Viola, ihr Name ist ein Farbverlauf

Kultur / 08.01.2016 • 20:57 Uhr / 11 Minuten Lesezeit

„Viola“, sagt Jonas. Ihr Name ist ein Farbverlauf in seinem Mund. Von Fensterglas zu Straßenbahnschienen.

In der Dunkelkammer ist es warm. Violas Haut: aus Rotlicht. Vor dem Entwickeln schiebt sie den Vergrößerer zur Seite, stellt drei Plastikschalen in einer Reihe auf. Daneben legt sie das Thermometer und die neue Stoppuhr, die Jonas ihr vor Kurzem geschenkt hat. Mit gummiertem Schutzgehäuse. Nur für den Fall, denkt sie. Zurückgezogen in den rechten Winkel von Wand und Werkbank spiegeln Fläschchen die durchgefärbte Glühlampe. Um die Etiketten zu lesen, muss sie sich dicht über die Werkbank beugen. Am besten gefällt ihr der Name der Flüssigkeit, mit der sie Schwarz-Weiß-Negative entwickelt. Tetenal Neofin Blau. Für ein Maximum an Grau­tönen. „Neofin“, flüstert sie, während sie das Fläschchen in den Händen dreht, „klingt wie ein fernes Gefühl, dessen Mischfarbe verläuft.“

Wenn Viola vom Fotografieren nach Hause kommt und auch das Tageslicht verläuft, ist Jonas nervös. „Ich hab auf dich gewartet.“ Der Tisch ist gedeckt, Soßenmuster in seinem Teller, dunkelrote Schatten im Weinglas. „Ich hab für uns gekocht.“ Viola legt die Kamera neben ihren Teller, setzt sich. Ein Veilchen auf weißem Porzellan. Mit dem Finger berührt sie das Blütenblatt. „Willst du?“ Sie nickt und legt die Blume beiseite. Das Besteck kühl in ihrer Hand. Das Essen ist kalt, vielleicht war das Absicht. „Ist’s noch warm?“ – „Geht schon.“ – „Wo warst du denn jetzt noch?“ Viola schluckt. Seine Fragen sind Aufnahmen mit einem Makroobjektiv. Tiefen auflösend. Sie sagt: „Ich war fotografieren.“ – „Und?“ Messerschneide an Porzellan. Ein Geräusch mit scharfen Kanten. Sie ist sich nicht sicher, ob Jonas merkt, wie sie zusammenzuckt. „Hast ein passendes Motiv gefunden? Darf ich mal sehen?“ Viola sieht ihn nicht an, auch so spürt sie die Schnabelspitzen der Wörter. „Später.“ Was sie nicht sagt: Vielleicht.

„Violá!“ Wird zum Schnabelwort, wenn Jonas wütend ist. Spitzlippig picken die Buchstaben nach ihr. Kleine rote Kreise auf der Haut, die sich mit dem Blau der Tage mischen.

Den ersten Vogel hat sie nicht gefunden, er hat bei ihr geklopft. Dumpf. Von außen an die Fensterscheibe. Es war ein Rotkehlchen mit geschlossenen Augen. Viola hat sich neben den Vogel ins Gras gekniet, mit dem Zeigefinger langsam über seinen Flügel gestrichen. Flaumklang an ihrer Haut. Sie hat an einen Kreis gedacht, in sich geschlossen und unendlich. An einen Kreis wie den in der Mitte von „Viola“. Sie hatte die Kamera geholt, mit einem Tuch über die Linse gewischt, gepustet. Leuchtende Staubpartikel, geöffnete Blende. Die Belichtungszeit: eine Sekundenfeder. An der Fensterscheibe klebend. Jonas hat geschimpft beim Reinigen. Noch einige Tage später hat man das matte Klopfen am Glas gesehen.

