Er ist bereit, es wieder zu machen

19.07.2016 • 18:24 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Pavel Cernoch kann sich mit der Figur des Hamlet gut anfreunden: „Ich war auch immer Rebell.“ Foto: VN/Steurer
Pavel Cernoch kann sich mit der Figur des Hamlet gut anfreunden: „Ich war auch immer Rebell.“ Foto: VN/Steurer

„Amleto“ braucht besonders ambitionierte Sänger. Pavel Cernoch hat sich reingekniet.

Christa Dietrich

Bregenz. Die Festspiele beginnen heute mit einer Rarität. „Amleto“ von Franco Faccio, nach dem Drama „Hamlet“ von William Shakespeare wurde zu Lebzeiten des Komponisten nur zwei Mal aufgeführt. Nun wurde die Partitur wiederentdeckt, in Bregenz findet nach über 140 Jahren die erste Aufführung der Oper in Europa statt.

Dieser Hamlet, den Franco Faccio da geschaffen hat, ist eine mörderische Partie. Wie rasch konnten Sie sich damit anfreunden?

Cernoch: Der Weg zur Produktion war kompliziert, ich hatte mich beschäftigt und Angst bekommen, mein Agent sagte, ich kann nicht „Trovatore“ singen und „Maskenball“, diese Partie reicht aber viel weiter. Mein Lehrer meinte aber, das ist genau richtig, weil du diese Musik noch nie gehört hast.

Wie erfolgte das Hineinarbeiten, welche Feinheiten konnten Sie entdecken?

Cernoch: Es war aufwendig. Im Klavierauszug und Textmaterial waren viele Fehler, und es war nicht angeschrieben, in welchem Tempo die Partie zu singen ist. Aber es hat wahnsinnig Spaß gemacht. Ich habe durch die Arbeit sehr viel gewonnen. Ich bin in einer Agentur, in der sie enorm viele Anfragen nach Sängern des slawischen Repertoires haben, wenn man das italienische singen will, ist es nicht so einfach. Mein Lehrer, mein Agent und meine Mutti, sozusagen das starke Trio, waren in der Generalprobe. Sie waren schon einmal zufrieden.

Faccio war auf der Suche nach einem neuen Klang, Verdi bzw. das Italien seiner Zeit ist durchaus hörbar. Aber Faccio war ja auch ein Wagner-Freund. Wie sehen Sie dieses Thema?

Cernoch: Die Instrumentation des Orchesters ist schon sehr wagnerhaft, vielleicht liegt es auch an den Wiener Symphonikern, weil sie so symphonisch spielen. Die Klangsuche ist für mich kein Thema. Ich versuche mit meiner Stimme zu singen so wie sie ist. Ich weiß, was ich zu tun habe und was ich nicht machen soll.

„Hamlet“ ist ein Riesendrama, was ist Hamlet für ein Mensch, wie sehen Sie die Figur?

Cernoch: Ich kann mich mit der Figur sehr gut anfreunden, ich war auch immer Rebell. Ich habe die erste Schule verlassen. Ich gehe meinen Weg hartköpfig und bin auch sehr leidenschaftlich und emotional. Der Unterschied ist, dass Hamlet auch irrational ist. Mit Tod und Mord von eigenen Verwandten wurde ich aber nicht konfrontiert. So wie er ist, hat er von Anfang an keine Chance zu gewinnen. Das sieht man immer mehr. Was mir Spaß macht, ist, ich spiele gerne Verrückte.

Wo bzw. in welcher Partie haben Sie diese Seite an sich entdeckt?

Cernoch: Ich habe „Jenufa“ und Calixto Bieito gesungen. Er hat den Laca ein bisschen angeschlagen gewollt, das ist so gut angekommen. Die Leute waren perplex. Ich habe mich sehr wohl gefühlt mit der Sache und wie ich da reingehe.

Sie haben viel zu schauspielen, müssen aktiv sein, macht Ihnen das Spaß?

Cernoch: Es ist eine großer Vorteil, dass ich alles verstehe. Ich spreche sehr gut Italienisch und habe mir die ganze Partitur eigens auch ins Tschechische übersetzen lassen, damit ich alle Feinheiten genau kenne.

