Delikates mit Blick auf die Hippiezeit

Kultur / 20.11.2015 • 18:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Max GoldtRäusper170 SeitenRowohlt

Max Goldt

Räusper

170 Seiten

Rowohlt

Alles was Max Goldt angreift, scheint irgendwie zu Gold zu werden.

Romane. Max Goldt ist eine der schillerndsten Erscheinungen unter den deutschsprachigen Autoren. Sein neuestes Werk heißt „Räusper“. Bislang hat Max Goldt mit dem Zeichner Stephan Katz ein Dutzend Comicbücher veröffentlicht. Ein kongeniales Duo ist hier am Werken, denn Stephan Katz verleiht den Gedanken des Autors Flügel. Ob nun die Dialoge, mit einigen Regieanweisungen und Denkblasen versehen, für sich selbst stehen können, ist die Frage, denn Max Goldt hat in „Räusper“ nun eine Selektion der Texte ohne die Zeichnungen veröffentlicht.

Groteske Situationen

Große Klassiker sind dabei, „Der gelungene Antrittsbesuch“ zum Beispiel, wo ein junges Paar seinen Eltern den delikaten Beruf des Zukünftigen schmackhaft machen will, oder „Andreas“, wo im Berliner Zoo die Geburt des Teufels diskutiert und vermarktet wird. In „Stets riskant: ein freier Stuhl“, gesellt sich ein Jugendlicher in einem Lokal an den Tisch eines gut situierten Paares und sorgt für Turbulenzen. Goldt löst die oft sonderbaren und grotesken Situationen mit Humor und trotz manch brachialer Niedertracht seiner Ideen lässt er seinen Akteuren immer die nötige Würde. Ohne die Zeichnungen fehlt den Texten dennoch eine Art Inszenierung. Im Kopf hingegen lassen sich diese Dramolette gut nachspielen, hätten auch auf der Bühne Platz. Der Regisseur Kurt Palm wäre der geeignete Mann diesen Absurditäten noch eine persönliche Note zu verschaffen.

Es kann für Kinder kaum etwas Unangenehmeres geben, als wenn ihre Eltern einen Sexratgeber herausgeben, in dem sie sich persönlich noch dazu in den verschiedenen Stellungen ablichten lassen. Das ist die Vorgeschichte zu Meg Wolitzers Roman „Die Stellung“. Die Autorin beschreibt nun das Leben der mittlerweile erwachsenen Kinder. Michael jobbt in einem IT-Unternehmen und leidet unter Depressionen, Dashiell ist homosexuell und zugleich reaktionär, Holly wurde zu einem Junkie und Claudia versucht mit einem riskanten Film-Projekt ihre Vergangenheit zu verarbeiten. Alleine diese vier Geschichten würden perfekt zu einem postmodernen Drama zwischen den Generationen X und Y reichen, dennoch wollte die Autorin mehr.

Die feine Klinge

Geschickt wirft Meg Wolitzer einen Blick zurück in die Zeit der 1968er-Revolte und der sogenannten sexuellen Befreiung. Präzise zeigt sie, wie die Kinder an der öffentlich dargestellten und viel diskutierten Freizügigkeit ihrer Eltern in Mitleidenschaft gezogen wurden. Sie beleuchtet den daraus resultierenden Schatten, unter dem die Kinder groß wurden. Literarisch kann man das Buch durchaus im oberen Bereich der diesjährigen Veröffentlichungen ansiedeln, die gelungene Wortwahl gibt der Geschichte viel Kraft und den Charakteren ein Gesicht. Fernab von „Feuchtgebieten“ und ähnlichen Machwerken führt die Autorin die feine Klinge.

Meg WolitzerDie Stellung366 SeitenDumont

Meg Wolitzer

Die Stellung

366 Seiten

Dumont