Der Mensch kann einen Elefanten verrückt machen

Kultur / 04.12.2015 • 19:55 Uhr / 10 Minuten Lesezeit

„Du kannst einen Elefanten verrückt machen“, sagt Savta Lea, meine Großmutter, zu Saba Zoli, meinem Großvater.

Sie sitzt angezogen auf der Bettkante des Krankenhausbetts, ihr Gehstock lehnt in Griffweite neben ihr. Wir warten seit fast zwei Stunden auf den Entlassungsbrief, aber es kann noch länger dauern und mich wundert das nicht.

Die Station macht keinen besonders koordinierten Eindruck: Überall auf dem Gang stehen belegte Betten, Geräte und Möbelstücke auf Rollen, gelangweilte Reinigungskräfte . . .

„Hast du etwa schon einmal einen verrückten Elefanten gesehen?“, fragt mich Saba Zoli.

Ich zucke mit den Schultern, meine Mutter sagt auch nichts. Ich bin müde. Im Zimmer riecht es nach Savta Lea, und Savta Lea riecht nach alter Frau, jedes Jahr mehr. Es ist ein strenger Geruch, ein trauriger Geruch. Außerdem ist es eng hier drin. Der gesamte Raum wird vom Krankenhausbett und von dem zu einem zweiten Bett aufgeklappten Sofa eingenommen. Zwei Stühle an der Wand, gegenüber der Tür zum Badezimmer. Meine Mutter hat Savta Lea dieses Einzelzimmer erkämpft, sonst hätte sie auf dem Gang liegen müssen, aber Savta Lea hatte seit mehreren Tagen nicht geschlafen und brauchte Ruhe. Die Einzelzimmer sind eigentlich für besondere Fälle vorgesehen, und Savta Lea wurde nur wegen Schwindel ins Krankenhaus eingeliefert. Weil sie nicht gegessen hatte. Heute darf sie wieder nach Hause. Sie sagt, es gehe ihr genau gleich wie am Tag, als sie herkam.

„Sie schicken dich nach Hause, weil sie das Bett brauchen“, sagt Saba Zoli und Savta Lea kneift ihre Augen zu, als ob sie in eine Zitrone gebissen hätte. Nur ein Auge lässt sich wieder öffnen. Beim anderen kleben die Lider aneinander.

„Was für einen Müll du immer redest“, sagt Savta Lea.

Sie ist mit den Jahren immer weißer geworden. Sie trägt ihr weißes Oberteil mit dem hellblauen Blumenmuster, ich habe sie in den letzten fünf Wochen entweder dieses Oberteil oder einen geblümten Kittel wie ein Nachthemd tragen sehen. Sie hat aufgehört, sich am Morgen nach dem Aufstehen anzuziehen. Es braucht einen guten Grund für das weiße Oberteil mit den blauen Blumen. Aus dem Krankenhaus entlassen zu werden ist einer.

Jedes Mal, wenn ich sie sehe, ist sie kleiner und weißer geworden. Kleiner, weil ihre Knochen langsam zerbröseln, das erklärt sie mir genau, deshalb habe sie keine Kraft mehr, deshalb könne sie nicht mehr gut gehen. Sie ist blass, ihre Haut ist weiß, ihr Haar ebenso. Ihre Haut wirkt fast durchsichtig, sie ist weich und kalt, wenn ich sie berühre, wenn Savta Lea meine Hand umklammert hält, spüre ich ihre Handknochen durch die Haut, die sich anfühlt wie Hefeteig.

Savta Lea streift das gelbe Armband mit ihrem Namen und dem Zahlencode ab, sie kann ja bald nach Hause gehen.

„Gib mal her“, sagt Saba Zoli.

Savta Lea reicht mir das Plastikarmband und ich gebe es an Saba Zoli weiter. Er schaut es interessiert an und zieht den weißen Zettel heraus.

„Das ist wie beim Briefkasten“, sagt er lächelnd. „So, wie da der Zettel drinsteckt. Lea, da steht dein Name drauf! Und deine Identitätsnummer. Und schau, sogar ein Code, damit man weiß, wie viel man für dich bezahlen muss, wie im Supermarkt.“ Er fängt an zu lachen, das Lachen schüttelt seinen ganzen Körper. „Wie im Supermarkt! Stellt euch das vor!“

Auch meine Mutter fängt an zu lachen.

„Lacht ruhig über mich“, sagt Savta Lea beleidigt und kneift ihre Augen wieder zu.

Saba Zoli versucht jetzt, das gelbe Plastikarmband sich selber überzustreifen, aber er hat Mühe, da seine Hand größer ist als die von Savta Lea.

„Die gelbe Farbe bedeutet Sturzgefahr“, erklärt meine Mutter. „Weil Savta schwindlig war. Dann weiß man, dass sie vielleicht hinfällt.“

„Ich hab’s geschafft!“, ruft Saba Zoli stolz und streckt seinen Arm in die Höhe: Das gelbe Armband ist jetzt an seinem Handgelenk.

„Wo bleibt denn der Brief so lange?“, frage ich.

„Ich gehe unseren Arzt suchen“, sagt Saba Zoli, steht auf und verlässt das Zimmer.

