Eine gute Party endet fast immer in der Küche

Kultur / 11.11.2015 • 22:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szene aus der Produktion „Die kahle Sängerin“ von Eugène Ionesco am Vorarlberger Landestheater in Bregenz. Foto: VN/Paulitsch
Szene aus der Produktion „Die kahle Sängerin“ von Eugène Ionesco am Vorarlberger Landestheater in Bregenz. Foto: VN/Paulitsch

„Die kahle Sängerin“ legte sich gestern Abend erfolgreich mit der Bildhauerei an.

Christa Dietrich

Bregenz. Terminkoordination ist offenbar nicht das, was in der Kulturhäuser Betriebsgesellschaft wirklich gelingt. Während in einem der drei dazugehörenden und benachbarten Betriebe, im Kunsthaus Bregenz, gerade die Vernissage zur Ausstellung mit Arbeiten von Heimo Zobernig lief, war im anderen, dem Landestheater, die Premiere von Eugène Ionescos Stück „Die kahle Sängerin“ doch noch recht gut besetzt. Immerhin darf man davon ausgehen, dass sich der eine oder andere am gestrigen Abend für diese oder jene Tür zu entscheiden hatte und sich dabei nicht leicht tat.

Die Ionesco-Fraktion war sich jedenfalls in wenigen Minuten einig, die richtige Wahl getroffen zu haben, so viele spontane Lacher sind oft nicht einmal dann zu hören, wenn es sich nur um eine Komödie und nicht – wie in diesem Fall – um eine absurde handelt. „Lieber ein Ei brüten als einen Brei hüten“, solch einen Satz hat man noch von der Schulzeit im Ohr und zumindest in der Region lange nicht gehört. Der französisch-rumänische Autor Eugène Ionesco (1909–1994) zählt hierzulande nicht zu jenen, denen man Klassikerpflege angedeihen lässt. Der Plan des Vorarlberger Landestheaters, neben dem Regisseur Matthias Rippert und der Ausstatterin Selina Traun ein vergleichsweise neues Schauspielerteam damit zu betrauen, hat sich jedenfalls als gut erwiesen. Die Frage, warum eine gute Party fast immer in der Küche endet, braucht sich nicht zu klären, das 1950er-Jahre-Ambiente eines der Bühnenbilder verleiht der gesamten Produktion einen zusätzlichen Reiz.

Tragikomisch

Dort, wo Ionescos 1950 uraufgeführtes Stück „Die kahle Sängerin“ seit 1957 fast täglich auf dem Spielplan steht, wird tatsächlich viel gekocht. Das Pariser Théâtre de la Huchette befindet sich versteckt in den kleinen Gassen am linken Seineufer. Dort, wo sich eine Touristenkaschemme an die andere reiht, wo eher die Gourmands und nicht so sehr die Gourmets flanieren und man auch nicht davon ausgehen würde, dass sich ein Hotspot des französischen Theaterschaffens befindet. Der Raum ist klein, und zumindest vor ein paar Jahren noch bot man eine recht gediegene Aufführung. Dem galt es selbstverständlich etwas entgegenzuhalten, und das tut Matthias Rippert auch. Ohne den Witz zu verschenken und ohne Ionescos Intention völlig zu verleugnen. Der hatte „Die kahle Sängerin“, die als Figur gar nicht auftritt, sondern nur als Frau mit der immer gleichen Frisur Erwähnung findet, als tragischen Kontrapunkt zum bürgerlich-saturierten Selbstverständnis konstruiert.

Steile Vorlage

Den Biedermännern einfach den Spiegel vorzuhalten, wäre heutzutage zu kurz gegriffen. Der sich nach oben schiebende Bühnenvorhang im Kornmarkttheater gibt nur nach und nach den Blick auf die Wohnküche von Mrs. und Mr. Smith frei. Bevor wir die Gesichter wahrnehmen, sind die beiden schon warmgelaufen. Ziemlich heftig legen Anne Kulbatzki und Lukas Wurm ihr (Schein-)Wortgefecht an. Diese Stimmlage muss man A: erst einmal durchhalten und B: dann immer noch so weit variieren, dass sich die Idee nicht leer- läuft. Eine steile Vorlage für Mrs. (Lisa Hofer) und Mr. Martin (Silas Breiding). Mit leichter Überzeichnung hin zur Karikatur, die in Türenschlagen im schönsten Vaudeville-Theater-Stil gipfelt, stemmen die beiden Schauspieler diese witzige Alltagsschilderung der beiden Menschen, die einander zum ersten Mal sehen oder eben miteinander leben. Wer weiß es schon.

Wie es bei Ionesco weitergeht, ist bekannt. Ein Feuerwehrmann (Anton Weil) will einen Brand löschen und bringt weitere absurde Geschichten ein, und das Dienstmädchen (Bo-Phyllis Strube) hält in gut ausbalancierter Sketch-Manier alles zusammen. Am Ende landet man hier dann gar im Maisfeld, schießt wild um sich und kann halt auch dann nichts machen, wenn das Stück hier einmal nicht wieder von vorne anfängt.

Das Publikum gerät trotzdem nicht in Verlegenheit, applaudiert heftig. Mit Ionesco lässt sich viel machen. Wenn man es kann und die Sprache trotz hoher Drehzahl nicht aus den Augen verliert. Das passiert nicht und nichts wirkt aufgesetzt, wenn selbst Mina ihr wunderbares „Parole“ dazu singt.

Nächste Aufführung am
18. November, 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz:
www.landestheater.org