„Ständig bist du hier unten, dabei interessiert mich das so, was du da machst.“ Viola dreht sich um. „Schnell, mach die Tür wieder zu. Der Film ist nicht lichtecht.“ Langsam lässt sie das Foto in die Entwicklerschale gleiten, Jonas seinen Blick entlang der Wäscheleine, quer durch den Raum. Die Fotos vom letzten Film daran. „Das sind ja tote Vögel.“ Entwicklerzange nehmen, Fotopapierecke einzwängen, umdrehen. Loslassen. Sie greift nach der Stoppuhr neben der Schale. „Die erinnern mich an diesen Zeitungsartikel. Weißt du noch? An Silvester sind doch mal tote Vögel vom Himmel gefallen. Geregnet hat’s die.“ Nach 30 Sekunden drückt sie auf Stopp. Entwicklerzange nehmen. Jonas Schritte im Ohr. Fotopapier. Sie braucht zwei Versuche, um die Ecke einzuzwängen. Umdrehen. Loslassen. „Es hat geheißen, das wär ein Zeichen. Und passiert ist dann gar nichts. Wie immer eben.“ Wieder die Stoppuhr in ihrer Hand. Hinter Viola bleibt er stehen. Sie spürt seine schweren Arme, die sich um sie legen. Flüstern. „Mir macht das Angst. Warum fotografierst du so was?“ Sie lässt die Stoppuhr ins Rotlicht fallen.

„Vi-o-la.“ Jonas Lippen verlaufen. Sein Mund schmilzt zu einem roten Kreis. Ihr wird vom Küssen schwindelig.

Wenn sie vom Fotografieren nach Hause kommt und Jonas ist nicht da, stellt sie sich ans Fenster. Sie haben keine Vorhänge in der Wohnung. Jonas putzt die Fensterscheiben gründlich. So, dass Viola manchmal das Gefühl hat, sie berühre nicht die bläuliche Haut ihrer Spiegelung, sondern ihr Innerstes. Vielleicht Sehnsucht. Vielleicht Gedanken, die mit vielleicht beginnen. Als ob man mit den Fingerspitzen über ein Foto streicht, über das Gefieder des toten Vogels, um sich von ihm zu verabschieden. Ein dunkelweiches Gefühl, Viola mag es. Neofin.

An Jonas mag sie, wie es früher war zwischen ihnen. Seine Arme flügelleicht und seine Worte Federn, die zu Boden fielen, wenn man die Bettwäsche gründlich schüttelte. Viola hat sie gesammelt. Weiße „Liebe“. Fingerlange „dich“. Zusammen hat sie sie in ihren Handteller gelegt. Gepustet. Die Kamera hat im Nachtkästchen gelegen. Staub in der Linse. „Alles ist so leicht, so leicht, Jonas.“ Das Vielleicht kam später.

„Viola, na so was.“ Sagt Paul. Seine Stimme hat das Muster einer Fotorückseite. Sie muss es nicht umdrehen, um zu wissen, was darauf ist.

Am ersten Freitag im Monat führt Jonas Viola zum Essen aus. Er reserviert einen Tisch für zwei. Im Gasthaus sitzen sie dann, ein künstlicher Blumenstrauß zwischen ihnen in der Tischmitte, Viola isst, und Jonas redet sich den Mund fedrig. Viola schluckt schwer.

Einmal sieht sie im Vorraum einen Rücken, den sie schon einmal durch den Sucher betrachtet hat. „Paul?“ Viola bleibt stehen. „Viola, na so was. Wie geht’s dir?“ – „Gut geht’s uns. Wir sind jetzt schon vor einiger Zeit zusammengezogen.“ Jonas nimmt ihre Hand. Seine kühlen Finger an ihrer Haut, wie Fensterglas. „Immer noch am Fotografieren?“ Viola nickt. „Weißt du, was mir da einfällt?“ Wenn Viola lacht und es ist nicht wegen ihm, wird Jonas nervös. „Komm, lass uns reingehen.“ Viola lacht weiter. Ihr Blick in Pauls Mundoval. „Die hab ich eh letztens wiedergefunden, diese Fotos.“ – „Jaja, das war schon was.“ – „Bist du schon lange wieder da?“ Jonas drückt ihren Arm, deutet in Richtung Gaststube. Zu Paul: „Wir haben einen Tisch für zwei reserviert.“ – „Dann halt ich euch nicht länger auf.“ Paul geht zur Theke, und Viola stellt sich vor, eine Nahaufnahme über seine Schulter zu machen. „So wie’s aussieht, bleib’ ich für eine Weile hier, meld’ dich mal. Würd’ mich freuen.“ Kugelschreiberzahlen auf kariertem Papier wie die Noten am Beginn eines Stücks, das man schon einmal gespielt hat. In Violas Hand, in Violas Jackentasche. „Ja, vielleicht.“ Später isst Jonas, und Viola redet mit dem künstlichen Blumenstrauß.