„Jetzt läuft er da draußen mit dem gelben Armband rum“, sagt meine Mutter, sie schüttelt lachend den Kopf und folgt Saba Zoli hinaus.

„Er ist verrückt, nicht wahr?“, sagt Savta Lea, als wir zwei alleine im Zimmer sind. „Und mich macht er auch noch verrückt.“

In einem Land wie Israel reden die Leute gerne über Verrücktheiten. Weil alles um einen herum verrückt erscheint, nicht nur die Umstände und die Politik und die Kriege und all die sozialen Probleme, sondern auch die Menschen selbst – wahrscheinlich hat das ganze Drumherum sie verrückt gemacht. Ich spüre nach fünf Wochen hier, dass ich zurück möchte, dass ich niemals hier leben will, dass ich Österreich vermisse. Der Krankenhausboden im Zimmer, wo Savta Lea die letzten Tage verbracht hat, ist schmutzig. Der Sommer in Israel ist verrückt. Ich vermisse den Regen. Ich vermisse es, wie eine Verrückte barfuß durch den Regen zu rennen und vor Lachen kaum Luft zu bekommen.

„Was hast du heute gemacht?“, fragt Savta Lea.

„Ich habe mit dem Packen anfangen“, sage ich. „Und noch Postkarten geschrieben. Typisch ich, am allerletzten Tag noch Postkarten schreiben.“

Sie schaut mich mit leerem Blick an. „Wann fliegst du zurück?“, fragt sie.

„Morgen“, sage ich.

„Du sollst deinen Großeltern in Österreich schöne Grüße ausrichten“, sagt Savta Lea.

„Gut. Danke.“

„Dass sie gesund sind“, fügt Savta Lea hinzu und fragt dann: „Wann fliegst du zurück?“

„Morgen“, wiederhole ich geduldig.

Saba Zoli und meine Mutter kommen mit einem Krankenpfleger zurück. Saba Zoli hält die Hand mit dem gelben Armband hoch und erzählt begeistert: „Eine Krankenschwester hat zu mir gesagt: ,Mein Herr, Sie dürfen hier draußen nicht einfach so herumlaufen!‘“

Der Krankenpfleger hat den Entlassungsbrief dabei und erklärt dessen Inhalt. Sein arabischer Akzent ist so stark, dass ich kaum ein Wort von dem, was er sagt, verstehe, aber ich mag den Klang.

Ich denke an einen palästinensisch-israelischen Freund von mir, der einen freiwilligen Sozialdienst in einem Krankenhaus ableistet und dort eine jüdische Identität angenommen hat. Er spricht akzentfreies Hebräisch, und bisher ist seine Tarnung nicht aufgeflogen. Sich als Juden auszugeben ist bequemer für ihn, so braucht er sich im Krankenhaus nicht ständig daran erinnert zu fühlen, dass er hier nur Bürger zweiter Klasse ist, hat er mir erklärt.

Savta Lea wird der dünne Schlauch aus der Armbeuge entfernt. Wir verabschieden uns vom Krankenpfleger.

„Ich sage nicht Auf Wiedersehen“, sagt Saba Zoli. „Nicht dass Sie nicht nett gewesen wären, Herr Krankenpfleger, aber ich würde sie einfach lieber nicht wiedersehen.“

Der Krankenpfleger lacht und meint, dass es allen Leuten so gehe.

„Nicht-auf-Wiedersehen!“, ruft mein Großvater laut durch die ganze Station, als wir den Gang entlang gehen. Das Krankenhauspersonal winkt ihm zu und erwidert seine Abschiedsworte.

„Vielleicht solltest du das Auto holen und wir warten auf dich“, schlägt meine Mutter Saba Zoli vor, als wir im Erdgeschoß aus dem Lift steigen.

Ich nehme statt ihm Savta Leas Hand. Sie drückt mit einer unglaublichen Kraft zu, es tut sogar weh.

Wir gehen langsam, Hand in Hand, vorbei an den
Kunstwerken an den Wänden, vorbei an den dreisprachigen Schildern. Ständig werden wir von Menschen überholt, die schneller gehen als wir, von religiösen Juden in weißen Hemden mit Kippas, Frauen mit Kopfbedeckungen, Menschen, die in Rollstühlen geschoben
werden, Kindern mit Luftballons . . .

„Wo ist er hin?“, fragt Savta Lea plötzlich.

„Er ist das Auto holen gegangen“, erkläre ich.

„Weißt du was“, sagt sie leise, als würde sie mir ein Geheimnis anvertrauen. „Der Mensch kann einen Elefanten verrückt machen. Das Krankenhaus aber auch. Und vor allem das Alter.“

Zur Person

Maya Rinderer

Geboren: 1996 in Dornbirn

Tätigkeit: Schriftstellerin, Studentin

Publikationen: Roman „Esther“, Lyrikband „An alle Variablen“, Beiträge in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen, Hörspiel, Kurzdramen für das Theater Kosmos in Bregenz

Preise: u. a. Arbeitsstipendium des Landes Vorarlberg

Maya Rinderer liest neben den österreichischen Autorinnen Yasmin Hafedh und Ina Ricarda Kolck-Tudt am 10. Dezember, 19.30 Uhr, im Jüdischen Museum in Hohenems. Moderation: Vladimir Vertlib.