Herr der Mäuse und sein Disneyland

Kultur / 04.03.2016 • 21:17 Uhr / 10 Minuten Lesezeit

John Hench, ab 1939 enger Mitarbeiter des Meisters, kolportiert die folgende Stiftungslegende. Sie bezieht sich auf Walt Disneys Gewohnheit, mit seinen beiden kleinen Töchtern, Diane Marie und der adoptierten Sharon Mae, an Samstagen – „Daddy’s days“ – Ausflüge in die Umgebung von Los Angeles zu machen und dabei lokale Vergnügungsparks zu besuchen.

„Während Disney die Zeit mit seinen Töchtern genoss, beobachtete er, dass er und andere Eltern oft gelangweilt auf den Bänken saßen, Popcorn aßen und ihren Kindern auf den Geräten und Bahnen zusahen. Zu seinem wachsenden Unbehagen kam noch der allgegenwärtige Schmutz vieler Einrichtungen. Während dieser Ausflüge entwickelte Walt eine neue Vision, einen kleinen Vergnügungspark, so konzipiert, dass er sowohl Kinder als auch Erwachsene anzog. Disney erläuterte, es sollte ‚etwas zwischen Messe, Ausstellung, Spielplatz, Gemeinschaftszentrum, Museum lebendiger Objekte und Showbühne der Schönheit und Magie‘ sein.“

Aus diesem Urerlebnis, das so schlicht und einfach ist, dass es auch wahr sein kann, ist dann bekanntlich etwas mit unerwartet weitreichenden Folgen geworden: „1963 hat der bekannte amerikanische Stadtplaner James Rouse Disneyland als ‚den größten Wurf städtischen Designs in den USA von heute‘ beschrieben. Wer sich mit räumlicher Anordnung, Architektur und Konstruktion der gebauten städtischen Einrichtung beschäftigte, verstand Disneyland als Vorbild für Projekte wie Shopping Malls, öffentliche und private Gebäude, Sportstadien und den Umgang mit der historischen Substanz.“

Das alles hat über die Frage hinweggetäuscht, warum der Herr der Mäuse nach seinen ersten Trickfilmerfolgen mit siebenundzwanzig doppelt so alt werden musste, bevor er elf Jahre vor seinem frühen Tod Disneyland in Anaheim eröffnete. Der Themenpark von Anaheim ist Disneys „Alterswerk“ und, blickt man auf das Zeitgeschehen, seine kindliche Antwort auf ein historisches Chaos, neben dem das von ihm beklagte Durcheinander von L.A. und Coney Island, New York, die Aufregung nicht wert war.

Im Jahr nach den ersten Mickey-Mouse-Filmen Plane Crazy und Steamboat Willie schlitterte Amerika 1929 in die große Depression, die es während der ganzen Dreißigerjahre im Würgegriff hielt.

Der Zweite Weltkrieg brachte an der Heimatfront den totalen Krieg gegen den Kommunismus, angeführt von Senator Joseph McCarthy und exekutiert vor dem berüchtigten Komitee für unamerikanische Umtriebe. Vor diesem rückte Disney den neun Monate langen Streik in den Burbank-Studios in das Licht, das ihm und dem Komitee das rechte schien, und erstickte in der Folge den leisesten Zweifel an seiner Vaterlandstreue als Special Agent des FBI durch Denunziationen von Künstlern, die links vom amerikanischen Way of Right wandelten. Zu seinen Opfern gehörte nach einer zählebigen Legende auch Charles Spencer Chaplin Jr., Disneys Freund und künstlerisches Vorbild in den frühen Dreißigern bei United Artists. Aufgrund der belastenden Aussagen Disneys soll das FBI Chaplin 1952 die Rückreise aus Europa verweigert und damit der Filmkarriere des Künstlers den Todesstoß versetzt haben.

Außer in seinem Mickeyversum fand Disney Halt und Identität im Weltbild der Republikaner. Dabei brachte er allerhand unter einen Hut: geradezu mythische Verehrung für Abraham Lincoln, lebenslange Freundschaften mit Richard Nixon und Ronald Reagan (den er angeblich erst von links nach rechts drehen musste), sowie Wahlhilfe für den McCarthy-Intimus und Extrem-Rassisten Barry Goldwater.

Die Eröffnung von Anaheim 1955 fiel in die Startphase des Vietnamkriegs. Dieser atavistische Konflikt mit den Konturen eines Kreuzzugs umbrandete das Never-never-Land Disneys wie eine Bastion konservierter Kindheit.

„Ich bin sicher, dass er ein bestimmtes Alter in sich und in seiner Entwicklung nicht überschreiten wollte und nicht überschritten hat. Er soll mit seinem Luftballon in der Hand wie ein achtjähriger Junge ausgesehen haben, nach der Eröffnung von Disneyland. Er hatte dort eine puppenstubenähnliche Wohnung, in der er relativ oft übernachtete. Soweit ich weiß, ganz allein. Wie ein Kind besuchte er sein eigenes Disneyland. Das war ihm persönlich das Wichtigste, was er in seinem Leben geschaffen hatte. Jede Woche ist er dort mehrmals gesehen worden. Putzkommandos erkannten ihn häufig und beobachteten, wie er mitten in der Nacht da durchging. Disneyland war sein Spielzeug.“

Als es mit Walt Disney zu Ende ging, hatten die Proteste gegen den Wahnsinn von Vietnam bereits volle Fahrt aufgenommen. Disney befürwortete den Krieg ohne Vorbehalte. Gegen Muhammad Ali, der sich als Kriegsgegner geoutet hatte, reagierte er mit päpstlicher Allüre, indem er über ihn ein lebenslanges Zutrittsverbot in sein Allerheiligstes verhängte.

