Dann wird David Lena im Zug treffen

20.11.2015 • 18:16 Uhr / 13 Minuten Lesezeit

Das Spiel heißt Wasdanach­kommt. David und Lena haben es oft gespielt. Wenn sie im Bett lagen und ihre Blicke Verstecken miteinander gespielt haben, wenn Lena morgens an der Kühlschranktür lehnte und David gähnte und eine Stelle an Lenas Arm suchte, an der er sie anfassen und wegziehen konnte, um den Orangensaft aus dem dritten Fach von unten aus gesehen zu holen. Wasda­nachkommt. Um mehr geht es sowieso nicht, sagt Lena, sowieso nie.

David hat Lena im Zug kennengelernt. Im Zug von Ulm nach Hildesheim.

Er weiß noch: seine Reservierungsnummer war die 45. Die Nummer in der einen, den Koffer in der anderen durch die Abteilgänge zerrend roch der Zug nach Staub und Wurstbroten und David hatte keine Hand mehr frei, um sich die Nase zuzuhalten. 45. Die blauen Vorhänge waren im Innern des Abteils zugezogen, schwüle, abgestandene Luft schlug David beim Aufschieben der Tür entgegen, quer über die rechten drei Sitze ein Deckenknäul, das schnarchte und am einen Ende aus ein paar blonden Haaren bestand. Beim Hochstemmen des Koffers wachte Lena nicht auf, dafür, als David sich die Schuhe auszog. Wachte auf und sagte, was machst du für einen Lärm.

David weiß noch: Lena sah ihn an, ihr Blick, wie man Brotkrümel vom Sofa fegt, sie sah ihn an und sah nicht schön aus dabei und sonst auch nicht. Die plattgedrückten Haare, die kleinen Augen und das rotfleckige Gesicht. Überhaupt nicht schön sah sie aus. Schau nicht so, sagte sie, gähnte, ihr Atem war kalt und roch nach Schlaf. David sagte nicht, dass Lena auf der Nummer 45 saß, auf der Nummer 45, Sitzplatz, rechts, er sagte das nicht, sagte überhaupt nichts, nickte und die Hitze kroch ihm rot am Nacken übers Kinn in die Wangen.

Vom Rest weiß David nur noch wenig. Irgendwann war Endstation und Lena immer noch da, sie beide am Bahnsteig stehend, rauchend, David weiß nicht mehr, wer gefragt hat, er Lena oder Lena ihn, was macht das für einen Unterschied, denkt David, das könnte auch Lena gedacht haben, denkt er auch. Lädst du mich auf ein Glas Wein zu dir ein oder muss ich dich zu mir mitnehmen. Auch lächelnd sah Lena nicht schön aus, ihre Lippen zu dünn, die Vorderzähne zu schief, wurden ihre Augen ganz klein beim Lachen.

Lena ist etwas, das mit der Zeit und den Blicken und dem Sex schön wird, irgendwann wird sie schön. David hat das oft gesagt. Aber nie zu Lena. Vielleicht, weil Lena gesagt hätte, wenn du mich hässlich findest, warum schläfst du dann mit mir, und weil David keine Antwort darauf gehabt hätte, außer: weil du da bist. Über sowas redeten David und Lena nicht, das hatten sie nicht ausgemacht, das wussten sie.

Davids Schritte am Boden schlurfen, er zieht den rechten hinter dem linken nach, das tut er immer. Lena hat oft gesagt, lern richtig gehen, kannst du das nicht. Aber David hat nicht gehen gelernt, obwohl er es hätte lernen können, weil Lena dann gedacht hätte, dass David weich ist. Ändern, was andere sagen, was man ändern muss, ist weich sein, das ist weich sein, David. Ja, hat David gesagt und genickt. Lena kannte alle Davidsätze, es gab nicht sehr viele. Die meiste Zeit hat David gemalt; dass er nicht malen konnte, wussten sie beide; dass David Lena trotzdem in seinen Zeichnungen immer wiedererkannte, wusste Lena, aber David nicht.

