Innehalten in Flüssen

11.11.2015 • 17:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Kunstschaffen von Alfred Graf zeichnet sich allem Artifiziellen zum Trotz durch die Nähe zur Natur aus. FotoS: AG
Das Kunstschaffen von Alfred Graf zeichnet sich allem Artifiziellen zum Trotz durch die Nähe zur Natur aus. FotoS: AG

Neue Arbeiten und Körperabdrücke von Alfred Graf in der Galerie Arthouse in Dornbirn.

DORNBIRN. Die Aneignung von Welt geschieht bei Alfred Graf über das Material. In Sediment, Sand, Stein bildet sich die Landschaft selbst ab. Kannte man bis dato vor allem die materialhaften Tafelbilder, die geschichteten Säulen und würfelartigen Objekte des Künstlers, so taucht in den jüngsten Arbeiten, die derzeit in der Galerie Arthouse zu sehen sind, neu und überraschend der Körper auf.

Metapher und Materialgeber

„Im Fluss“ heißt die Ausstellung in der Dornbirner Galerie. Mehrdeutig, meint der Titel nicht nur den Arbeitsfluss, sondern auch den Fluss als Metapher und als Materialgeber, der dem Künstler seine Rohstoffe quasi vor die Füße spült. Während Alfred Graf sonst suchend, sammelnd und sezierend, als Wanderer und akribischer Beobachter die Landschaft durchstreift, hat er diesen Sommer sein Atelier in einen Garten an der Donau bei Wien ausgelagert und dort gearbeitet. Entsprechend geprägt sind die Arbeiten von den Stimmungen am Fluss, von der flirrenden Wasseroberfläche, auf die die Sonne Lichtreflexe zaubert, und die der Wind kräuselt, von aufgewirbeltem Sediment und einem Filter aus Schwebstoffen, wie eine transluzide Haut, die den Blick leicht trübt. In diese Annäherung an die Landschaft als Erfahrungsraum bettet Alfred Graf den Körper. Ausgehend von Abdrücken in Sand und Schlamm, die mit Gips und Wachs ausgegossen und mit dem Material des Flusses wieder aufgefüllt werden, stellt der Künstler den Bezug zwischen Mensch und Natur her. Der Torso, das Körperfragment, als Spur und Momentaufnahme, die bereits vom nächsten Regen oder der nächsten Welle wieder weggespült und ausgelöscht wird, kommt einem Vergewissern seiner Selbst im Hier und Jetzt, einem Innehalten im Fluss, gleich.

Die Essenz der Landschaft

Nicht von ungefähr stellen sich auch Assoziationen an Schöpfungsmythen ein, und wer den Gedanken vom aus Lehm geformten Menschen in die heutige Zeit überträgt, kann auch an die im Erdreich gesammelten Umweltgifte denken. Im Auseinandernehmen und Wiederzusammenfügen fragt Alfred Graf aber auch nach der Realität von Wahrnehmung. Ist das Bild der Landschaft oder das aus ihr extrahierte Material realer? Zerkleinert und gemahlen, mit Wachs und Harz gebunden, bringt der Künstler die Essenz der Landschaft in ihrer jeweils spezifischen Farbigkeit ins Bild. In einer Reihe von fünf großformatigen Flussbildern, in denen teilweise Worte durchschimmern, bedient er mit einem kleinen Augenzwinkern aber auch die Klischees von der blauen Donau und dem grünen Inn. Haptisch und sinnlich an der Oberfläche, dabei in ihrer realen Materialhaftigkeit beinahe wissenschaftlich dokumentierend, zeichnet sich Alfred Grafs Kunstschaffen allem Artifiziellen zum Trotz durch die Nähe zur Natur aus. Aus natürlichen Prozessen schöpfend, in denen nicht alles steuerbar ist, unterliegt seine Kunstproduktion ähnlichen Gesetzmäßigkeiten wie die Abläufe in der Natur selbst.

Zur Person

Alfred Graf

Geboren: 1958 in Feldkirch

Ausbildung: Akademie der bildenden Künste, Wien

Laufbahn: zahlreiche internationale Ausstellungen, Stipendien, Landart- und Kunst-am-Bau-Projekte, künstlerischer Leiter der Galerie allerArt in Bludenz

Auszeichnungen: u. a. Theodor Körner Preis, Förderpreis Vorarlberger Landesregierung

Wohnort: Wien

Die Ausstellung ist in der Galerie Arthouse, Dr. Waibel-Straße 6, in Dornbirn, bis 5. Dezember geöffnet, Mo bis Fr, 9 bis 12 und 14 bis 18 Uhr, Sa, 9 bis 12 Uhr.