Vom wilden Aufflackern der Moderne

Kultur / 08.07.2016 • 22:32 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ein Gecko von Marie von Uchatius aus dem Jahr 1906.
Ein Gecko von Marie von Uchatius aus dem Jahr 1906.

Tobias Natter sorgt in der Schirn-Kunsthalle für Einblicke und Überraschungen.

Frankfurt/Main. Geradlinige Hecken in Gelb, ein paar Streifen als Schatten in Blau oder Schwarz und angedeutete Bäume: Wäre diese Landschaft ein Jahrzehnt später oder gar noch später entstanden, würde sie heute vielleicht als typisch für die Zeit gelten. Das Blatt ist mit 1903 datiert, stammt von Leontine Maneles und befindet sich in der soeben eröffneten Ausstellung „Kunst für alle“, die der Vorarlberger Kunsthistoriker Tobias Natter (ehemals Direktor des Leopold Museums in Wien und des Vorarlberg Museums in Bregenz) für die Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main realisiert hat. Dazu zählt auch Fanny Zakuckas ebenfalls 1903 entstandenes Werk „Schönbrunn“, das auch mit den Farben Blau und Gelb auskommt (die somit auch ein Grün ergeben), das die Hecken, die Durchblicke und die Perspektive auf eine einfach Formel bringt und das Schloss ohnehin anhand von Quadratreihen andeutet, die den Fenstern entsprechen. Fehldeutungen kann es nicht geben, in der Reduzierung geht die Künstlerin so mutig und zugleich so exakt vor wie jene Grafiker, deren Aufgabe es Jahrzehnte später war, Piktogramme zu schaffen, die jedermann sofort versteht. Vom Potenzial her ist das unscheinbare Blatt, dessen Ränder noch von langer, unsachgemäßer Lagerung zeugen, eine Entdeckung.

Farbholzschnitte

Fanny Zakucka zählt zu jenen Künstlerinnen und Künstlern, die den Farbholzschnitt in den Jahren zwischen 1900 und 1914 zu einer Blüte trieben und damit verdeutlichen, dass die Kunst in Wien um 1900 weit mehr zu bieten hat als Klimt, Schiele, Kokoschka und, um in den Bereich des Gestalterischen vorzudringen, jene Arbeiten von Koloman Moser oder Emil Orlik, die in den einschlägigen Museen sofort ins Auge fallen.

Würde man die Ausstellung zuerst in Wien zeigen, dann wäre ihr keine so große Aufmerksamkeit beschieden, erklärt Tobias Natter. In der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt hegte man sofort Interesse an den rund 250 Arbeiten, die dort bis 3. Oktober ausgestellt sind, in die Wiener Albertina kommt die Schau in etwas verschlankter Form ab 19. Oktober.

„Kunst für alle“

Die Wiener Secession, die Kunstzeitschrift „Ver Sacrum“ und die Bestrebungen zur Rückbesinnung auf Vervielfältigungsmethoden, die schon in der Zeit von Albrecht Dürer angewendet wurden, „Kunst für alle“, also auch vom Mittelstand bezahlbare Arbeiten anzubieten, sind in Wien so weit bekannt, dass die Entdeckerlust dort somit etwas gedämpft sein mag. Dass die Auseinandersetzung mit Arbeiten bzw. mit Werken von Künstlerinnen und Künstlern, von denen viele in Vergessenheit geraten sind, viel Sehenswertes, um nicht zu sagen, Erstaunliches zutage fördert, hat auch dazu geführt, dass der renommierte Kunstverlag Taschen das umfangreiche Katalogbuch mit Auflistung der Exponate und wissenschaftlichen Abhandlungen zu diesem Projekt herausbringt. In der Schirn selbst setzt Tobias Natter gemeinsam mit dem Regisseur Ulrich Rasche auf das Erlebnis. Die mit wenigen Ausnahmen kleinformatigen Arbeiten sind vor dunklem Hintergrund so in Szene gesetzt, dass sowohl ein Überblick, als auch die thematische Gruppierung sowie die Auseinandersetzung mit dem einzelnen Werk gewährleistet ist. Kindlichen Spaß beim Rundgang zu haben, ist durchaus intendiert, schließlich haben die Künstler nicht nur die bekannten „Ver Sacrum“-Kalender geschaffen, in denen sich so manches Kipp-Motiv verbirgt. Kinderbücher zu schaffen, in denen Maria Vera Brunner etwa
mit ein paar Streifen und Punkten 1902 zwei ballspielende Mädchen zeigt, zählten ebenfalls zum Repertoire wie die allein durch die changierenden Farben faszinierenden Tierdarstellungen (etwa von Ludwig Heinrich Jungnickel, der auch Arbeiten für das Palais Stoclet in Brüssel schuf) oder Tapeten, auf denen etwa Franz von Zülow Figuren zeigt, mit denen erst viel später etwa Oskar Schlemmer berühmt wurde. Aus der Fülle sei auch Erwin Lang erwähnt, der 1904 Grete Wiesenthal in tänzerischer Haltung verewigt oder Broncia Koller-Pinell mit ihrem „Schlafenden Kind“, Rudolf Kalvach, der mit Darstellungen des Hafens von Triest einerseits auf die Ornamentik und Japonismus als Ausgangspunkt verweist, andererseits aber auch Szenen schafft, die eine bedrückende Arbeitswelt zeigen und damit eine später auftauchende Sozialkritik vorwegnehmen. Die Doppeldeutigkeit von Zirkusszenen ist offenkundig und auch so mancher Akt ist seiner Zeit voraus.

Viele dieser Motive sind in ihrer Reduziertheit ihrer Entstehungszeit kurz nach 1900 voraus.

Tobias Natter
Aktstudie von Carl Anton Reichelt aus dem Jahr 1909.
Aktstudie von Carl Anton Reichelt aus dem Jahr 1909.
Tramwayszene von Fanny Zakucka aus dem Jahr 1903.
Tramwayszene von Fanny Zakucka aus dem Jahr 1903.
Die Gestaltung lässt die Auseinandersetzung mit dem einzelnen Werk zu. Im Bild sind Arbeiten von Rudolf Kalvach zu sehen.   Fotos: Schirn Kunsthalle
Die Gestaltung lässt die Auseinandersetzung mit dem einzelnen Werk zu. Im Bild sind Arbeiten von Rudolf Kalvach zu sehen.   Fotos: Schirn Kunsthalle

Die Ausstellung ist bis 3. Oktober in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt geöffnet und kommt später nach Wien. Katalog im Verlag Taschen.