Ein stummer Film sagt sehr viel aus

Kultur / 12.02.2016 • 18:01 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Homo Sapiens“ kann auch als Apokalypse gelesen werden: So sieht die Welt aus, wenn es die Menschen nicht mehr gibt. Foto: Geyrhalter
„Homo Sapiens“ kann auch als Apokalypse gelesen werden: So sieht die Welt aus, wenn es die Menschen nicht mehr gibt. Foto: Geyrhalter

„Homo Sapiens“ des Österreichers Nikolaus Geyrhalter bei der Berlinale vorgestellt.

Berlin, Wien. „Homo Sapiens“ kommt 94 Minuten ohne Worte aus, ein angenehmer Start in Filmfestspiele, die mitunter auch geschwätzig daherkommen können. Mehr noch: Geyrhalter zeigt 94 Minuten keinen einzigen Menschen. Nur das, was er geschaffen und wieder verlassen hat.

Am Freitagabend fand die Premiere des Streifens in der Sektion „Forum“ der 66. Berlinale, der österreichische Kinostart ist für die zweite Jahreshälfte geplant. „Homo Sapiens“ kann als Apokalypse gelesen werden: So sieht die Welt aus, wenn es den Menschen eine Zeit lang nicht mehr gibt. Gras bricht durch Asphalt, Gebüsch überwölbt Stahl und Beton, ein Militär-Lkw im Wald ist unter seiner Haut aus Moos erst auf den zweiten Blick erkennbar. Doch es sind reale Bilder, offenbar aus der ganzen Welt zusammengetragen: morsche Kühltürme, durch deren Öffnungen Tauben herabstürzen und wieder hinausfliegen, Shopping Malls, über deren staubverkrustete Boulevards der Wind Papierschlangen weht.

Überhaupt, der Wind: In vielen Einstellungen ist er der eindringliche Geräuschmacher. Scharniere alter Schließfächer quietschen, Jalousien vergammelter Krankenzimmer knistern im offenen Fenster, er pfeift über verwehte Bunkeranlagen am Meeresstrand. Mitunter regnet es auch und gibt dem auf den ersten Blick statischen Geschehen zusätzliche Tristesse: Es nieselt durch zerborstene Dächer in Büroräume mit umgefallenen Stühlen und zerschlagenen Scheiben von Großraumbüros, in die pompöse Bar eines früheren Hotels, tropft auf die milchig-trübe Oberfläche eines Höhlengewässers, in das sich vom Eingang her ein Müllberg schiebt.

Fesselnd

Geyrhalter agiert mit starren Bildtotalen, es gibt im ganzen Film keinen Zoom. Und doch ist das Ergebnis weit mehr als ein Diavortrag ohne Worte: Denn immer bewegt sich etwas, bäumt sich vergilbtes Papier in einer Ecke auf, schlägt Metall an Metall, knattern Flügelschläge. Lange stehen die Bilder und werden nicht langweilig. Dass ich Geyrhalter Zeit lässt, gerne mit dem Kameraauge auf Details verweilt, die Lebensgeschichten erzählen, hat er schon voriges Jahr bei der Berlinale mit „Über die Jahre“ erkennen lassen. Wer sich auf das Abenteuer der Endzeitbilder von „Homo Sapiens“ einlässt, kann sich von ihnen mehr fesseln lassen als von manch atemlos geschnittenem Spielfilm.

Das 66. Filmfestival Berlinale dauert noch bis 20. Februar. 18 Filme sind im Wettbewerb.