herbert unbeirrt groovig seinen Kontrabass bearbeitet, bis die beiden Melodielinien zum dichten Mit- und Gegeneinander verschmelzen. Ein wichtiger Part ist Herbert auch in David Helbocks neuem, düsteren Werk „Masks of truth“ übertragen, in dem es in einem hartnäckigen Bassthema mit archaischen Urtönen am Subkontra-Fagott (Matthew Smith) um mythologische Entwicklungen geht, die sich in virtuos-fantasievollen Klavierkaskaden eruptiv entladen. Dazwischen zeigt sich Peter Herbert auch in seinem autobiografisch geprägten Kontrabass-Konzert „Climbing“ (2003) als lockerer, unglaublich mit seinem Instrument verwachsener Solist, zusammen mit dem SOV, das diesmal als 16-köpfiges Streichorchester unter dem eloquent dirigierenden und moderierenden Ernest Hoetzl mit großem Einsatz aufspielt. Dabei erhält auch Wolfgang Lindner eine Bühne für sein farbenreich ausgeflipptes Vibrafonkonzert „Rodeo“ (2003), das in seinen Ansprüchen an den 23-jährigen mitreißenden Christoph Sietzen als Solist wirklich einem Parforceritt gleicht. Das Werk „Ad Parnassum“ (2005) der Schweizerin Iris Szeghy ist etwas plakativ geratene Programmmusik mit Gedanken über einen Bilderzyklus von Paul Klee.

Von Murat Üstün erklingt sein Bratschen-Solostück „Spuren“ (2002) mit Guy Speyers, in dem er seine Lebensspuren und sein Heimweh verarbeitet hat. Für sein neuestes Werk, das Trio „Mosquitos“, bezieht Üstün die Spannung aus der Idee, eine elektrisch verstärkte Bratsche (Andreas Ticozzi) mit ihrem aufdringlichen klanglichen Stachel und erweitertem Klangspektrum gegen die beiden herkömmlichen Streichinstrumente Violine (Monika Tarcsay) und Viola (Guy Speyers) in Stellung zu bringen. Die ungewöhnlichste Uraufführung kommt wie zu erwarten von Gerald Futscher mit seinem Vokalwerk „Quand la nuit se découpe“ („Wenn die Nacht sich zerteilt“) nach einem in karger Sprache gehaltenen Gedicht des provokativen französischen Schriftstellers Michel Houellebecq. Über einem oftmals undefinierbar diffusen Background aus der Zuspielung skurril „verlangsamter Vögel“, Klavier und Harmonium bewältigt die Sopranistin Monika Lichtenegger mit Bravour und mit Hilfe einer Stimmgabel extreme Probleme der Stimmführung. Alle drei Konzertteile finden ein interessiertes, wenn auch überschaubares Publikum.