Auch wenn der Mann, der sich glaubhaft „sein Leben lang hinter einer Maus und einer Ente versteckt hat“, sich handkehrum als „König von Amerika“ und „bekannter als selbst Jesus“ fühlte, brachte der Tod im Herbst 1966 keinen Übermenschen zu Fall: „Seine Ehefrau Lillian scheint ihm wenig bedeutet zu haben. Sie war einfach da. Disney unterhielt über Jahrzehnte ein sehr enges Verhältnis zu einer Krankenschwester namens Hazel George. Es ist mir nicht bekannt, ob sie noch lebt. Disney hatte sie eingestellt, um täglich wegen der Bandscheibenschmerzen, die ihn seit einem Polounfall aus den dreißiger Jahren quälten, massiert zu werden. Neben seiner Adoptivtochter Sharon muss diese Frau ihm von allen Menschen am nächsten gestanden haben. Ob es eine erotische Beziehung zwischen den beiden gab, ist mir unbekannt. Disney war als extremer Einzelgänger an Sexualität einfach nicht besonders interessiert. Er ist einer, der zeitlebens nie wirklich ohne Depressionen leben konnte, trotz der Beachtung und Anerkennung, trotz seiner 32 Oscars. Ich denke, er war alkoholabhängig, jedenfalls trank er schon tagsüber Whisky. Sicher litt er auch unter ständiger Überarbeitung, ein echter Workaholic. Aus einfachsten Verhältnissen kommend, schafft er dieses unglaubliche Imperium und sagt ein paar Monate vor seinem Tod: ‚Wenn ich jetzt noch fünfzehn Jahre vor mir hätte! Was ich jetzt noch leisten würde, stellte alles in den Schatten, was ich bisher geschaffen habe!‘ Verhältnismäßig früh stirbt er mit 65 Jahren an Lungenkrebs. Selbst sein letzter Wunsch wurde ihm nicht erfüllt. Er wollte mit Hilfe der Kryotechnik eingefroren und in Disneyland oder der von ihm geplanten, jedoch nie verwirklichten Zukunftsstadt Epcot aufbewahrt werden. Die Familie hielt es für ein Hirngespinst. Nicht nur, dass sie ihn nicht einfrieren ließen, sie ließen ihn einäschern.“

Und das Werk dieses Mannes? Wie der Historiker John M. Findlay gezeigt hat, ist es nicht im theoriefreien Raum entstanden. Es trägt die bekannten Züge einer naiven pädagogischen Utopie, entwickelt mit erstaunlicher Konsequenz. Unter den despotischen Arbeitsbedingungen von Burbank und Disneyland hat die Aufklärung niemals stattgefunden. Sie durfte es nicht – im Gegenteil. Trotzdem scheint Disney nie zum Bewusstsein durchgedrungen zu sein, eine Theorie von Gesellschaft im Allgemeinen und Unterhaltung im Besonderen zu haben.

„Ich stehe dazu, ich geniere mich in keiner Weise dafür: Wir produzieren Corn“ – was im übertragenen Sinn so viel bedeuten dürfte wie Massenkost für die Fun-Diät. Die Aversion des Grund-schulabgängers Disney gegen Intellektuelle und Genies ist notorisch.

Die Romantisierung des Bildungsdefizits in der Figur des Selfmademan überlagert nicht nur bei Disney die allzu offene Neigung zum Personenkult. Die Absicht und Einsicht, Corn zu produzieren, hat Disney nicht davon abgehalten, ein absolutistisches Denk- und Stilmonopol in seinem Universum durchzusetzen.

Für sein Personal auf, neben und hinter der Bühne war und ist Disney thinking kein Freifach: „Um sowohl neue als auch länger dienende Angestellte im Disney-Stil auszubilden, schuf das Management die University of Disneyland. Sie lehrte die Geschichte von Walt Disney und dem Park und instruierte die angehenden Mitarbeiter, wie man alle denkbaren Besucherfragen beantwortete. Sie bot Arithmetikkurse für Leute, die mit Geld umgehen mussten, und Rhetorik für die, die Kontakt mit Besuchern hatten. Sie bereitete auch Lehrbücher für praktisch jede Sorte von Job im Park vor und vereinheitlichte so die Tätigkeiten aller Angestellten. Die Handbücher der University of Disneyland erklärten, dass die Angestellten, indem sie andere glücklich machten, sich selbst glücklich machten: Vergnügen zu bereiten ist unsere Arbeit. Und unsere Arbeit bereitet Vergnügen – für uns und unsere Gäste. Wir alle denken ähnlich in einem endgültigen Muster. Die Disneyland-Handbücher wandten sich an neue Angestellte: Wir hoffen, dass es Ihnen Freude macht, auf unsere Art zu denken.“

Zur Person

Norbert Loacker

Geboren: 1939 in Altach

Studium: Philosophie, Geschichte und klassischen Philologie in Wien

Wohnort: Kaltenbach (Schweiz).

Tätigkeit: Verfasser von Romanen, Hörspielen, Lyrik, Sachbüchern, Essays und wissenschaftlichen Periodika. Bis 2004 Präsident der Robert-Walser-Stiftung Zürich. Veröffentlichungen bei Limbus: „Der Zufällige“ (2009) und „Leben Lesen Träumen“ (2010).