Von Karajans Gang über den Arlberg

Kultur / 17.06.2016 • 22:58 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Gerd Nachbauer hat in Hohenems als sein sechstes Museum (neben Sammlungen zu Schubert, Zweig, Schwarzkopf etc.) das Schuhmacheratelier seines Großvaters mit Originalen nachgebaut.  Foto: VN/Bernd Hofmeister
Gerd Nachbauer hat in Hohenems als sein sechstes Museum (neben Sammlungen zu Schubert, Zweig, Schwarzkopf etc.) das Schuhmacheratelier seines Großvaters mit Originalen nachgebaut. Foto: VN/Bernd Hofmeister

Schuhe, Schubert oder wie Österreichs Festspiele fast einen anderen Verlauf nahmen.

Christa Dietrich

Hohenems. Während sich Subventionsverhandlungen mit dem Bund heutzutage als ungemein zäh erweisen und sich die Bregenzer Festspiele nicht nur jahrelang um Indexanpassungen bemühen müssen bzw. generell oft außen vor bleiben, sah es in den 1950er-Jahren einmal völlig anders aus. Nicht nur weil Herbert von Karajan einmal mit Bregenz in Kontakt kam, sondern weil man in der Bundeshauptstadt grundsätzlich erkannte, dass die hervorragenden Künstler ein Haus mit adäquater Akustik brauchen, wäre der Bund als Financier eines Festspielhauses eingestiegen.

Gerd Nachbauer, Leiter der Schubertiade und ein Musikwelt-Kenner wie kaum ein anderer, der Sammler von Dokumenten und Korres­pondenzen, muss es wissen. Bregenz wäre vor Salzburg drangekommen, erzählt er. Rund 80 Prozent der Baukosten für ein Festspielhaus hätte der Bund übernommen, 20 Prozent hätte das Land beisteuern müssen, doch der damalige Landeshauptmann Ulrich Ilg hätte entschieden, dass es das nicht braucht. „Vom Misthaufen aus . . .“, fügt er ein wenig scherzhaft, aber auch bestimmt hinzu. Wer das Glück hat, mit Nachbauer selbst durch seine inzwischen sechs Museen in Hohenems zu gehen, erfährt zu den vielen anderen auch solche Tatsachen. Die österreichische Festspielgeschichte hätte einen ganz anderen Verlauf genommen, mutmaßt er; dass Bregenz mit seiner Bodenseelandschaft nicht minder attraktiv wäre als das barocke Salzburg, davon ist er überzeugt. An der Grenze zu Baden-Württemberg und Bayern, also als Nachbar von zwei reichen deutschen Bundesländern, aus denen viele Gäste kommen, wäre sich das ausgegangen. Der Zustrom aus der Schweiz sei zudem nicht zu verachten. Luzern habe sich als Ort der internationalen Klassikszene erst nach und nach etabliert. (Und Bregenz musste – wie man weiß – bis in die 1980er-Jahre auf sein dann teureres Festspielhaus warten.)