Ich will Locken malen üben, sagte David manchmal, dann, wenn er zu viel getrunken hatte und seinen ganzen Mund ausfüllte, dass Lena sagen konnte, mach den Mund auf, David, reiß den Mund auf, ja so, weiter weiter weiter und David den Mund aufriss und sagte, So und das So so groß war wie sein offener, sein aufgerissener Mund. Ich will Locken malen üben, die Haare müssen ab, sagte David, seine Hand in Lenas Haaren, zwei Finger waren ihm eine Schere. Schnippschnipp, sagte er, lachte.

Lena hat sich oft gefragt, wieso David Kunst studiert, David weiß das. Aber so ist das nicht mit ihnen, man darf nicht fragen Warum, das nicht.

Das Spiel heißt Wasda­nachkommt. Nach dem Kennenlernen kam das Küssen. Ohne Warum und ohne Aber. Irgendwann sagte Lena Ich ruf dich an, David und war weg und David fiel erst viel später auf, dass er Lena keine Telefonnummer gegeben hatte. Und David saß eine Woche lang neben dem Telefon, stand nur auf, um sich etwas zu essen aus dem Kühlschrank zu holen oder etwas zu essen zu kaufen, um den Kühlschrank damit zu füllen. David saß eine Woche lang so da und zählte seine Atemzüge und niemand rief an, weil alle nur Davids Handynummer kannten und nach einer Woche vergaß David Lena. Vergaß sie einfach so, bis ihm beim Geschirrspüler ausräumen zwei Monate später ein Weingleis mit abgebrochenem Henkel im Geschirrschrank auffiel und er sich daran erinnerte, wie Lena das Weinglas gegen die Fensterbankkante geschlagen hatte, weil: David, Henkel werden überbewertet, man muss nicht immer alles mit dem Boden verbinden, Tassen haben es den Weingläsern vorgemacht, Tassen sind die neuen Weingläser.

Lena, dachte David. Lena, denkt David.

Er weiß noch: einmal, da hat er Lena zusammen mit einem Mann im Kino getroffen und Lenas Hand lag auf dem Knie des Mannes und dessen Mund auf ihrem Nacken. David hat gedacht, dass er eifersüchtig sein müsste, hat es sich ein paar Mal im Kopf überlegt und sich angestrengt und hat das doch nicht hinbekommen, das mit dem Eifersüchtig sein. Ist stattdessen zu Lena und dem Mann gegangen, hat Hallo gesagt und sich vorgestellt und der Mann hieß Ronald und sein Atem roch faulig.

Als David am Morgen aufwachte, lag Lena wie immer neben ihm, war nackt und er war es auch und erst viel später fiel ihm ein, dass er nicht darüber nachgedacht hatte, ob sie miteinander Sex gehabt hatten. Na und?, denkt er sich dann und, dass Lena das gedacht hätte.

Wasdanachkommt, sagt Lena, so heißt das Spiel, sagt sie. Also David, sagt sie auch, hast du schon einmal jemanden betrogen.

Lena und David sitzen auf dem Fensterbrett und schauen nach draußen, David wohnt im obersten Stock, Lena mag das.

Ja, sagt David.

Und, was kam danach, fragt Lena, sie fragt nicht, Warum, das nicht, so ist das nicht mit ihnen.

David lächelt. Sie hat geschrien, getobt und war dann weg. So ist das immer.

Immer, Lena misst mit den Fingern den Abstand zwischen Davids Augen, murmelt eins, zwei, murmelt und fragt nochmal, Immer, heißt das, oft, du hast oft jemanden betrogen. Sie beißt sich auf die Zunge, das ist gegen die Regeln, so etwas zu fragen.

Oft, ja. David hält die Augen geschlossen.

4 Fingerbreit liegen deine Augen auseinander, findest du das viel, fragt Lena, aber da war David schon eingeschlafen. Im Schlaf redet David oft, es kommen viele Namen darin vor, Anna sagt er, Mia und Pia, Lena sagt er nie.