Ich hoffe, die Frage ist nicht banal, aber wie halten Sie sich für eine solche Partie fit?

Cernoch: Die Frage ist gar nicht banal. Ich muss mich auf der Bühne auch immer ausziehen, ich habe dem Olivier Tambosi schon gesagt, dass das nicht unbedingt noch einmal sein muss. Ich mache viel Sport, ich gehe jeden zweiten Tag auf diesen Berg da hinauf (deutet auf den Pfänder). Das ist ganz wesentlich, ich möchte mir die Rollen erhalten, in denen ich auch schauspielerisch etwas zu tun habe.

Wie möchten Sie Ihr Repertoire weiterentwickeln?

Cernoch: Bis 2020 ist alles schon relativ klar. Ich singe nächstes Jahr Don José, dann Carlos auf Französisch, den Prinzen Igor, natürlich den ganzen Janacek. Und dazu kommt noch der erste Wagner im Jahr 2018.

Welche Partien werden das sein?

Cernoch: Parsifal und Lohengrin. Das wird in Stuttgart sein.

Sie haben schon als Kind gesungen, gab es einen Auslöser, um zu sagen, jetzt werde ich Opernsänger?

Cernoch: Ich bin jetzt 42, und das ist erst passiert als ich 30 war, da habe ich das Gefühl gehabt, dass ich angekommen bin. Zuvor hatte ich mich immer gefragt, ob es wirklich die Erfüllung in meinem Leben ist.

Sie haben mit Kirill Petrenko gearbeitet, dem zukünftigen Chef der Berliner Philharmoniker. Petrenko hat lange in Vorarlberg gelebt. Was ist das Besondere bzw. das Faszinierende an seiner Arbeit?

Cernoch: Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Wir hatten mehrere Sachen gemacht, meine erste Begegnung mit ihm war, als ich in München in einer Janacek-Oper eingesprungen bin. Ich war in Prag und wurde eines Morgens angerufen, ob ich nach München fliegen und am Abend singen kann. Er hat die ganze Musik so in der Hand, dass das alles komplett natürlich ist. Wir hatten keine Probe, aber es war alles selbstverständlich. Er hat diese Dimension, etwas Geniales, das schwer in Worte zu fassen ist. Ich habe die „Meistersinger“ mit ihm gehört. Das war phänomenal. Ich habe mich sehr gefreut, als die Berliner Philharmoniker beschlossen hatten, ihn zu nehmen.

Damit die Oper „Amleto“ wieder aufgeführt werden kann, braucht es Sänger, die bereit sind, sich auf einiges einzulassen. Glauben Sie, dass es weitere Aufführungen geben wird?

Cernoch: Das weiß ich nicht. Die Oper hat wunderschöne und starke Momente, aber auch Schwächen. Sie ist nicht einfach zu besetzen. Für mich wäre es aber schön, ich bin bereit und würde das gerne noch woanders machen.

Wo sind die Schwächen des Werkes und wo die Stärken?

Cernoch: Ein bisschen in der Dramaturgie. Ich habe das Gefühl, dass es zum Finale hin nicht aufwärts, sondern ein bisschen abwärts geht. Ich würde das Lied des Königs am Schluss vielleicht etwas anders machen. Es gibt aber extrem schöne Stellen, die Arie der Königin ist fantastisch. Aber ehrlich, es gibt im Repertoire viele Opern, die weniger interessant sind als dieser „Amleto“, und man spielt sie trotzdem dauernd.

Zur Person

Pavel Cernoch

Ausbildung: Studium in Brünn

Engagements: Nationaltheater Prag, Staatsoper Berlin, Glyndebourne Festival, Staatsoper Stuttgart, Staatsoper Hamburg, Bregenzer Festspiele etc.

Partien: Alfredo in „La Traviata“, Don Jose in “Carmen”, Don Ottavio in “Don Giovanni”, Laca in “Jenufa”, Titelpartie in “Amleto”, demnächst Parsifal etc.

Die Premiere von „Amleto“ am 20. Juli, 19.30 Uhr, im Bregenzer Festspielhaus. Weitere Aufführungen am 25. und 28. Juli.