Sieger war der „Feuervogel“

12.11.2015 • 20:53 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Dirigent Iván Fischer mit seinem Budapest Festival Orchestra und dem Geiger Thomas Zehetmair im Festspielhaus.  Foto: Mathis
Dirigent Iván Fischer mit seinem Budapest Festival Orchestra und dem Geiger Thomas Zehetmair im Festspielhaus. Foto: Mathis

Iván Fischer und das Budapest Festival Orchestra boten Meisterliches.

BREGENZ. (JU) Das Wichtigste vorweg: Einen solchen „Feuervogel“ wie am Mittwoch beim Meisterkonzert hat man wohl kaum einmal gehört. Strawinskys monumentales Orchesterporträt gelang dem charismatischen Dirigenten Iván Fischer (64) und seinem Budapest Festival Orchestra mit solcher Brillanz und Überzeugungskraft, dass man glaubte, jetzt und jetzt müsste das Orchester vor Intensität und Lautstärke explodieren. Aber nichts dergleichen geschah, dafür gab es Pianissimo-Passagen zum Niederknien, Töne wie aus dem Nichts und dazu Huster aus dem Publikum.

Auf dem Weg zu diesem Höhepunkt steht ein Programm, wie man es in dieser zwingenden Konsequenz und Stringenz nur ganz selten erlebt: Werke der beiden Zeitgenossen Sergej Prokofjew und Igor Strawinsky, mit ihrer „neuen Einfachheit“ Aushängeschilder des russischen Musiklebens im frühen 20. Jahrhundert, sind durch Entstehungsdatum und Stilistik zeitlich eng verbunden. Ihre Wiedergabe lässt technisch, klanglich, von Geist und Bühnenpräsenz her keinerlei Wünsche offen, so sehr sind Dirigent und Musiker nach ihren 30 gemeinsamen Jahren ein Herz und eine Seele. Den Rang eines Spitzenorchesters verrät allein auch die Qualität der Solisten vor allem im Holz, aber auch am ersten Hornpult.

Vergeistigt

Erster Höhepunkt ist das zweite Violinkonzert (1935) von Prokofjew mit dem großen, asketisch wirkenden Salzburger Geiger Thomas Zehetmair (53), der das Werk völlig vergeistigt angeht und darin aufgeht, auswendig und innerlich erfüllt von der beredten Aussagekraft dieses Stücks. Seine brillante Technik, sein blühender Ton sind selbstverständliche Mittel, um diesen Ausdruck ohne jedes übertriebene Gehabe zu vermitteln. Und die strenge Zugabe des deutschen Neutöners Karl Amadeus Hartmann von 1926 zeigt, wie sehr die Russen damals ihrer Zeit hinterher waren.

Iván Fischer hat die Seinen mit kleinen Bewegungen im Griff und dabei den Schalk im Nacken. Gleich in der einleitenden Prokofjew-Ouvertüre über hebräische Themen lässt er den Soloklarinettisten mit seinen schluchzenden Klezmer-Melodien während des Spiels an die Rampe vorkommen, bei Strawinskys Ballettmusik „Jeu de cartes“ („Das Kartenspiel“) treiben die Musiker mit riesigen Styropor-Spielkarten, durch die sie die Köpfe stecken können, auf der Bühne ihr Allotria. Und als Zugabe stehen die Musiker auf und singen wohlklingend vierstimmig eine alte russisch-orthodoxe Hymne – hat man schon jemals ein singendes Orchester gehört? Natürlich halten manche solche Show-Effekte an einem seriösen Konzertabend für überzogen. Dennoch hat das Orchester damit spontan den Zugang zum Publikum gefunden und den Zuhörern den Einstieg in die großteils wohl unbekannte, wenn auch nicht allzu schwer verständliche Musik erleichtert. Jedenfalls hat man sich selten zuvor einmal auf so exzellentem Niveau einen Abend lang auch so gut unterhalten.

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 21. Jänner, 19.30 Uhr, Festspielhaus, Wiener Symphoniker, Dirigent Philippe Jordan, Hilary Hahn, Violine (Dvorák, Schumann)