Wenn David das gewusst hätte, hätte er gedacht: Deshalb ist Lena gegangen. Er hätte das gedacht und wäre zufrieden gewesen. Aber er weiß das nicht und wird es nie wissen und deshalb denkt David: vielleicht, weil wir uns nie auf einen Film einigen konnten, vielleicht, weil Lena Brad Pitts Hintern geiler fand als meinen, vielleicht, weil Lena meine Musik im Auto nicht gefallen hat, vielleicht, weil ich einmal gesagt habe, Ich heirate dich vielleicht später, Lena, aber nur, wenn du mit dem Rauchen anfängst. Rauchende Frauen sind schön.

Am Abend bevor Lena sagte „Ich rufe dich an, David“ stolperte sie an der Treppe, als sie nach Hause kam, riss sich das Knie auf und die ganze Wohnung roch nach Blut, als David ihr Knie verarztete, sagte, Meine kleine Lena und sie auf die Stirn küsste.

Und Lena war wütend geworden, hatte geschrien und gesagt, meinemeinemeine, wie vielen sagst du das und, das ist alles Scheiße, David, scheiße ist das, so eine bin ich nicht, so eine nicht, ich bin eine, die man liebt, nicht, die da ist. Ihr Gesicht war ganz rot geworden, sie hatte geweint und David hätte sie gern gezeichnet mit den verquollenen Augen, so hässlich sah Lena aus, dass sie schon beinah schön war.

Dann schloss sich Lena im Bad ein und David musste an die Badezimmertür hämmern und rufen, Lena, ganz oft, weil sich das so gehörte zwischen ihnen. Irgendwann machte David Tiefkühlpizza, eine für Lena mit Salami und ohne Käse und stelle sie vor die Badezimmertür, aber auch das half nichts, David hat sich gewundert, wie viel Tränen ein Mensch haben kann.

Später, viel später erst, als David sich Superman auf DVD angesehen hat, mit Chips und Cola, erst da kam Lena aus dem Badezimmer, sagte, deine kurzen Haare David, ich mag die und, dass du nie über deine Frauen geredet hast, nie.

David hat aufgeschaut, gelächelt und die Arme nach Lena ausgestreckt. Nein, hat sie gesagt, ich ruf dich an, David. Und dann war sie weg.

Wasdanachkommt, David summt es leise vor sich her, so lange, bis es ihm wie ein Lied vorkommt. David liegt auf dem Sofa, die Decke ist so rot wie Lenas Haar, er hat es ihr einmal mit dem Glätteisen zu Locken gedreht, aber einmal reicht nicht fürs Üben, die Locken auf dem Papier sahen nach Korkenzieher aus und nicht nach Haar.

Was machst du, hat David Lena einmal gefragt, wo wohnst du.

Ach, das und dies, hat Lena gesagt, dort und da, hat sie gesagt.

David hätte sich gern in Lena verliebt, er hat es versucht, aber dafür braucht einer wie David viel Zeit. Er hätte Lena auch gern geheiratet und ihrem gemeinsamen Kind gern Locken gedreht, ganz oft und das Lockenmalen geübt.

Naja, denkt sich David, naja, denkt er.

Irgendwann wird David Lena im Zug treffen, im Zug von Hildesheim nach Ulm. Lena, wird David sagen und Lena wird schauen, als wüsste sie nicht, wer David ist, wird sagen, Ach, ach und so nach seinem Namen in ihrem Kopf suchen, dass sogar David selbst kurz vergessen wird, wie er heißt. David, wird er sagen und Lena wird lachen, sich mit der flachen Hand gegen den Kopf schlagen und sagen, ja, ja, klar, David, weißt du, ich war damals ganz schön in dich verliebt, aber ich wollt nie, dass du das merkst. Und David wird nicken und sagen, Schön, dich zu sehen und an der nächsten Haltestelle wird Lena aufsteigen, aussteigen und David wird sie nicht gefragt haben, Wieso bist du gegangen, weil das mit ihnen noch nie so war und das nicht zum Spiel gehört.

Zur Person

Nadja Spiegel

Geboren: 1992 in Dornbirn

Ausbildung: Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Uni Wien.

Publikationen: „manchmal lüge ich und manchmal nicht“

Bühnenstücke: Uraufführung „Kilometerfressen macht auch nicht satt“ im Theater Kosmos in Bregenz

Preise: u. a. Literaturstipendium des Landes Vorarlberg