Hören Sie doch auf mit dem Männlichkeitswahn

Kultur / 27.05.2016 • 18:06 Uhr / 10 Minuten Lesezeit

„Heute haben wir als Referentin einen besonderen Gast unter uns“, eröffnete Graf Kövary. „Jemanden, der das letzte Glied einer Kette gefunden hat: Dr. Marlen Sörensen.“

Die Biologin Marlen Sörensen, die den aufsehenerregenden Artikel in der Developmental Cell veröffentlicht hatte. Die Sörensen, die derzeit in allen Medien präsent war. Über sie und ihren Forscherkollegen wurde berichtet, dass sie den genetischen Schalter, der das Programm für zelluläre Alterung steuert, gefunden hätten: ein Gen, das ein Enzym mit der Bezeichnung SGK-1 bildet.

„In der Medizin wird die Entdeckung der Funktion von SGK-1 ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Die wichtigsten Krankheiten sind von der Zellalterung abhängig.“

Alle lauschten gebannt ihren Ausführungen.

„Die Wahrscheinlichkeit, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Alzheimer zu sterben, steigt mit dem Alter drastisch an.“

„Wem sagen Sie das“, sagte Graf Kövary mehr zu sich als zu ihr.

Sörensen hatte ihn nicht gehört. Sie war vollkommen in ihrem Element. Wissenschaft muss eine Droge sein, dachte Larek. Wie Sex.

„Die Manipulation des Enzyms, entweder durch eine Mutation des Gens oder durch Stress und Chemikalien, hatte bei den Fadenwürmern durchschlagenden Erfolg.“

Hatte sie soeben von Fadenwürmern gesprochen? Meinte sie damit die Würmer im Darm? Im Stuhlgang?

„C. elegans lebt normalerweise nur etwa vierzehn Tage. Im letzten Drittel seines Lebens zeigt er typische Alterserscheinungen.“

Larek musste sich konzentrieren, damit er den Gedankenfaden nicht verlor. Sörensen dozierte in rasantem Tempo weiter. Ohne Vorlage, ohne Notizen.

„Die Würmer mit SGK-1-Manipulation sind dagegen auch nach zwei Wochen agil wie junge Tiere. Es scheint sogar, dass lebensverlängernde Prozesse in Gang gesetzt werden. Bei den Würmern konnten wir die Stresstoleranz und damit die Lebenserwartung drastisch steigern.“

Einen kurzen Moment war es so still, dass man glauben konnte, niemand befände sich im Raum.

„Wie sehen die Forschungsmöglichkeiten mit geändertem Grundlagenmaterial aus, also beim Menschen?“, unterbrach die Lady in Tannengrün die allgemeine Beeindruckung.

„Pharmakologisch wäre das prinzipiell auch beim Menschen erreichbar, da er ebenfalls ein Gen für SGK-1 besitzt und über 75 Prozent der Aminosäure-Bausteine in den entscheidenden Bereichen identisch sind.“

Jemand der Anwesenden erkundigte sich, ob seitens der Forschung quasi an Lebenspillen gedacht werde. Eine Art Lebensverlängerungspille. Oder Jugendpille. Ziel ihrer Forschung sei es, die Qualität und nicht die Quantität der letzten Lebensjahre zu steigern, hörte Larek Sörensen ausführen.

„Da muss ich wohl mit aller Entschiedenheit dagegen sprechen“, schwappte die erboste Stimme des Grafen aus dem ehrfürchtigen Gemurmel. „Sie sind verpflichtet, das komplette Potenzial auszuschöpfen. Ich erwarte, dass die Forschung uns nichts vorenthält. Schließlich wird sie von unseren Steuern finanziert. Es steht der Forschung nicht zu, die fast greifbare Möglichkeit der Lebensverlängerung zu verheimlichen oder gar zu stoppen.“

Die Weiterentwicklung wird nicht von der Forschung gestoppt, sondern von oben gesteuert, dachte Larek. Politik will keine Lebensverlängerungen, da war er sich sicher. Weder die Politik noch Versicherungsgesellschaften. Nur nicht zu viele Alte! Das war eine Frage der Kosten.

