Die Serenissima liegt am Bodensee

10.11.2015 • 20:34 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Im Obergeschoß des KUB befindet sich der Nachbau der Deckenkonstruktion für Venedig, im ersten Stockwerk beschäftigt sich Heimo Zobernig mit Fragen zu Maß, Raum und Funktion. Fotos: VN/Steurer
Im Obergeschoß des KUB befindet sich der Nachbau der Deckenkonstruktion für Venedig, im ersten Stockwerk beschäftigt sich Heimo Zobernig mit Fragen zu Maß, Raum und Funktion. Fotos: VN/Steurer

Im Kunsthaus Bregenz stellt Heimo Zobernig deutliche Bezüge zur Biennale Venedig her.

Christa Dietrich

Bregenz. Es geht sich gerade noch aus. Bis 22. November ist die Weltkunstschau in der Lagune geöffnet, wer den Austria-Pavillon auf der Biennale von Venedig noch nicht betreten hat, dem bleibt noch eine gute Woche. Danach empfiehlt sich jenen, die dort waren (und auch jenen, die es nicht schafften) das Kunsthaus Bregenz. Die Präsenz von Heimo Zobernig, einem der bekanntesten Vertreter der österreichischen Gegenwartskunst, in Vorarlberg ist sowohl einem Konzept als auch dem Zufall zu verdanken. Der ehemalige KUB-Direktor Yilmaz Dziewior hat den Künstler in seiner Funktion als Biennale-Kommissär für Venedig auserkoren und ihn auch ins Jahresprogramm für Bregenz aufgenommen. Schon bei der Eröffnung der Biennale im Mai stand fest, dass eine Verbindung vom einen zum anderen Ort hergestellt wird. Sie offenbart sich nun als Blick hinter die Kulissen und als Einblick in das bildhauerische Schaffen.

„Die Dinge nehmen ihre Geschichte immer mit“, erklärt Zobernig im Gespräch mit den VN seine Idee bzw. Vorgehensweise. Es sei geradezu fantastisch, dass es ihm im Kunsthaus nun möglich ist, deutlich zu machen, wo der Ausgangspunkt ist, bzw. auch den gesamten Körper einer Skulptur zu zeigen, von der in Venedig nur die Oberfläche sichtbar war.

Wer sich darauf einlässt, erlebt in der Tat Spannendes. Während Zobernig den hellen Hoffmann-Pavillon mit einer dunklen Zwischendecke und einem ebensolchen Boden weg von der monumentalen Architektur hin auf ein menschliches Maß trimmte (und dem Besucher zudem ein angenehmes und deshalb gut frequentiertes Erholungszentrum bot), wird das Obergeschoß des Kunsthauses quasi zu einem Abbild des Pavillons. Die venezianische Kopie verdrängt nicht nur die Glasdecke im Zumthor-Bau, sie eröffnet auch Blicke in das technische Innenleben, die sonst nicht gegeben sind. Dass das Abbild an sich nicht zur Gänze Platz hat, scheint nicht zu stören, erweckt man doch so den Eindruck, dass sich der Kubus im Freien ins Unendliche fortsetzt. Um von poetischen Ausflügen wieder zurück zur Realität zu finden, sei erklärt, dass die quaderhaften Durchbrüche jene Stellen bezeichnen, an denen sich in Venedig Wände und Säulen befinden. Das Schattenspiel, das sich dort aufgrund der gerade noch erahnbaren Oberlichtfenster ergibt, hat in Bregenz freilich ein deutliches Ausmaß.

Der „Regalkünstler“

Jene Bronzeskulptur, die die Raumwirkung in Venedig zerstört hätte, fand in Bregenz nun ausreichend Platz. An Zobernigs einstige Schaufensterpuppenarbeiten wird man angesichts dieser rohen Gussform mit den noch vorhandenen Schütt- und Entlüftungskanälen ebenso erinnert wie an pathetische Skulpturformen, die Zobernig, der hier sein Antlitz nachbildete, ironisch bricht. Ähnlich Erzählerisches befindet sich im ersten Stockwerk, in dem Regalskulpturen der letzten 25 Jahre versammelt sind. Zobernigs Antwort auf den Minimalismus ist bekannt, tritt hier in geballter Form auf und gipfelt in einer weißen Pressspanplatte auf Rollen, die im Außenraum, am Tizian-Platz, ihre schwarze Entsprechung findet. Die Maße dieser 13,85 Meter hohen und 12,8 Meter breiten Wand stehen im Bezug zum Kunsthaus. Laut Zobernig hätte das Werk gerne noch größer ausfallen können. Scheu vor optischer Wucht kennt er nicht. Allerdings muss das Konzept stimmen. So wie in jenem Geschoß, in dem er mit Moltonvorhängen einfach einen, „seinen“ Raum baut, der wiederum den Blick in die Deckenkonstruktion von Zumthor freigibt und, für den, der es weiß oder wissen will, auf eine Schau im Pariser Centre Pompidou Bezug nimmt.

Es ist ein OEuvre-Überblick, der weitere aufschlussreiche oder witzige Aspekte beinhaltet, wenn man weiß, dass ein Sockel für eine Wotruba-Skulptur auf der Europalia 1987 in Brüssel eher aufgrund eines Versehens zum Zobernig-Kunstwerk wurde. Die aktuelle Fragestellung ist intendiert und für eine derart intensive Auseinandersetzung mit Proportionen bietet das Kunsthaus nun einmal den idealen Rahmen.  

Was mir im Vergleich zu Venedig gefällt, ist, dass die Arbeit jetzt als Körper zu erleben ist.

Heimo Zobernig
Mit schwarzen Kuben gestaltete Heimo Zobernig heuer den Austria-Pavillon auf der Biennale Venedig. Foto: APA
Mit schwarzen Kuben gestaltete Heimo Zobernig heuer den Austria-Pavillon auf der Biennale Venedig. Foto: APA

Zur Person

Heimo Zobernig

Geboren: 1958 in Mauthen

Wohnort: Wien

Ausbildung: Akademie der bildenden Künste, Wien

Tätigkeit: Künstler, Professor für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien

Ausstellungen: Gruppen- und Einzelausstellungen, 2015 Österreichs Vertreter auf der Biennale Venedig

Eröffnung im Kunsthaus Bregenz am 11. November, 19 Uhr. Zu besichtigen bis 10. Jänner 2016: www.kunsthaus-bregenz.at