In letzter Zeit stellt sie sich manchmal vor, wie es wäre, wenn sie nicht nach Hause käme. Ob Jonas nervös schon während des Freizeichens zu sprechen begänne oder sich Weinrot nachschenken würde oder ob er in die Dunkelkammer ginge, um den Klang ihres Namens zu riechen. Während sie sich das vorstellt, liegt sie im Bett. Die Bettwäsche nachtgestreift von den quergestellten Jalousien. Ihre Zehen sind kalt, keine Federworte am Fußende, die wärmen. Nur schwerer Jonasgeruch, der sich eng um ihren Hals legt.

„Vi-ola?“ Fragt Jonas. Die Farbe verläuft sich. Was bleibt: die blauen Fußspuren einer Nachtigall im Augenwinkel.

„Ich hab auf dich gewartet.“ Viola legt erst die Kamera, dann das Veilchen neben ihren Teller. „Wo warst du denn jetzt noch?“ Der Topf bleibt auf der ausgeschalteten Herdplatte, der Teller vor ihr weiß. Jonas verschränkt seine Arme. „Spazieren war ich.“ – „Spazieren? Mit wem?“ Sie denkt an das Geräusch einer Messerschneide an Porzellan. An seinem Schnabelmund sieht sie, dass er ihr Zögern bemerkt hat. „Allein. Du weißt doch, manchmal muss ich einfach raus.“ – „So, so. Und Paul?“ Viola denkt an die Kugelschreiberzahlen in ihrer Jackentasche. Wie sie das zerknickte Papier manchmal berührt, um zu prüfen, ob es noch da ist. Fingerübungen. Neofin.

Entwicklerzange nehmen. Die Fotopapierecke einzwängen. Umdrehen. 30 Sekunden warten. Viola mag es, wenn das Rotlicht Wellen schlägt. Dann fliegt ein Vogelschwarm über die Entwickleroberfläche. Vögel, aus einem, zwei Bögen. So, wie man sie als Kind in den noch weißen Papierhimmel drückt. Mit stumpfem Bleistift. Entwicklerzange nehmen. Fotopapierecke einzwängen. Umdrehen. Linien, wie achtlos fallen gelassen auf das Papier. Rauchblass. Winterspiegelung in einer Fensterscheibe. Wenn sie jetzt pusten würde, entstünde ein neues Bild. Viele denken, die Liebe sei rot, denkt sie, dabei ist die Liebe vielleichtfarben und das Gefühl Neofin ist eine Erinnerung daran.

Später hängt sie das Foto mit zwei Wäscheklammern an die Leine. Stille Flügel, dunkelgraues Blut, Taubenfedern auf Asphalt, die Straßenbahnschiene, die einen ins Bild hineinführt. Ich werde die Haustür einen Spalt breit offen lassen, nur die Jacke mitnehmen, denkt sie. Dann schaltet Viola das Rotlicht aus.

Zur Person

Sarah Rinderer

Geboren: 1994 in Bregenz

Ausbildung: seit 2014 Studium der Experimentellen Gestaltung an der Kunstuniversität Linz

Publikationen: diverse Veröffentlichungen in Zeitungen und Anthologien

Preise: zuletzt 1. Preis bei LitArena VII und Startstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst

Sarah Rinderer liest am 22. Jänner im Theater am Saumarkt in Feldkirch aus neuen Texten.