Der Status quo würde nicht mehr lange gehalten werden können, bald würde das Sozialsystem aus den Fugen krachen. Übertriebene medizinische Versorgung und Verbesserungen bei der Hygiene hatten zu steigender Lebenserwartung geführt. Der Trend zu immer kleineren Familien und der Kindermangel waren zusätzliche Wegbereiter für Überalterung. Das war bereits jetzt ein Problem. Wer würde für die Alten bezahlen, wenn nicht sie selbst?

Kövary durfte sich keine Hoffnung machen. Außer den Alten selbst war niemand an höherer Lebenserwartung interessiert.

 

„Es ist völlig offen, welche Nebenwirkungen eine Anwendung beim Menschen hätte, da wir noch nicht wissen, warum wir überhaupt altern“, erläuterte Sörensen. „Deshalb ist es auch kaum vorherzusagen, was etwa eine Manipulation von SGK-1 beim Menschen verursachen würde. Die Natur hat dem ewigen Leben wahrscheinlich nicht ohne Grund einen Riegel vorgeschoben.“

„Einen Riegel vorgeschoben? Dann sind Ihre Kollegen anderer Disziplinen wohl schon oft darübergesprungen“, erboste sich Graf Kövary. „Die Natur hat dem Leben schon x-mal einen Riegel vorgeschoben, welchen die Forschung ungeniert öffnet. Denken Sie an all die Errungenschaften der Wissenschaft! Würden Sie selbst nach Ihrer schlichten Erkenntnis handeln, dürften Sie kein Medikament anwenden, keine Krankheit heilen, keine Operationen durchführen! Die ganze Medizin dient einzig der Lebensverlängerung! Hätte sich die Menschheit Ihre Prämisse als Vorlage gemacht, wäre Ihre Arbeit, meine Herren“, und damit wandte er sich an die Anwesenden der Uni Marburg und des Max-Planck-Institutes, „wäre Ihre bisherige Arbeit obsolet. Wozu forschen, wenn es nicht angewendet werden kann? Hätten unsere Vorfahren den Riegel, den eine Natur vorgegeben hat, versperrt gehalten, wären wir alle hier bereits längst tot und vergessen. Hinweggerafft von einer ansteckenden Krankheit. Man hätte nichts zur Heilung, keine Schmerzlinderung, keine chirurgischen Eingriffe, weil es die Natur ja so will. Manche von Ihnen hätten die ersten Lebenswochen gar nicht überlebt. Meine Liebe, Sie forschen mit vertanen Chancen, wenn Sie sich so nah am Ziel nur mit Teilergebnissen beweisen wollen!“, ereiferte sich Kövary. „Warum sind Sie so zimperlich? Testen Sie Ihr SGK-Enzym am Menschen. Ich stelle mich als Versuchsperson zur Verfügung. Somit wären auch alle eventuellen Bedenken im Hinblick auf Tierversuche aus dem Weg geräumt. Sie haben alle gehört: Es ist mein freier Wille, dass Versuche an mir durchgeführt werden können.“

„So einfach ist das nicht, ich erhebe Einspruch“, es schien, als ob nur der Gemeindearzt Mut zu lautem Widerspruch besaß. Daniel Schigl sah aus wie ein Seebär und war tatsächlich nach dem Studium als Schiffsarzt tätig gewesen. „Arthur, als Achtzigjähriger kannst du deine Gesundheit nicht für die Forschung aufs Spiel setzen. Das könnte danebengehen.“

 

Plötzlich wurden mehrere Stimmen laut. Ein Auf und Ab an Meinungen ging durch die Ovalhalle. „Genau darum: Früher oder später geht es sowieso daneben – ich meine das Leben. Dann ist es nämlich zu Ende. Ich bin ein alter Mann“, rief Kövary mit lauter Stimme. „Ich spiele sozusagen das Versuchskaninchen – und erhalte vielleicht gerade dadurch die Möglichkeit eines längeren Lebens!“

„Das ist gegen das Berufsethos“, sagte jemand. Larek blickte in die Richtung, aus welcher der Einwand kam. Ein junger Mann mit dunkelblauem Sakko. Er stand neben dem Gemeindearzt, der abwägend den Kopf wiegte.

