Eine Sache der Menschenwürde

13.11.2015 • 21:52 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Autor und Historiker Doron Rabinovici. Foto: APA
Autor und Historiker Doron Rabinovici. Foto: APA

Autor und Historiker Doron Rabinovici mit Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels ausgezeichnet.

Wien. Sein kritischer Umgang mit dem Begriff Toleranz zog sich durch beinahe alle Reden im Festakt zur Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Ehrenpreises des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln, gestern, Freitag, im Wiener Rathaus. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hieß mit Rabinovici jemanden willkommen, „mit dem sich vortrefflich über den Begriff Toleranz diskutieren lässt und der diese Rolle nicht nur als wunderbarer Schriftsteller, sondern auch als scharfsinniger Historiker und Gesellschaftskritiker wahrnimmt“. Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels, verwies eindringlich auf die Rolle der Literatur als Instrument für Toleranz. Laudator Armin Thurnher würdigte den Preisträger als „öffentlichen Intellektuellen“, der sich durch die „historische Präzision seines Blicks“ auszeichne.

Rabinovici setzte seine Rede auf der Ambivalenz der Toleranz in Lessings „Nathan der Weise“ auf und zitierte Hannah Arendts Rede bei Verleihung des Lessing-Preises 1959, wo sie Nathans Worten widersprach: Man könne sich immer nur als das wehren, als das man angegriffen ist. In weiterer Folge nahm Rabinovici auf den Umgang Europas mit den Flüchtlingen Bezug: „Geht es um Toleranz, wenn wir den Schutzbefohlenen Hilfe leisten? Ist es nicht mehr eine Sache der Menschenwürde?“, so der Autor mit Blick auf im Mittelmeer ertrinkende Menschen, auf nacktem Boden gebärende Frauen und in Lastwagen nach Atem ringende Kindern. „Hier geht es nicht um Toleranz, sondern um konkrete Hilfe in der Not. Schließlich beginnt Toleranz doch erst dort, wo ich mir etwas abverlange, wo es tatsächlich gegen mich geht.“ So habe das Wort Toleranz für ihn stets „einen schalen Beigeschmack“.

Ein Standardwerk

Rabinovici wurde 1961 in Tel Aviv geboren. Sein Vater flüchtete 1944 aus Rumänien nach Palästina, seine aus Wilna stammende Mutter überlebte im Konzentrationslager den Holocaust und reiste in den 1950er-Jahren nach Israel. 1964 übersiedelte die Familie nach Wien, wo Doron Rabinovici Geschichte, Ethnologie, Medizin und Psychologie studierte. 2000 promovierte er mit einer Arbeit über den Wiener Judenrat 1938–45, „Instanzen der Ohnmacht“, das heute als Standardwerk gilt.

„Papirnik. Stories“ war 1994 seine erste literarische Veröffentlichung im Suhrkamp Verlag – eine Sammlung von zehn Erzählungen, deren Titelfigur ein Mann aus Buchseiten ist, der am Ende verbrennt. Drei Jahre später erschien das in Wien spielende Romandebüt „Suche nach M.“, in dem die Gräuel der Vergangenheit in die Gegenwart nachwirken. Es folgten der Roman „Ohnehin“ sowie „Andernorts“. Dazwischen erschien der Essayband „Credo und Credit. Einmischungen“.

Der Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels wurde erstmals 1990 an Milo Dor verliehen, weitere Preisträger waren u.a. Kardinal Franz König, Simon Wiesenthal, H. C. Artmann oder Armin Thurnher.