In einem dieser alten Gasthäuser

Kultur / 20.11.2015 • 22:53 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
In „Knochen kochen“ belauscht Mähr auch einen Stammtisch. Foto: VN
In „Knochen kochen“ belauscht Mähr auch einen Stammtisch. Foto: VN

Seinen Stammtisch gibt es nicht, aber beim Schreiben sieht Christian Mähr reale Figuren.

Christa Dietrich

Dornbirn. Sein Buch „Alles Fleisch ist Gras“ wurde von Reinhold Bilgeri verfilmt, in „Knochen kochen“ ist Vorarlberg wieder ein Schauplatz, und die Typen sind heftig.

König Richard III., dessen Beine unlängst gefunden wurden, kommt vor und ein Wissenschaftler forscht nach dem sogenannten „Englischen Schweiß“. Für dieses Buch muss es wohl einen Auslöser gegeben haben. Welcher ist es?

Mähr: Ich glaube, die Auffindung des Skeletts von Richard III. war schon erfolgt, als ich mit dem Schreiben begonnen hatte. Das Buch ist der zweite Teil einer Reihe mit dem Personal aus dem Gasthaus „Blaue Traube“. Das Thema mit der Schweiß-krankheit verfolge ich schon seit Jahren. Das wollte ich einbauen. Ein englischer Forscher will belegen, dass
es die Krankheit gab.

Das heißt, die Wissenschaft ist dieser Krankheit auf der Spur?

Mähr: Bis jetzt weiß niemand, welche Krankheit das genau war. Sie war auf England beschränkt, und das letzte Aufflackern fand um 1530 statt. Es gibt Theorien, dass es sich um eine Art Hirnhautentzündung handelte. Die Symptome waren so massiv, dass sich Schweißlacken unter dem Bett der Kranken bildeten.

In „Knochen kochen“ werden die Gebeine eines Österreichers zum Thema, der die Krankheit gehabt haben soll. Sie sind Chemiker, sind Sie an Forensik interessiert?

Mähr: Nein, als ich studiert habe, war es auch nicht üblich, dass an jedem Abend eine Forensikerin im Fernsehen auftaucht und grausig Opfer aufschneidet. Über diese Manie mache ich mich lustig. Seitenstetten ist eine lustige Figur.

Wie finden Sie Ihre Typen? Gibt es Vorbilder für sie?

Mähr: Die Typen gibt es nicht, ich habe sie mir schon für „Tod auf der Tageskarte“ ausgedacht. Ich wollte keinen Polizeiroman schreiben, das ist langweilig. Einer wird umgebracht und man sucht den Mörder. Ein Detektivroman wäre dasselbe in Grün. Ich wollte eine Person mit viel Tagesfreizeit haben. Ein Zuhörer bei einer Lesung brachte mich auf den Wirt. Somit habe ich das Gasthaus erfunden mit dem Spielberger und merkwürdigen Stammgästen. Bei Kommissaren ist es auffällig, man findet weder bei Geschriebenem noch im Fernsehen einen Kommissar, der alle Tassen im Schrank hat, die haben alle ein Eck ab.

In Ihrem Buch gibt es so etwas wie Präkognition.

Mähr: Darauf hat mich eine Dokumentation gebracht, in der von einem Amerikaner berichtet wurde, der nach einem Unfall nichts mehr vergessen konnte.

Erklären Sie den Nicht-Dornbirnern bitte, was es mit der „Blauen Traube“ auf sich hat.

Mähr: Es gibt sie nicht. Ich habe von Freunden erfahren, dass es so ein ähnliches Gasthaus am Rande von Dornbirn gab. Es war eines dieser aussterbenden Gasthäuser, die noch nicht in eine Sushi-Bar umgewandelt wurden. Mir ist auch kein Holzschnitzer bekannt. Wobei ich meine Figuren vor meinem geistigen Auge agieren lasse, damit sie eine Maske haben. Ich gehe immer von einer optischen Vorstellung aus und sehe reale Figuren vor mir, beim Chemiker aber eher nicht, das scheine ich selbst zu sein, ich sehe mich ja nicht.

Karriere und Eitelkeiten scheinen starke Themen zu sein. Begegnen Sie ihnen oft?

Mähr: Ich habe während der Studienzeit gewisse Erfahrungen gemacht, aber keine speziellen. Mir fällt viel beim Schreiben ein, es ist auch ein Problem, wenn ich die Zügel zu locker lasse, dann rennt etwas davon und ist schwer wieder einzufangen; wenn ich zu strikte Pflöcke einschlage, leidet aber die Kreativität, und dann wird es zu langweilig.

Zuerst „Tod auf der Tageskarte“ und dann „Knochen kochen“. Wann kommt der dritte Teil?

Mähr: Ich habe meinem Verlag eine Serie vorgeschlagen, jetzt hat es aber eine Personaländerung an der Spitze von Hanser gegeben, die alles verändert hat. Ich sagte: „Ich bin kein Getränkeautomat, wo man zwei Euro reinwirft und dann kann man Fanta oder Cola rausholen.“ Weil die letzten beiden Romane ironisch gebrochen die Rettung der Welt beinhalten, muss das wieder so sein. Im ersten wird verhindert, dass man eine Atombombe baut, im zweiten, dass sich eine Seuche ausbreitet, über den dritten denke ich noch nach. Ich kann meine geistige Tätigkeit nicht vom Umsatzvorhaben eines Verlages abhängig machen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Verfilmung von „Alles Fleisch ist Gras“ gemacht?

Mähr: Die besten. Ich wurde mehrfach darauf angesprochen. Ein Mann sagte, das Buch sei gut, beim Film sei er nicht mitgekommen. Ich bin vorbelastet, ich bin mitgekommen. Der Moretti, die Morzé und der Böck waren super. Für meine Begriffe hat Reinhold Bilgeri in der kurzen Zeit alles hingekriegt. In 21 Tagen musste alles gedreht sein. Von wegen Dolce Vita beim Film, wenn die Vorarlberger Bevölkerung nicht so mitgetan hätte, hätte das nicht funktioniert.

Bilgeri hat vor, weitere Werke von Ihnen zu verfilmen.

Mähr: Er ist mit dem Drehbuch für „Semmlers Deal“ vor seinem Film „Der Atem des Himmels“ zu mir gekommen. Wir werden sehen.

Zur Person

Christian Mähr

Geboren: 1952 in Nofels

Werdegang: Doktor der Chemie, Schriftsteller

Bücher: „Simon fliegt“, „Semmlers Deal“, „Alles Fleisch ist Gras“, „Karlitos Reich“, „Das unsagbar Gute“, „Tod auf der Tageskarte“, „Knochen kochen“

Bühnenstücke: „Spengler oder Stiefel muss sterben“

Wohnort: Dornbirn

Lesung aus „Knochen kochen“, Signierstunde und Diskussion mit Christian Mähr am 24. November, 19.30 Uhr, bei Russmedia in Schwarzach (Gutenbergstraße 1).