„Was habe ich zu verlieren?“, erwiderte Kövary gereizt. „Es ist mein Leben, und vielleicht stellt dieses Experiment einen Meilenstein in der Erforschung lebensverlängernder Maßnahmen dar. Vielleicht werden Sie mir noch dankbar sein, junger Mann“, bemerkte er. Etwas süffisant fügte er hinzu: „Wer nicht so lange leben will, dem bleibt es ja unbenommen zu sterben.“ Etwas zu süffisant, wie Larek schien.

Die Diskussion hatte Fahrt aufgenommen. Irgendjemand brachte die Überbevölkerung ins Spiel, den Tod als eine Art Geburtenregelung.

Das war das richtige Stichwort für den Grafen. Er konterte mit der Idee, welche er kürzlich Larek unterbreitet hatte: Schwangerschafts- und Gebärverbot. „Die Überbevölkerung ist jetzt schon ein Problem“, erwiderte er. „Denken Sie an Chinas Ein-Kind-Politik. Man sagt, dort gibt es Millionen von Abtreibungen.“

„Abtreibungen von Mädchen“, warf Schigl ein.

„Die gesellschaftlichen Folgen werden dramatisch sein“, Kövary fuhr unbeirrt fort. „Ein massiver Männer­überschuss, die meisten Eltern wollen einen Sohn. Es wachsen verwöhnte kleine Kaiser heran. Nur: Chinas Männer werden ohne Frau dahinvegetieren.“

„Vielleicht gibt es woanders einen Frauenüberschuss?“, witzelte ein Nebenstehender.

„Um ein Gleichgewicht zu schaffen, benötigten wir Reglementierungen. Staatliche Reglementierungen. Keine Ein-Kind-Politik. Nur ein rigoroser Schwangerschafts- und Gebärstopp kann den Bevölkerungszuwachs stoppen.“

 

Larek spürte förmlich die Anspannung. Ein Ruck, der durch die Gäste ging.

„Eine kinderfreie Dekade sozusagen“, fuhr der Graf fort. „Gerade vor kurz…“ – Benzin im Feuer.

Ein wütender Aufschrei. „Sind Sie nicht ganz bei Trost?“, kam es von Carla Waldheim, der Ministerialbeauftragten für Denkmalpflege. Sie war außer sich. Ihr tannengrüner Seidenoverall zitterte mit ihrer Verärgerung um die Wette.

„Hören Sie auf mit diesem präpotenten Männlichkeitswahn“, rief sie erbost. „Sie kritisieren Chinas Ein-Kind-Politik und fordern im nächsten Atemzug dasselbe in verschärfter Variante? Die Null-Kind-Politik! Sie glauben doch nicht im Ernst, dass sich die Frauen Gebärverbote gefallen lassen?!“

Zur Person

Erika Kronabitter

Geboren: 1959 in Hartberg, lebt in Vorarlberg und Wien

Ausbildung: Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft.

Tätigkeit: Schriftstellerin, Literaturvermittlerin, Herausgeberin der Reihe „Lyrik der Gegenwart, organisiert den Feldkircher Lyrikpreis

Veröffentlichungen: „Endlich alles richtig“, „So kam der Krieg in den Himmel“ (Hg. mit Elisabeth Gassner), „Aus Sprache“ (Hg. mit Petra Ganglbauer), „Der Königin der Poesie. Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag“ (Hg.), „Nora.X.“, „Viktor“, „Mona Liza“, „Sarah und die Wolke“, „Decodierung der Dekaden“, „Einen Herzschlag nur bist du entfernt“, Theateraufführugen von „Mona Liza“, „Sarah und die Wolke“, „Die Übenden“ u.a.

Auszug aus dem Roman „La Laguna“ von Erika Kronabitter, erschienen im Verlag Wortreich, Wien.