Starkurort Schruns

Die 1976 gegründete und nun wieder beginnende Schubertiade ist einzigartig, die Schubertiade-Museen sind eine Welt für sich. Dass man sich darin verlieren könnte, ist der falsche Ausdruck, Gerd Nachbauer setzt auf ruhige Gestaltung, die Räume sind in unterschiedlichen Farben ausgemalt, die Schaukästen haben die notwendige Pulthöhe, die das Studium der vielen Briefe und Textzitate erleichtert. Dass man möglicherweise nicht zum vorgenommenen Zeitpunkt wieder hinausfindet, weil es eine ungemeine Fülle an Nachlesens- und Betrachtenswertem gibt, das kann aber leicht passieren. Nachdem es bereits äußerst interessant ist, sich zu vergegenwärtigen, dass – abgesehen von der Starsopranistin Elisabeth Schwarzkopf – mit Herbert von Karajan und Erich Kleiber weltbekannte Dirigenten Jahr für Jahr in Schruns Erholung suchten und im dortigen Kurhotel ein entsprechendes Ambiente vorfanden, ist Karajans einstiger Gang über den Arlberg mehr als eine Anekdote. Dass zwischen Wilhelm Furtwängler (1886–1954) und Herbert von Karajan (1908–1989) ein gespanntes Verhältnis bestand, wissen auch jene, denen die Umstände um das Erscheinen der die Konkurrenz befeuernden Kritik mit dem Vermerk „Wunder Karajan“ noch nicht geläufig ist. Nach dem bemerkenswerten „Tristan“-Dirigat im Jahr 1938 in Berlin, nachdem der damals noch junge Karajan gepusht werden sollte, blieben die beiden Dirigenten scheinbar unversöhnlich. Aus Unterlagen des Musikproduzenten Walter Legge (1906–1979) bzw. aufgrund des regen Gedankenaustausches mit damals beteiligten Persönlichkeiten, berichtet Gerd Nachbauer, dass auch ein gemeinsames Salzburger Abendessen der Ehepaare Furtwängler und Karajan, das Legge einfädelte, nicht kittend wirkte. Durchaus vorstellbar ist es, dass Karajan jenen Furtwängler, dem er in Bayreuth strikt aus dem Weg ging, einmal während eines Aufenthaltes in der Arlbergregion sprechen wollte. Wissend, dass Maestro Furtwängler im Zug nach Zürich sitzt, stieg er in Tirol ein und in Vorarlberg wieder aus. Beim Fußmarsch zurück führte die Witterung fast zu einer Tragödie, doch den Schneesturm erwartend, machte sich ein Suchtrupp früh genug auf den Weg, um den prominenten Urlaubsgast wieder ins Domizil zu geleiten.

Geschichtsträchtig

Was bringt den Schubertiade-Verantwortlichen Gerd Nachbauer dazu, ein Schuhmacher-Museum zu eröffnen? Die Frage beantwortet sich aus der Familiengeschichte des Hohenemsers, der in seiner Heimatstadt nicht nur die ehemalige Turnhalle in ein Musikhaus verwandelte und ihm den Namen Markus-Sittikus-Saal nach einem der Grafen von Ems gab, sondern auch so manche historische Bausubstanz nutzt oder rettete. Der ehemalige Pfarrhof beherbergt schon länger ein Franz-Schubert-Museum, in der Marktstraße 15 ist nun nicht nur die Geschichte der Schubertiade nachzuvollziehen, auch der einstige Druckort der „Emser Chronik“ erfährt nun wieder adäquate Nutzung, und Nachbauer gibt selbst etwas von seinen Vorfahren preis. Das in das 17. Jahrhundert zurückweisende Fachwerkhaus in der ehemaligen Christengasse erzählt auch einige Aspekte der jüdischen Geschichte von Hohen­ems. Salomon Bernheimer hatte von hier aus Handel betrieben, er war nicht nur mit Klara Brettauer verheiratet, die zu jener Familie zählt, aus der die Mutter des Schriftstellers Stefan Zweig stammt, weitere Nachfahren, darunter der Architekt Ely Jacques Kahn, wirkten später in den USA. 

Manchmal bestimmt auch der Zufall das Geschick. Gerd Nachbauers Vater hätte an sich ebenfalls Schuhmacher werden sollen, ein Angebot für eine Ausbildung als Lehrer schien ihm aber die bessere Alternative. In Karl Nachbauer, dem Großvater des Schubertiade-Machers, muss ebenfalls schon ein Sammler-Gen vorhanden gewesen sein, die gesamte Werkstatteinrichtung blieb jedenfalls inklusive Leisten und Leder erhalten, überdauerte Jahrzehnte in einem Keller, sodass sie sofort wieder in Betrieb genommen werden könnte, und zeugt nun davon, dass die Hohenemser einmal großen Wert auf gutes, individuell gefertigtes Schuhwerk legten. Und ganz nebenbei ist zu erfahren, dass die Nachbauers an sich aus dem süddeutschen Wolfegg stammen, also jenem Ort, an dem inzwischen kleine, aber inhaltlich höchst qualitätsvolle Festtage unter der Leitung des Vorarlberger Maestros Manfred Honeck ausgetragen werden.

Kuriosa aus Schuberts unmittelbarer Nachwelt, die das inzwischen bereinigte Bild des Komponisten verzerrten, den Geräten, Schuhen und Dokumenten anzugliedern, ist eine gute Idee – handelt es sich hierbei doch auch um den unterhaltsamen Teil der gesamten Sammlung, von der in den sechs Museen ohnehin nur ein kleiner Teil zu sehen ist.

