Schutzlos ausgeliefert

20.11.2015 • 17:11 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Holocaust-Mahnmal im Zentrum von Berlin. Foto: AP
Holocaust-Mahnmal im Zentrum von Berlin. Foto: AP

Der Holocaust war, wie Snyder in „Black Earth“schreibt, möglich, weil zuvor Staaten zerstört wurden.

Sachbuch. Der Yale-Professor und Berater von US-Präsident Barack Obama stützt sich dabei vor allem auf osteuropä­ische Quellen. Von Rumänien bis Frankreich zeichnet Timothy Snyder penibel nach, wie die Erosion von Rechtsstaatlichkeit das Werk der Vernichtung erleichterte. Dabei habe sich NS-Deutschland bei der Rückeroberung der zuvor von der Roten Armee besetzten Gebiete auf Stalins Vorarbeit stützen können: Mit der Verfolgung von Intellektuellen und anderen „Klassenfeinden“ habe schon die Sowjetbesatzung jede Form von Legalität zerstört.

Snyder geht es aber nicht um eine simple Gleichsetzung, er will die vielschichtige Dimension des Holocaust ausloten. Warum wurden etwa in Estland 99 Prozent der Juden ermordet, während im besetzten Dänemark 99 Prozent überlebten? Estland, antwortet Synder, habe eine doppelte „Zerschlagung der höheren Verwaltung und der politischen Elite“ erlitten – zunächst durch die Sowjets und dann durch die deutschen Besatzer. Die Juden seien ihnen schutzlos ausgeliefert gewesen. In Dänemark dagegen habe der Staat den Besatzern getrotzt und sich vor seine jüdischen Bürger gestellt. Allerdings seien nicht-dänische Juden deportiert worden.

Verschärft wurde die Lage im Osten durch eine „doppelte Kollaboration“: In den im Russland-Feldzug eroberten Gebieten habe sich ein Teil der Bevölkerung schnell auf die deutsche Seite geschlagen und sich aus Angst vor Repressalien aktiv an der Verfolgung der Juden beteiligt. „Wo immer die Sowjets einen Staat zerstört hatten, funktionierte der Mythos des jüdischen Bolschewismus besser als von den Deutschen erwartet.“

Millionen haben es gewusst

Auschwitz, in der öffentlichen Erinnerung als Symbol der Shoa beschworen, sei eher die Ausnahme gewesen. Die meisten Juden seien erschossen worden – vor dem Bau der Vernichtungslager und im Angesicht ihrer Mörder, den SS-Einsatzkommandos, den deutschen Soldaten und Komplizen. Massenhinrichtungen waren kein Geheimnis. Millionen Deutsche und Menschen im Osten wussten vom Genozid, stellten sich aber nach 1945 unwissend. Erst als sich das Scheitern des Russland-Feldzuges abzeichnete, sei für die Nazis klar geworden, dass eine Umsiedlung der Juden etwa nach Sibirien nicht infrage komme. In seiner Welt des Rassenkampfes habe Hitler dann den Genozid vorangetrieben.

Timothy Snyder: „Black Earth – Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann“,
Verlag C.H. Beck, 468 Seiten