Antike Frauenfigur findet am Bodensee ihre neue Form

Kultur / 17.11.2015 • 19:03 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Medea“ läutet in Konstanz eine Klassikerpflege ein, zu der sich noch „Faust“ gesellt. Foto: Theater/Björn Jansen
„Medea“ läutet in Konstanz eine Klassikerpflege ein, zu der sich noch „Faust“ gesellt. Foto: Theater/Björn Jansen

Obwohl vieles voraussehbar ist, könnte „Medea“ wohl kaum aktueller daherkommen.

Konstanz. (VN-cd) Ein Blick über den See kann nie schaden. Während man sich in Bregenz dem „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch, also dem Grauen und dem Glück widmet, hat sich das am anderen Bodenseeufer angesiedelte traditionsreiche Theater in Konstanz in dieser Spielzeit den Themen Macht und Ohnmacht verschrieben. „Ritter, Dene, Voss“ von Thomas Bernhard ist dabei, von Goethe spielt man in zeitlich nah beieinanderliegender Abfolge beide Teile des „Faust“, Hebbels „Judith“ und Kleists „Der zerbrochene Krug“ stehen ebenso auf der Klassikerliste wie die „Medea“ von Euripides. Nachdem man zurück in die Antike blickt, führt man mit dem Oratorium „Jan Hus“ noch ins Mittelalter. Schließlich feiert man in Konstanz immer noch das 600-Jahr-Jubiläum des Konzils, das von 1414 bis 1418 hier stattfand. Quasi als Gruß nach Österreich ist neben dem erwähnten Thomas Bernhard auch noch Martin Schwab mit den „Präsidentinnen“ dabei.

Die „Medea“, seit Jahr und Tag ein dankbares Stück, das sich bestens zwischen große Produktionen klemmen lässt, wird zwar auf die kleine Bühne verbannt, kommt dort allerdings gut zur Wirkung. Regisseur Mark Zurmühle, der sich die Übersetzung von Peter Krumme zurechtbog, konnte bei der Ausarbeitung des Konzeptes noch nicht ahnen, dass seine Arbeit einen derart aktuellen Aspekt erhalten wird. 

Zweckorientiert

In der Antike waren Menschen auf Gedeih und Verderb der Herrscherklasse oder -familie ausgeliefert. Das Paar Medea und Jason ist bekannterweise auf der Flucht. Nachdem sich der Ehemann mit den Machthabern arrangieren kann und die Ehefrau nicht mehr von großem Nutzen ist, wird sie abserviert. Das stellt sich nicht unbedingt so klar dar, aber diese Deutung liegt auf der Hand. In einen Kubus eingesperrt, lässt Zurmühle seine Medea auf Kothurnen und im starren Kleid agieren. Nach und nach legt sie die Panzerung ab und befreit sich letztendlich aus der Behausung. Der Mord an ihren Kindern wird selten derart konkret, aber durchaus plausibel dem Ehemann angelastet, der sich nicht aus emotionalen Gründen, sondern zweckorientiert an Partnerinnen bindet. Gut ausbalanciert von Jana Alexia Rödiger, Thomas Ecke und Georg Melich drängt sich das Plakative nicht vor und kommt das Aufschlussreiche spannend daher.

„Medea“ läutet in Konstanz eine Klassikerpflege ein, zu der sich noch „Faust“ gesellt. Foto: Theater/Björn Jansen
„Medea“ läutet in Konstanz eine Klassikerpflege ein, zu der sich noch „Faust“ gesellt. Foto: Theater/Björn Jansen

Weitere Aufführungen bis
29. Dezember im Theater Konstanz (Werkstatt). Dauer: ca. 90 Minuten