Ascheregen über Jerusalem

Kultur / 08.03.2016 • 21:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Johannes Sima und Robert Hunger-Bühler. Foto: Dorendorf
Johannes Sima und Robert Hunger-Bühler. Foto: Dorendorf

„Großer Gott, wir loben dich“ tönt es zu Harmonium-Begleitung. Nur: Welchen Gott gilt es zu preisen?

Zürich. (VN-tb) Den christlichen Gott, Allah oder Jahve? Hierüber zerfleischen sich militante Anhänger der monotheistischen Glaubensrichtungen seit Jahrhunderten. Dass am Schauspielhaus Zürich jetzt der 1779 veröffentlichte „Nathan der Weise“ in einer Neuinszenierung der rund zwei Jahrhunderte danach geborenen Daniela Löffner gezeigt wird, passt gewiss nicht schlecht zu unserer Zeit: Die Toleranz, die vom Dichter und Universalgelehrten Gotthold Ephraim Lessing angemahnt wurde, scheint inzwischen überlebensnotwendig geworden zu sein.

Kein optimistischer Schluss

Die Bühnenbildnerin Claudia Kalinski stellt das fünfaktige Ideendrama in einen metaphorisch passend eisigen Raum. Auf der Bühne, die leer ist bis auf das Harmonium, einige Stühle und ein paar Requisiten, schneit es die meiste Zeit hindurch. Wobei das, was im Scheinwerferlicht noch freundlich weiß aussieht, am Boden als Asche erkennbar wird. Diese verweist wohl auf das soeben niedergebrannte Haus des Juden Nathan und lädt sich auch noch mit giftiger Sinnbildlichkeit für den Holocaust auf, wenn der Patriarch von Jerusalem sein schreckliches „Der Jude wird verbrannt!“ skandiert. Allerdings droht die „Winterlandschaft“ doch auch ins Dekorative und damit in die Harmlosigkeit abzugleiten. Vom Ende der berühmten Ringparabel an – mit der Lessing für wechselseitige Toleranz zwischen Christen, Moslems und Juden plädierte – bis zum Schluss schneit es nicht mehr, was kongruent läuft mit der Hoffnung auf Lessings Happy End. Aber Löffner will uns ein solches nicht gönnen, lässt da die Protagonisten, statt dass sie sich nach Klärung ungeahnt naher Verwandtschaftsverhältnisse allseitig umarmen würden, auseinandergehen und wieder die Asche rieseln.

Manieriertheiten

So weit, so logisch. So weit, so passend für unsere von Lessings Toleranzideal unbefriedete Jetztzeit. Das Problem ist, dass die Regisseurin allzu oft ins Manierierte, nicht hinlänglich Motivierte verfällt. Johannes Sima (Tempelherr), Elisa Plüss (Recha), Klaus Brömmelmeier (Sultan Saladin), Julia Kreusch (Sultan-Schwester Sittah), Christian Baumbach (Schatzmeister), Gottfried Breitfuss (Erzieher anstelle der originalen Gesellschafterin), Benedict Fellmer (Klosterbruder) und Ludwig Boettger (Patriarch) werden mitunter Gefühle verordnet, die herbeigezwungen wirken. Die sorgsam wägende Humanität der Titelfigur vermag Robert Hunger-Bühler mit seinen Retardierungen schön glaubhaft zu machen. Löffner hätte noch mehr den zwar gelegentlich zeittypisch vernünftelnden, aber doch wunderbaren Versen vertrauen dürfen. Von hier aus werden nämlich immer wieder die staunenswertesten Impulse ausgesendet. „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch?“ Ja, so herzerwärmend schön hat Lessing von seiner Bühnenkanzel herab für Toleranz predigen können.

Weitere Aufführungen vorerst bis 30. März. Dauer: gut zweidreiviertel Stunden. www.schauspielhaus.ch