Wegweisend für ein Stadtzentrum

Kultur / 08.04.2016 • 20:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Ausstellung „Übrig“ wird am 10. April im Jüdischen Museum eröffnet und thematisiert das Sammeln und die generelle Funktion eines Museums.  Foto: JMH
Die Ausstellung „Übrig“ wird am 10. April im Jüdischen Museum eröffnet und thematisiert das Sammeln und die generelle Funktion eines Museums.  Foto: JMH

25 Jahre Jüdisches Museum Hohenems ist weit mehr als ein Jubiläum einer Einrichtung.

Christa Dietrich

Hohenems. Wie geht es nun weiter? Wer Hanno Loewy, seit mehr als zehn Jahren Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, mit dieser Frage konfrontiert, erhält erst einmal eine Antwort, die von einem Stadtplaner zu erwarten wäre: „Das ganze Bild des Zentrums von Hohen­ems wird sich verändern.“ Und das nicht irgendwann in der Zukunft, sondern unmittelbar nach weiteren Straßengestaltungs-, Bau- und Verkehrsberuhigungsmaßnahmen, die im Grunde genommen mit dem Beginn der Sanierung des Jüdischen Viertels in Gang gesetzt wurden. „Das Jüdische Museum hat sich von Beginn an auch als selbstbewusster Akteur in der städtischen Öffentlichkeit und in den Debatten um den urbanen Raum behauptet. Dies freilich immer mit den Mitteln, die seiner Funktion entsprachen: wissensbasiert, diskursiv und mit einer subversiven Distanz zu den interessegeleiteten Aneignungen jüdischer ,Bedeutung‘“, heißt es in einem seiner Aufsätze, der den schönen Titel „Lummerland oder Bilbao? Ein Jüdisches Museum in der globalisierten Peripherie“ trägt.

Als der Berliner Oberkantor Magnus Davidson im Jahr 1951 einen Brief an die Marktgemeinde Hohenems mit dem Verweis darauf richtete, dass ihr ein Gedenken an den Sakralmusiker Salomon Sulzer aufgrund dessen Bedeutung in der Reformierung des Gesangs bzw. Synagogengesangs einen weltweiten guten Ruf einbringen würde, verhallte dieser noch völlig. Aus der Synagoge wurde ein Feuerwehrhaus, die frühere Funktion scheint auf der Mitte der 1950er-Jahre angebrachten Stiftertafel gar nicht auf. Hermann Prey, Mitbegründer der Schubertiade, erinnerte schließlich 1976 mittels Gedenktafel an Sulzers Herkunft aus Hohenems und seine Bedeutung für die Musik.

Entwicklungsschritt

Erst 30 Jahre später kam es zur Eröffnung des Salomon-Sulzer-Saales, dessen architektonische Gestalt an die Synagoge erinnert und somit zu einem weiteren, maßgeblichen Entwicklungsschritt in der oben angeführten Stadtplanung. 1991, im Jahr der Eröffnung des Jüdischen Museums in der Villa Heimann-Rosenthal, organisierte Bernhard Purin die Ausstellung „Salomon Sulzer. Kantor, Komponist, Reformer“, die auch nach Wien, in die USA und an verschiedene Orte in Deutschland kam. Viele Reisen von in Hohenems erarbeiteten Ausstellungen sollten später unter Hanno Loewy folgen. Bernhard Purin ist inzwischen Leiter des Jüdischen Museums in München, die Jahre bis zur Errichtung des Museums in Hohenems hatte er miterlebt.

Purin ist Kulturwissenschaftler, zählt aber durchaus zum Kreis jener Historiker – etwa die Mitglieder der Johann-August-Malin-Gesellschaft –, die Impulse für die Aufarbeitung der Zeitgeschichte, von Antisemitismus und Nationalsolzialismus in Vorarlberg lieferten bzw. diese in ihren Funktionen auch ausführten. Als solche befanden sie sich auch in Konfrontation mit einigen der ersten Befürworter der Errichtung eines Museums. „In einer von Grenzen und Grenzüberschreitungen, von Flucht und Migration besonders gekennzeichneten Region, die zugleich lange Zeit von einer demonstrativen Distanz zu den Metropolen und einer massiven Bildungsfeindlichkeit geprägt war, in dieser politischen Landschaft ein ,kritisches Heimatmuseum‘ zu begründen, das sich vor allem mit den Abgründen von Illusionen von Heimat auseinandersetzen wollte, war von den ersten in diesem Projekt aktiven Proponenten keineswegs beabsichtigt. Dennoch gelang es 1986 den damaligen Hohenemser Bürgermeister Otto Amann davon zu überzeugen, die Re-Urbanisierung des Hohenemser Zentrums ausgerechnet mit diesem Projekt auf den Weg zu bringen“, kommentiert Loewy die Sachlage.

Auseinandersetzung

Die spätere Auseinandersetzung um die Sanierung des Jüdischen Viertels charakterisiert der jetzige Museumsleiter anhand einer Aussage seiner Vorgängerin, der Gründungsdirektorin Eva Grabherr: „Auf der einen Seite standen die Denkmalschützer, die ehemals jüdische Häuser bewahren, aber – zumindest einige von ihnen – die Hohenemser Geschichte nicht mit Antisemitismus und Nationalsozialismus in Verbindungen bringen wollten. Auf der anderen Seite standen deren Gegner, die im ehemaligen jüdischen Stadtteil nichts mehr sahen oder sehen wollten als eine Reihe heruntergekommener Gebäude und nicht verstehen konnten oder wollten, dass dieses Ensemble ein Zeugnis für einen wichtigen Teil der städtischen Geschichte sein sollte.“

In diesem Zusammenhang erhalten auch die Exponate in der aktuellen Ausstellung „Übrig“ mit Objekten aus der Museumssammlung weitere Bedeutung. (Der Ausstellung wurde in der VN-Ausgabe vom 8. April ein Beitrag gewidmet.) Es handelt sich um Objekte aus der Villa Heimann-Rosenthal, deren letzte jüdische Bewohnerin 1942 ermordet wurde. Die Stadt Hohenems erwarb Möbel des einstigen Salons, die die erste Mueumsschau zierten und schließlich ein Bild von „jüdischem Großbürgertum“ festigten, das der Realität nicht entsprach. Zu sehen sind heute kleinere Gegenstände, die unter anderem als verschollen galten und inzwischen anonym beim Museum abgegeben wurden.