Griff in die „Eingeweide“

22.11.2015 • 21:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Francesco Dillon, Violoncello, und Emanuele Torquati, Klavier, bei den „Tagen zeitgemäßer Musik“.  Foto: JU
Francesco Dillon, Violoncello, und Emanuele Torquati, Klavier, bei den „Tagen zeitgemäßer Musik“. Foto: JU

In Bludenz werden auch klassische Instrumente „zeitgemäß“ behandelt.

BLUDENZ. Bei den vierteiligen „Tagen zeitgemäßer Musik“ am Wochenende in der Remise gab es neben spektakulären Auftragswerken, die oft ins Pantomimische und Theatralische gingen, auch einen scheinbar eher konventionell angelegten Kammermusikabend mit einem italienischen Cello-Klavier-Duo. Von wegen! Auch wenn am Schluss sogar ein versöhnlicher Beethoven stand, dominierte auch in dieser klassischen Besetzung aufregend Aktuelles mit geräuschhaften Spieltechniken, wie sie in der Neuen Musik seit den Siebzigern Usus sind.

Da sind der Griff in die „Eingeweide“ des offenen Flügels oder das durch Gummidämpfungen präparierte Klavier mit perkussiven Effekten wie bei den stark rhythmischen „Mumien“ (2001) des Tirolers Thomas Larcher noch die gängigsten Methoden. Der Pianist Emanuele Torquati (37) und sein Partner am Cello, Francesco Dillon (42), sind ein perfekt aufeinander eingespieltes und international beachtetes Team, bei dem nichts ohne den anderen geschieht, und das auf exzellentem Niveau. Etwa bei der ersten von zwei österreichischen Erstaufführungen, „Regarding cracked peace of stones, earth and flowers“ der serbischen Komponistin Milica Djordjevic, einem Auftragswerk der Biennale Venedig, das in einem dichten Geflecht aus vielen hohlen Tönen die Brüchigkeit des Friedens auf dieser Welt deutlich macht. Das andere, literarisch geerdete „Further In“ der Italienerin Silvia Borzelli ist ein Solo für zwei Instrumente mit dem Versuch, diese minimalistisch aus einem penetranten Klavierintervall und auffahrenden Cello-Glissandi miteinander zu verschmelzen.

Höchste Konzentration

Dazwischen kommen zum 80. Geburtstag des heute bereits legendären Helmut Lachenmann zwei seiner älteren Solowerke vollkommen ohne herkömmliche Tonerzeugung aus. In „Guero“ wird das Klavier als Schlag- und Zupfinstrument zweckentfremdet und damit ein neues Hörverständnis entwickelt. Diese Erweiterung des Musikbegriffs mit Loslösung von Tonalität und Tonhöhen findet sich auch beim Cellowerk „Pression“, wo jedes akustische Ereignis am Instrument zu Musik geformt wird. Das Auditorium reagiert auf beide Stücke in absoluter Stille mit höchster Konzentration. Dass die Musiker auch im klassischen Bereich internationales Format repräsentieren, beweisen sie mit Beethovens Cellosonate D-Dur, die in dieser Abgeklärtheit und Leidenschaft jedem Schubertiade-Konzert Ehre eingelegt hätte.

Die im Vorjahr nach Alexander Moosbruggers Abgang neu berufene Intendantin Clara Iannotta hat auch ihrem zweiten Festivaljahr den Stempel ihrer internationalen Kontakte aufgedrückt und sich um ein Programm bemüht, das dem Titel „zeitgemäß“ in vielfacher Hinsicht gerecht wird. Dass dieses ausgerechnet in Bludenz und damit abseits der internationalen Strömungen stattfindet, erweist sich auch nach über 25 Jahren keineswegs als Hindernis. Spezialensembles und Solisten kommen gerne in die Alpenstadt und genießen, nach eigenem Bekunden, auch die „inspirierend herzliche Atmosphäre“, in der hier hochprofessionell gearbeitet werden kann.

Iannottas im Vorjahr mit Einführungen am Bludenzer Gymnasium neu entfachte Begeisterung junger Leute für diese Klänge dagegen erweist sich nun als Strohfeuer. Den meisten von ihnen war heuer ein parallel veranstalteter Maturaball wichtiger als zeitgemäße Musik, sehr zum Leidwesen von Kunstvermittler Wolfgang Maurer, der dem Festival mit dem Verein „allerArt“ seit vielen Jahren eine solide Basis ermöglicht. So bleibt die Besucherzahl eher bescheiden, umso herzlicher aber ist der Applaus, der noch mit einem zarten Stück Romantik von Schumann belohnt wird.