Gerechtigkeit ins Zentrum gerückt

Kultur / 13.11.2015 • 22:52 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Widerstandsmahnmal wurde nach einem Entwurf der kärntnerisch-slowenischen Medienkünstlerin Nataša Siencnik errichtet. Rendering: Stadt Bregenz
Das Widerstandsmahnmal wurde nach einem Entwurf der kärntnerisch-slowenischen Medienkünstlerin Nataša Siencnik errichtet. Rendering: Stadt Bregenz

Errichtung des Widerstandsmahnmals ist
70 Jahre danach noch ein besonderer Akt.

Christa Dietrich

Bregenz. „Ein Mahnmal ist Teil unserer Erinnerungskultur und eine öffentliche Manifestation, eine Feststellung, und deshalb ist es wichtig.“ Als richtig erachtet der Bregenzer Historiker Meinrad Pichler, dass das neue Mahnmal im Zentrum der Landeshauptstadt sowohl der Erinnerung an Deserteure dient als auch jener Menschen, die in anderer Form Widerstand gegen das Nazi-Regime geleistet haben.

Die Vorgeschichte ist eine längere: Seit 2008 bemühte sich das „Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ in Österreich um die politische und juristische Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren und anderen Opfern der NS-Militärjustiz. Sie ist im Oktober 2009 durch das vom Nationalrat beschlossene „Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz“ erreicht worden. Während man davon ausgeht, dass in Österreich etwa 4000 Urteile gegen die Wehrmachtsdeserteure verhängt und mehr als die Hälfte davon vollstreckt worden sind, bezeichnet Meinrad Pichler die Zahl jener Menschen, die in Vorarlberg militärischen und zivilen Widerstand geleistet haben, mit rund 3000. Im Zuge der Diskussion um die Errichtung eines Mahnmals, die schließlich zu einem Wettbewerb führte, in dessen Rahmen es vor einigen Monaten zu einem Ergebnis kam, stand fest, dass an beide Formen des Widerstandes an einem Ort erinnert werden sollte. Zu diesem Ergebnis kam eine Arbeitsgruppe, der Pichler selbst sowie sein Historikerkollege Werner Bundschuh, der Bregenzer Stadtarchivar Thomas Klagian, Wolfgang Fetz vom Kulturamt Bregenz, die Künstlerin Ruth Schnell und Susanne Fink vom Amt der Vorarlberger Landesregierung angehörten. Einflussnahme vonseiten der Politik habe es, so Meinrad Pichler, nicht gegeben. Die Jury bildeten Pichler, Fetz, Schnell, der Architekt Helmut Kuess und Winfried Nussbaummüller, der Leiter der Kulturabteilung des Landes.

 Die Namen sichtbar machen

Der Entwurf der kärntnerisch-slowenischen Medienkünstlerin Nataša Sienčnik erhielt den Zuschlag. Ihre Arbeit sieht vor, dass die Namen von Deserteuren und Menschen, die Widerstand geleistet haben, in Form von Fallblattanzeigen sichtbar gemacht werden. Der jeweilige Name und die dazugehörenden Daten bleiben nur kurz leserlich. Passanten wird damit auch der Akt des Erinnerns vor Augen geführt. Namen von hundert Opfern scheinen in der ersten Ausführung des Mahnmals auf, sie können später durch weitere Namen ergänzt werden. Nataša Sienčnik hat auch den Ort festgelegt. Ein Aspekt, der für Meinrad Pichler wesentlich ist, rückt dieser Ausdruck der Erinnerungskultur somit ins Zentrum. Unweit des Kornmarktplatzes ist der Sparkassenplatz ein beliebter Treffpunkt in der Landeshauptstadt.

Hohe Wertigkeit

„Es ist wichtig, dass wir sehen, wohin diese Art des Denkens geführt hat; wenn sich Krisen zuspitzen und wenn sich Menschen bedroht fühlen, geistern ideologische Bestandteile wieder in der Gesellschaft“, erklärt Pichler die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Thematik auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. In einer Zeit, in der bereits eine Elterngeneration Entscheidungen trifft, die eine Pädagogik durchlaufen hat, in der – einfach gesagt – Gehorsam kein oberes Gebot mehr ist, habe die Thematik enorme Relevanz: „Es bleibt ein Bildungsphänomen“, denn es stelle sich immer die Frage, wie man Menschen zu selbstbewussten und selbstbestimmten Personen erzieht, die sich trauen gegen jegliche Rattenfänger aufzutreten.

Die Problematik der Deserteure sei zudem eine spezielle, weil das militärische Gehorsamsgebot nach wie vor für alle Staaten, auch für Demokratien gilt. Somit gelte es immer abzuwägen, wo ein persönlicher Widerstand gegen die Staatsmacht beginnen darf. „Wenn jemand wie die Deserteure der Ansicht ist, hier geschieht Unrecht und da möchte ich nicht dabei sein, dann ist es ein legitimes Recht, das auch dem Staat gegenüber zu tun“, erläutert der Historiker seine Sicht der Dinge. In Deutschland entwickelte sich bis in die 1970er-Jahre ein Rechtsstreit, denn die gängige Position lautete, dass Desertion ein Verbrechen ist – auch im Nationalsozialismus. 

In Österreich erfolgte die Rehabilitierung der Deserteure, wie erwähnt, erst vor wenigen Jahren. Das lange Warten hat Familienangehörigen und Nachkommen großes Leid verursacht.

Weitere Opfer

In diesem Zusammenhang führt Pichler auch weitere Opfergruppen an. „Menschen, die beispielsweise als Asoziale vernichtet worden sind, sind nicht wirklich rehabilitiert worden.“ Besondere Zustimmung in der Bevölkerung habe der Nationalsozialismus bei der Euthanasie erfahren. „Dass es Widerstand gegen die Euthanasie gegeben hat, liegt daran, dass die Leute dachten, jetzt kommen die Alten dran, betonte doch der Nationalsozialismus, dass nur jene Menschen ein Lebensrecht haben, die zur Produktion beitragen.“ Damit zeichnet Pichler einen Staat ohne humane Grenzen und hält fest, dass dieses Mahnmal auch ein Werk des Erinnerns an humane Traditionen ist, die einen Staat in seinem reinen Nützlichkeitsdenken einschränken. Den Wert eines solchen Mahnmals sieht Pichler auch darin, dass damit daran erinnert wird, was den Nationalsozialismus ausmachte und dass ein ganzes Bündel an Vorurteilen heute noch in unterschiedlichen Formen weiterlebt.

Den Menschen soll klar werden, dass es Situationen gibt, in denen Gehorsam zu verweigern ist.

Meinrad Pichler

Die Enthüllung des Widerstandsmahnmals am Bregenzer Sparkassenplatz erfolgt am
14. November, 10.30 Uhr.