Geknetete Machos und dazu noch ein raumhoher Wasserfall

Kultur / 08.06.2016 • 19:38 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Duo Nathalie Djurberg (geboren 1978 in Lysekil/Schweden) und Hans Berg (geboren 1978 in Rättvik/Schweden) bespielt den Kunstraum Dornbirn.  Foto: VN/Steurer
Das Duo Nathalie Djurberg (geboren 1978 in Lysekil/Schweden) und Hans Berg (geboren 1978 in Rättvik/Schweden) bespielt den Kunstraum Dornbirn. Foto: VN/Steurer

Ein schwedisches Duo inszeniert im Kunstraum eine dunkle, süße Welt voller Abgründe.

DORNBIRN. Die Ästhetik und die Umsetzung erinnern an Kinderfilme. Doch was die bunten Plastilin-Figuren miteinander oder mit sich selbst anstellen, darüber spricht man normalerweise nicht und schon gar nicht im Kinderzimmer.

Albtraumhafte Traumwelten

Mit ihren tiefgründigen Trickfilmen, spielerisch-grotesk, erotisch und gewalttätig, mit Protagonisten aus Knetmasse und Handlungen für Erwachsene, ist dem schwedischen Künstlerduo und Paar Nathalie Djurberg (geboren 1978 in Lysekil/Schweden) und Hans Berg (geboren 1978 in Rättvik/Schweden) vor einigen Jahren der Durchbruch in der internationalen Kunstszene gelungen, wie Ausstellungen in der Kunsthalle Wien, dem Centre Pompidou in Paris oder die Verleihung des Silbernen Löwen der Biennale von Venedig beweisen. Schlicht großartig, ja vielleicht sogar anbetungswürdig, wenn man sich an den Titel anlehnt, präsentiert sich auch die aktuelle Inszenierung „Worship“ der beiden in Berlin lebenden und arbeitenden Künstler im Kunstraum Dornbirn. Bereits der Empfang vor der Montagehalle könnte euphorisch stimmen, wenn der anschwellende und wieder verstummende Sound von Hans Berg den Besucher empfängt und ins Innere der Industriehalle weiterleitet, wo sich ein ebenso dunkler wie freudvoller Kosmos öffnet. Zwischen Blumenobjekten auf rotierenden Plattformen, Schmetterlingen, die auf zauberhafte Weise den Wänden entlang flattern und dem raumhoch projizierten Film „Waterfall Variation“ (2015), zwischen kitschig-bunt und existenzialistisch, zwischen vordergründig süß und schockierend entsteht eine Traumwelt, die unversehens in ein albtraumhaftes Szenarium kippt. Zentrales Thema von Nathalie Djurberg, deren Filme und Installationen in aufwendiger Handarbeit schon einmal aus 14.000 gezeichneten Einzelbildern im Stop-Motion-Verfahren entstehen oder aus mit Liebe zum Detail und zum Charakter gekneteten Figuren in Claymation-Technik, sind die menschlichen Triebe und Begierden. All das, dessen wir uns zuweilen schämen, was gesellschaftlich tabuisiert ist und nicht öffentlich ausgelebt werden kann, bringt die Künstlerin schonungslos auf kleine, selbst gebaute Bühnen und lässt die Figur gewordene Knetmasse das ganze skurrile Spektrum elementarer menschlicher Fragestellungen und Perversionen, Liebe und Macht, Ausbeutung und Unterdrückung, Gewalt und Sexualität, Ängste und Freuden, durchleben.

In die Tiefe

So auch im jüngsten, kontroversiellen Werk „Worship“, das erst vor wenigen Wochen fertig geworden ist und in Dornbirn seine erst zweite Aufführung erfährt. Präsentiert in einem Mini-Kino, als einer mit Perserteppich ausgelegten Blackbox, werden erotische Fantasien und geschlechterspezifische Verhaltensweisen in schrill-bunt-glitzernden Bildern und in tapezierten Miniaturschaukastenbühnen vorgeführt, Schmunzeln und Schaudern sind ob der abgehandelten Klischees und der liebevollen, detailverliebten Ausstattung garantiert. „Auch der Schmerz kann süß sein“, sagt Nathalie Djurberg, die ihre Kunst als „Zone der Freiheit“ sieht. Sich nicht mit dem schönen Schein begnügend, sondern an der Oberfläche kratzend, gräbt die Künstlerin mit ihrem Werk in den tiefsten Tiefen der menschlichen Psyche. Dass dem Sound, der von Hans Berg stammt, dessen elektronische Kompositionen sowohl von schwedischer Volksmusik als auch von klassischen Elementen und digitalen Effekten inspiriert sind, mehr als nur eine begleitende Rolle zukommt, wird in den abstrakteren Arbeiten, wo die Musik wörtlich den Takt übernimmt, ersichtlich. Dass sich „Waterfall“ aus elf Metern Höhe ergießt, und nicht wie sonst üblich auf kleinen Screens präsentiert wird, und auch die übrigen Filme aus dem Werkkomplex „The Clearing“ direkt auf die Wände projiziert werden, um den Raumeindruck nicht zu beeinträchtigen, sorgt in der Präsenz und der Verkehrung der Maßstäblichkeit auch beim Künstlerduo für einen „Aha-Effekt“. Im harmonischen Ineinander der verschiedenen Werkgruppen und dem Überlagern von Bildern und Sound stellen Djurberg/Berg nicht nur ihre Vielseitigkeit unter Beweis.

Die Präsentation nicht nur in einer Ausstellung, sondern gar in einem Raum, erweist sich als absoluter Glücksfall und Ausstellungshighlight in diesem Sommer.

Die Ausstellung wird heute, Donnerstag, 9. Juni, um 20 Uhr im Kunstraum Dornbirn, Jahngasse 9, in Dornbirn eröffnet. Geöffnet bis 21. August, täglich 10 bis 18 Uhr.