Dieser Prinz Hamlet hat enorme Überlebenskraft

20.07.2016 • 21:02 Uhr / 8 Minuten Lesezeit

„Amleto“ kann in der Reihe der guten Shakespeare-Vertonungen durchaus mithalten.

Christa Dietrich

Bregenz. Hegte man den Wunsch, gleich noch einmal reingehen zu wollen, so war man am gestrigen Abend in durchaus guter Gesellschaft. „Amleto“ von Franco Faccio und Arrigo Boito, 1865 in Genua uraufgeführt, hat jedenfalls das, was eine große Oper ausmacht, nämlich vielschichtige Partien, starke Szenen, gut aufgebaute Arien, Spannung und nicht zuletzt einen großartigen Stoff. Wenn Intendantin Elisabeth Sobotka etwas gelungen ist, dann auf jeden Fall, ein Werk ins Gespräch gebracht zu haben, das das Zeug dazu hat, in die Reihe der zumindest annehmbaren Literaturvertonungen aufgenommen zu werden. Es tauchte dort nur deshalb nicht mehr auf, weil der Opernbetrieb damals von einer Unbarmherzigkeit gekennzeichnet war. Angeblich konnte Faccio die Enttäuschung nach einer verhunzten Aufführung mit einem indisponierten Tenor in den 1870er-Jahren in Mailand nicht überwinden und begrub alle zuvor gehegten Absichten, Neues zu schaffen – unabhängig davon, ob es ihm überhaupt gelang. Damals brachte auch Ambroise Thomas seinen „Hamlet“ heraus, der dem Stoff nicht unbedingt gerecht wird.

Die Verse haben Stacheln

Faccio hatte mit Boito allerdings einen Librettisten zur Seite, der musikalisch wie literarisch zu den großkalibrigen Künstlern zählt. Selbst als Opernschöpfer tätig, kennt ihn das Publikum auch als Werkpartner von Giuseppe Verdi. Stoffe zu komprimieren und dabei auch nach eigenem Gutdünken zu akzentuieren, das versteht er. Der Text selbst bietet aufschlussreiche Lektüre, enthält Seitenhiebe auf den damaligen Publikumsgeschmack, die Verse haben Stacheln, und grundsätzlich ist zu entdecken, dass die Titelfigur sehr vital daherkommt. Das Bild vom zaudernden Hamlet oder gar vom somnambul empfindsamen, das uns eine Reihe von Regisseuren offeriert haben, kann man getrost beiseite lassen. Bei Faccio und Boito stürzt sich der Dänenprinz nahezu ungebremst in den Abgrund und reißt gleich alle mit. Hat er doch eine fatale Aufgabe zu erledigen, nämlich den vom Onkel ermordeten Vater zu rächen.

Dabei gehen Faccio und Boito keinesfalls banal vor, der Verweis auf die Unausweichlichkeit des Endes erfolgt klug und so, dass sich die Vielschichtigkeit der Figur offenbart und dass die Hoffnung zumindest ein kleiner Faktor bleibt. „Amleto“ ist kein durch und durch düsteres Stück. Als Revoluzzer, als „Scapigliati“ (Zerzauste) haben sich die beiden gefühlt, als sie als knapp über Zwanzigjährige drauf und dran waren, es denen zu zeigen. Die, das war einerseits das Publikum und dort besonders jene Verdi-Verehrer, die eher wenig übrig hatten für einen Wagner.

Was ist daraus geworden? Eine Oper, die die Nähe zu Verdi immer noch erkennen lässt (man beachte etwas die Vorspiel-Behandlung), die in der Instrumentierung aber auf das Musiktheater eines Richard Wagner verweist, ohne freilich dessen Leitmotivik in irgendwie vergleichbarer Form anzuwenden. Der junge Faccio weiß allerdings, wie kraftvoll zupackende Musik zu schaffen ist. Nicht zufällig hat sich der Trauermarsch bei der Grablegung Ofelias erhalten, und dass die Darsteller im Vorfeld von der Herausforderung schwärmten, die ihnen die Arien bieten, wird dem Zuhörer doch rasch begreiflich.