Mit Joseph Sulzer (1850–1926), dem Sohn des aus Vorarlberg stammenden Oberkantors Salomon Sulzer (1804–1890), beginnt ein ernstes Kapitel. Der Komponist, der als Cellist unter anderem im berühmten Hellmesberger-Quartett oder als Wiener Philharmoniker spielte, wirkte auch als Verbreiter des Werkes seines Vaters und war selbst Vater von als Sängerinnen und Sänger berühmt gewordener Kinder, die an verschiedenen Bühnen Karriere machten. Rudolf Sulzer hatte die Verfolgung durch die Nazis nicht erlebt, beim Versuch, Verwandten zu helfen, wurde er verhaftet und in Auschwitz ermordet.

Dass sich in den Sängerinnen- und Sängerlisten, die Gerd Nachbauer als berühmt gewordene Schubert- oder Wagner-Interpreten anführt, auch Persönlichkeiten befinden, die ebenfalls deportiert und ermordet wurden, wird bei Durchsicht der Exponate deutlich. Dass das Verhalten der als Künstlerin hervorragenden Elisabeth Schwarzkopf (1915–2006) zu verschiedenen Interpretatio­nen führte, ist bekannt. Die Sopranistin (und Ehefrau des erwähnten Walter Legge, der auch als entscheidender Förderer von Maria Callas auftrat), war einst Parteimitglied. Der den Nationalsozia­listen kritisch gegenüberstehende Vater hatte die junge Frau damals nicht von diesem Schritt abgehalten, sondern als Akt, dem nicht auszuweichen sei, eher dazu ermutigt. In Briefen und Dokumenten aus dem Nachlass von Schwarzkopf, den Gerd Nachbauer sicherte, geht hervor, dass sie sich damit kaum Aufstiegschancen sicherte, sondern weiterhin die sogenannten „Wurzelrollen“ zu absolvieren hatte. Warum der Makel in der Biografie von ihr nach 1945 bzw. im Zuge der späteren Auseinandersetzung mit der Zeit durch kritische Historiker nicht einfach umfassend dargelegt wurde, bleibt offen.

Derlei Themen werden auch beim Gang durch das „Nibelungen-Museum“ berührt, das seinen Titel der Tatsache verdankt, dass die Handschriften A und C des Nibelungenliedes (ein Faksimile liegt auf), aus dem Hochmittelalter im Hohenemser Palast entdeckt wurden. Ein Querverweis zu Richard Wagner (aus dessen Bayreuther Festspielhaus übrigens ein Pult und ein Stuhl nach Hohenems kamen) ergibt sich nicht nur aus der Tatsache, dass der Komponist Teile des Stoffes in seinem Opernvierteiler „Der Ring des Nibelungen“ verwendete, sondern, dass berühmte Wagner-Interpreten eine Zeit lang auch im Schubert- oder Mozart-Fach reüssierten. Lilli Lehmann (1848–1929), die an der „Ring“-Uraufführung mitwirkte, gilt zudem als Mitinitiatorin der Salzburger Mozart-Feste.

Stefan Zweig

Zu den bedeutenden Persönlichkeiten aus der Gründerzeit der Salzburger Festspiele zählt auch der wie erwähnt aus Hohenems stammende Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942). Als Mensch, dem „persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen“ war, verabschiedet sich der österreichische Pazifist, der vor den Faschisten nach England und schließlich Brasilien emigrierte, vor seinem Selbstmord mit dem Vermerk, dass sich seine „geistige Heimat Europa selbst vernichtet habe“.

Museen der Schubertiade in Hohenems

Franz-Schubert-Museum: Marktstraße 1

Schubertiade-Museum: Marktstraße 15

Legge-Museum: Marktstraße 5

Elisabeth-Schwarzkopf-Museum: Schweizer Straße 1

Nibelungen-Museum: Marktstraße 6

Schuhmacher-Museum: Marktstraße 15

 

Öffnungszeiten 2016:

19. bis 25. Juni: 10.30 bis 17 Uhr

13. bis 17. Juli: 10.30 bis 18 Uhr

24. bis 30. August: 10.30 bis 17 Uhr

4. bis 7. September: 10.30 bis 18 Uhr

1. Oktober (ORF-Lange Nacht der Museen): 18 bis 01 Uhr

5. bis 11. Oktober: 10.30 bis 18 Uhr