Von der Wiederverwertbarkeit eines starken Regiekonzeptes

21.07.2016 • 21:02 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Das Schicksal des Prinzen Calaf verknüpft Regisseur Marco Arturo Marelli mit dem Ringen Puccinis um sein Werk „Turandot“.  Foto: VN/Steurer
Das Schicksal des Prinzen Calaf verknüpft Regisseur Marco Arturo Marelli mit dem Ringen Puccinis um sein Werk „Turandot“. Foto: VN/Steurer

Puccinis Ringen um seine „Turandot“ funktioniert immer wieder. Auch als Seestück.

Christa Dietrich

Bregenz. Läuft alles wie am Schnürchen, so wird es auf der Seebühne erst am Ende der Aufführung nass. Am gestrigen Abend konnte es klappen, bis zur Massenhochzeit und dem Operettenschluss mit den Wasserfontänen herrschte in der Bregenzer Bucht Sommerwetter bzw. jenes, das die Festspiele brauchen, um ihre Seeproduktion vor jeweils rund 7000 Besuchern durchzuziehen. Im Vorjahr, zu ihrem Antritt als Intendantin, entschied sich Elisabeth Sobotka für Puccinis unvollendete Oper „Turandot“.  Das 1926 uraufgeführte Werk hatte vor einigen Jahrzehnten schon sein weniger geglücktes Seedebüt, „Nessun dorma“ – wohl ein großer Teil der Besucher kommt, um diese Arie zu hören – stand im letzten Sommer aber unter einem guten Stern. Die Produktion wirkte anziehend, Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli hatte keine Veranlassung, an der Realisierung seines Konzeptes etwas zu verändern. Der im Vergleich zur Produktion des Sommers 2015 vorgenommene Eingriff ist marginal, dazu aber später.

Aufführungsgeschichte

Mit seiner Idee hatte Marelli schließlich Aufführungsgeschichte geschrieben. Als das Werk zum ersten Mal auf dieser drachenartig geschwungenen Chinesischen Mauer, die er sich samt den Terrakotta-Kriegern als Podium für den See erdachte, ausgebreitet wurde, konnte man bereits feststellen, viele Facetten seiner Arbeit, das heißt die Hauptaspekte bereits in seiner Inszenierung in der Oper Graz gesehen zu haben. (Musiktheaterbeobachter wissen zudem, dass er seine Sicht des Werkes zuvor schon in Stockholm entwickelte.)  Das ist weiter nicht außergewöhnlich, das Konzept ist nämlich so stark und wurde derart überzeugt unterstrichen, dass es der Regisseur an sich kaum noch ändern kann. Es sei denn, er lässt den von Franco Alfano dazukomponierten Schluss weg. Das funktioniert auf dem See allerdings nicht, denn die Handlung mit dem Tod der Liu enden zu lassen und dem Publikum nicht mehr zu zeigen, wie und wa­rum Turandot und Calaf doch noch zusammenkommen, das geht hier wohl nicht. Marelli verknüpft, wie man also weiß, das Werben des Prinzen um die vereiste Prinzessin mit dem Ringen Puccinis um das Werk. Und nachdem sich beide Hauptfiguren als enorm stark erwiesen haben, kann auch nicht ein einziger Kuss des Mannes die mächtige Prinzessin zur zärtlich Liebenden machen. Turandot, die ihre Freier nach nicht bestandenen Prüfungsfragen köpfen lässt, löst sich selbst aus der starren Umpanzerung und befreit anschließend auch Calaf bzw. Puccini von den Fesseln. Dass am Ende ein Lied auf den Herrscher erklingt, zählt zum Paradoxon in diesem Werk nach einem Märchen bzw. einem Theaterstück von Carlo Gozzi. Aber sei‘s drum, wir sind bei der Wiederverwertbarkeit eines Regiekonzeptes und diesen Umstand reizt Marco Arturo Marelli ziemlich aus.

Abstecher nach Wien

Stockholm und Graz wurden erwähnt, doch als die Wiener Staatsoper im April dieses Jahres eine Neuinszenierung von „Turandot“ anbot, staunte man nicht schlecht, als offenbar wurde, dass der Regisseur und Bühnenbildner seine Idee quasi eins zu eins auch in dieses Haus übertrug. Freilich ohne die Chinesische Mauer und viel Feuerartistik, aber dass der Komponistenkonflikt vom Publikum bzw. in der Rezeption nicht grundsätzlich wahrgenommen wurde, hängt damit zusammen, dass es kein Maskenbildner der Welt schaffen kann, den Tenor Yusif Eyvazov auf Puccini zu trimmen.

Sorgsam besetzt

Trotz der großen Distanz zwischen Tribüne und Bühne berücksichtigen die Bregenzer Festspiele die Vorgaben schon sorgsamer; wer der Statur des Komponisten nicht entspricht, hat keine Chance auf ein Engagement. Rafael Rojas bot am gestrigen Abend auf der Seebühne jedenfalls einen sicheren Calaf. Bevor er das Publikum begeistern konnte, animierte bereits Guanqun Yu als Liu mit ihrer vollen, warmen Stimme in den exponierten Tönen zu Szenenapplaus. Mika Kares (Timur) imponierte als kraftvoller Bass, alternativ ist die Partie mit Gianluca Buratto besetzt, jenem Bass, der am Mittwochabend in Franco Faccios „Amleto“ im Festspielhaus begeistern konnte.  Drinnen wie draußen ist auch Paolo Carignani im Einsatz. Er sieht zu, dass die Wiener Symphoniker diesen Puccini keinesfalls als reinen Kraftakt abolvieren, wie man ihn noch von der Produktion in der Staatsoper im Ohr hat. Das kommt der Partitur entgegen, dem Chor sowieso und mit dem Auftritt von Mlada Khudoley erleben wir eine kultiviert geführte Turandot, die in der zentralen Arie, in der sie vom für sie prägend gewordenen Schicksal einer Urahnin erzählt, die so geschätzten Emotionen zum Ausdruck bringt. Hier kommt wieder diese LED-Scheibe zum Einsatz, auf der mit Masken und Symbolen die Handlung untermalt wird. Ob der Verweis auf die Ahnin nun vertikal oder horizontal erfolgt, ist ziemlich einerlei, dem Regisseur war es offenbar ein Anliegen, hier etwas zu verändern.

Als Ping Pang und Pong bringen dieses Mal Mattia Olivier, Peter Marsh und Martin Fournier die Commedia dell‘arte und den zu erwartenden Witz ins Spiel. Dieses „Turandot“-Konzept funktioniert auf dem See, die Tableaus mit den verschiedenen Zeitebenen sind weder aufregend noch störend, das Spektakel nimmt nicht überhand, musikalische Feinheiten sind erfahrbar und die Regie­idee lässt sich einen weiteren Sommer lang goutieren.

Die Premiere der Wiederaufnahme der Oper „Turandot“ auf der Bregenzer Seebühne konnte gestern Abend bei Sommerwetter durchgeführt werden.  Foto: VN/Paulitsch
Die Premiere der Wiederaufnahme der Oper „Turandot“ auf der Bregenzer Seebühne konnte gestern Abend bei Sommerwetter durchgeführt werden.  Foto: VN/Paulitsch

Die Oper „Turandot“ steht heuer bis 21. August auf dem Programm der Bregenzer Festspiele: www.bregenzerfestspiele.com