Die Anzahl der Schläge bestimmt den Blauton

Kultur / 20.05.2016 • 18:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Katharina Winkler hat einen Ton gefunden, der verdichtet sowie Bilder und Metaphern findet. Foto: APA
Katharina Winkler hat einen Ton gefunden, der verdichtet sowie Bilder und Metaphern findet. Foto: APA

Wer Katharina Winklers Buch arglos zur Hand nimmt, erlebt ein böses Erwachen.

Roman. „Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton.“ „Blauschmuck“ ist ein hartes Buch. Katharina Winkler, in Wien geboren, in Oberösterreich aufgewachsen und in Berlin lebend, beschreibt ein Frauenschicksal in der Türkei. In dem kurdischen Dorf, in dem die Ich-Erzählerin Filiz aufwächst, herrscht das Patriarchat mit strenger Hand. Brutal werden den Frauen jegliche Ansätze von Autonomie und Selbstbestimmung aus dem Leib geprügelt, ihre blauen Flecken sind sichtbare Wundmale des vom jeweiligen Gatten ausgeübten Herrschaftsanspruchs. Filiz ist eine unter vielen. Noch als Kind erhebt ein Bursch, der ihr gut gefällt, seinen Anspruch auf sie. Als der Tag der offiziellen Brautwerbung kommt, ist der Vater gegen die Heirat mit Yunus. Die 15-Jährige lässt sich zur Rebellion überreden und reißt von zu Hause aus. Im neuen Heim wartet jedoch alles andere als das Eheglück. Von der eigenen Familie wird sie verstoßen, von der Schwiegermutter als Sklavin verachtet, vom jungen Ehemann vergewaltigt und verprügelt. Die Thematik erinnert in vieler Hinsicht an den gefeierten Film „Mustang“, der kürzlich das Schicksal von fünf Schwestern zeigte, die von Großmutter und Onkel streng bewacht werden. Regisseurin Deniz Gamze Ergüven gönnt am Ende wenigstens zwei der jungen Frauen einen gelungenen Ausbruch aus dem Gefängnis, das aus reaktionären Moral- und Gesellschaftsvorstellungen gezimmert wird.

In „Blauschmuck“ wird dagegen jede kurz aufkeimende Hoffnung immer wieder zunichtegemacht. Auch die Übersiedlung des Paares nach Österreich ändert nur die äußeren Umstände am täglichen Martyrium von Filiz, die zu diesem Zeitpunkt bereits Mutter von drei Kindern ist. Menschenwürde und Gleichberechtigung bleiben ebenso unerreichbares Ziel wie die versprochenen Jeans.

Den Ton gefunden

„Nach einer wahren Lebensgeschichte“, heißt es zu Beginn. Das alles wäre ganz und gar unerträglich, wäre da nicht die Sprache. Katharina Winkler hat für die Schilderung dieser Leidensgeschichte einen Ton gefunden, der verdichtet und verknappt und dennoch verstört, der sich nicht an handfesten Details der ausgeübten körperlichen und seelischen Brutalität weidet, sondern eigene Bilder und Metaphern dafür findet. In einer Nachbemerkung schildert sie, dass die Vorbildgeschichte einen glücklichen Ausgang nahm, mit rechtzeitiger Intervention von Nachbarn und Polizei.

Die Anzahl der Schläge bestimmt den Blauton

Katharina Winkler: „Blauschmuck“, Verlag Suhrkamp,
196 Seiten.

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