Steile Vorgaben

Pavel Cernoch offeriert eine steile Vorgabe für all jene, die die Partie möglicherweise noch erarbeiten wollen. Die Spitzentöne, mit denen nicht gespart wird, erreicht er alle, und außerdem hat er die Verstellung bis hin zum Vorgeben verrückt zu sein, geradezu verinnerlicht. Treibender, Getriebener, Verrückter – das Publikum folgt ihm, so viele Facetten werden selten in so rascher Abfolge durchgespielt. Gianluca Buratto ist als Geist geradezu eine Entdeckung für jene, die sich danach sehnen, dass wieder einmal einer ohne sichtbare Anstrengung der tiefen Töne mächtig ist, die die Opernliteratur vorsieht. Iulia Maria Dan ist eine wunderbar präsente Ofelia, neben Cernoch muss sie es sein und ist es auch. Mit der Königin (Dshamilja Kaiser) ist eine Künstlerin in Bregenz, die wohl zu den Edelbesetzungen für das italienische Fach dieser Zeit zählt. Dasselbe gilt für Claudio Sgura. Dass die Partie des mordenden Königs charakterlich einiges offen lässt, ist der Partitur geschuldet. Mit Sabine Winter (Königin Giovanna) präsentiert sich eine aus Vorarlberg stammende Sopranistin mit allem was die Partie braucht. Von Laertes (Paul Schweinester) und Polonius (Eduard Tsanga) schöpft das Ensemble die Möglichkeiten aus, und der Prager Philharmonische Chor zählt schon seit einigen Jahren in Bregenz zur Truppe mit Sonderaufgaben. Paolo Carignani setzt am Pult der Wiener Symphoniker auf viel Vitalität. Tonaufnahmen gibt es ja nicht, die rekonstruierte Partitur lässt Spielraum. Der Italiener wird schon wissen, warum er seinen Landsmann klanglich als jungen Wilden zeichnet. Ran Arthur Braun hat dazu im Übrigen eine Choreographie geschaffen, die die königlichen Feste zur Revue ausarten lässt. Der Stoff lässt auch das zu, in den tragischen Szenen kehren ausreichend Leere ein oder jene romantischen und elegischen Bilder bis hin zu berühmten Präraffaeliten-Sujets (etwa bei Ofelias Tod), die Ausstatter Frank Philipp Schlößmann neben einen das Unheil und die Macht verkörpernden Kubus gerade so weit zur Wirkung bringt, dass sie nicht in Kitsch ausarten.

Fast zu einfach

Olivier Tambosi konzentriert sich in der Inszenierung auf eine Grundthematik von Shakespeares Drama. Das Spiel im Spiel, die Frage nach Sein und Schein wird zum zentralen Zitat. Das Proszenium ist von Lämpchenreihen umgeben und spiegelt sich im Bühnenhintergrund auch als solches wider. Hamlet sitzt am Schminktisch, wenn die Verstellerei beginnt. Beim Einsatz der Drehbühne wird das alles sehr plausibel aufgefächert. Fast schon zu einfach wäre das, wenn es nicht eine Einzelpersonenführung gäbe, die die dichtesten Szenen ergibt, die das Musiktheater zu bieten hat. Auf den der Shakespeare-Zeit nachempfundenen Kostümen prangen Augen wie ein Emblem des Königshauses oder wie ein Zeichen dafür, dass alle – und nicht nur der König, dessen Tat entlarvt werden soll – unter Beobachtung stehen. Dass nun so weit ein Auge auf diese Oper geworfen wird, dass sie eventuell öfter gespielt wird, ist gut möglich. Überlebenskraft hat sie. Sie mehr als drei Mal anzusetzen, hätten die Bregenzer Festspiele wagen können.

„Essere o non essere“, abgesehen von der Szene, die alle in „Hamlet“ erwarten verleiht Pavel Cernoch der Partie ein tolles Format.  VN/Steurer
„Essere o non essere“, abgesehen von der Szene, die alle in „Hamlet“ erwarten verleiht Pavel Cernoch der Partie ein tolles Format. VN/Steurer
Die weiteren Sängerpartien sind mit Iulia Maria Dan (Ofelia), Dshamilja Kaiser (Gertrude) und Claudio Sguro (Claudio) oder Gianluca Buratto (Geist) rollenimmanent und bestens besetzt.
Die weiteren Sängerpartien sind mit Iulia Maria Dan (Ofelia), Dshamilja Kaiser (Gertrude) und Claudio Sguro (Claudio) oder Gianluca Buratto (Geist) rollenimmanent und bestens besetzt.

Die Oper „Amleto“ (Hamlet) wird noch am 25. und 28. Juli, jeweils 19.30 Uhr, im Bregenzer Festspielhaus aufgeführt. Dauer: knapp drei Stunden.