Den Blick auf die Welt bereichern

22.07.2016 • 20:58 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Für den Start erhielten 30 Kinder aus zugezogenen Familien qualitätsvolles Material, um kreativ tätig zu sein.  Foto: VN/Hartinger
Für den Start erhielten 30 Kinder aus zugezogenen Familien qualitätsvolles Material, um kreativ tätig zu sein.  Foto: VN/Hartinger

Sammlung von Art brut und Kinderzeichnungen wird mit Unterstützung der VN errichtet.

Christa Dietrich

Bregenz. Als der noch nicht zehnjährige Shalal dort, wo ihm Zeichenmaterial übergeben wurde, auch eine Bibliothek sah, telefonierte er nach Hause, um zu klären, ob er noch eine Stunde länger bleiben darf, er wollte nämlich in einigen der Bücher blättern, die er da in den Regalen sah. Der Bub stammt aus Aleppo, die deutsche Sprache hat er in Vorarlberg ruckzuck gelernt, auch ein paar Dialektausdrücke mischen sich in die Sätze. Mit seinen Eltern ist er vor dem Krieg geflohen, der Vater war als Ingenieur tätig, die Mutter als Englischprofessorin an einer Schule. In Österreich sind sie nun dabei, ihr Leben neu zu ordnen.

Richtig gutes Werkzeug

Shalal zählt zu jenen Kindern, denen Zeichenmaterial ausgehändigt wurde. „Richtig viel und richtig gutes Werkzeug haben sie erhalten“, unterstreicht der Künstler Harald Gfader sein Vorhaben. Die Vorarlberger Nachrichten haben die Mittel für die Anschaffung des Materials zur Verfügung gestellt. Das Ganze ist nämlich Teil eines besonderen Projekts. 30 Heranwachsende vom Kindergärtler bis zum 14-Jährigen gehören zu den ersten Beteiligten. Die Gemeinden Göfis, Hard und Alberschwende haben die Kontakte zu jenen Familien hergestellt, die als Flüchtlinge nach Vorarlberg gekommen sind, und die nun hier leben. Eine Gemeinde aus dem Oberland wird sich noch einbringen. Er freue sich sehr auf die Arbeiten, die er nach geraumer Zeit von den Kindern bekommt, gibt sich Gfader überzeugt, dass im Herbst eine Sammlung zusammenkommen wird, die einen wunderbaren Start eines Projekts markiert und den Blick auf die Welt bereichert, den junge Menschen im Allgemeinen im Rahmen ihres kreativen Schaffens dokumentieren. Die Kinder sollen zeichnen und malen, wie es ihnen gefällt, sie sollen frei nach Intuition Motive aufs Papier bringen, haben eigens Stifte und Ölkreiden bekommen, die pädagogisch überlegt ausgewählt wurden und erhielten keinerlei Themenvorgaben. Aus der Fülle der Arbeiten, die entstehen, wird Gfader jeweils fünf auswählen, die den Grundstock einer Sammlung ergeben, die der Künstler und Kunstvermittler für das Vorarlberg Museum in Bregenz aufbaut.

Initiiert von den VN

Das gesamte Projekt hat eine Vorgeschichte. Vor zwei Jahren hatten die VN in Kooperation mit dem damals gerade erst wiedereröffneten Vorarlberg Museum in Bregenz die Serie „Museumsstücke“ gestartet. Leser sollten sich entweder mit Stücken melden, die aus ihrer Sicht ins Museum gehören oder Ideen liefern bzw. Sammlungsprojekte anregen. Harald Gfader merkte damals an, dass man es in Vorarlberg versäumt habe, Art brut, also Kunstwerke von behinderten Menschen, zu sammeln. Es müsse eine Aufgabe sein, Arbeiten von Behinderten zu sichern, fachgerecht zu erfassen, zu kommentieren und schließlich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit Ausnahme beispielsweise der Gugginger Sammlung gäbe es in Österreich kaum derlei Initiativen, obwohl feststeht, dass es unter den behinderten Menschen nicht nur im Rahmen der Therapie kreativ tätige Maler und Zeichner gibt, sondern regelrechte Künstler, deren Werk professionell gesichtet werden sollte. Einen Markt gäbe es ohnehin, die Einordnung der Arbeiten durch Experten fehle aber noch weitgehend.

In dem von ihm initiierten, kleinen Ausstellungshaus in Göfis, dem sogenannten „milK-ressort“, hatte er bereits Arbeiten von behinderten Künstlern präsentiert. Gfader weiß auch aufgrund von früheren Kooperationen mit Menschen in Betreuungseinrichtungen genau, worum es geht.

Andreas Rudigier, der Direktor des Vorarlberg Museums, hat sich mit der Anregung auseinandergesetzt und Harald Gfader mit der Aufgabe betraut, sukzessive eine derartige Sammlung aufzubauen. Ein Budget wurde zur Verfügung gestellt. Gfader hat die Arbeit bereits aufgenommen und auch einige Schenkungen erhalten.

Der Start ist erfolgt

Von Anfang an war aber klar, dass er auch Kinderzeichnungen berücksichtigen will, die den Sammlungsradius entsprechend erweitern. Dabei war auch festzuhalten, dass es kaum zielführend ist, mit Schulen zu arbeiten. Die Kinder, die nun gerade mit ihren Familien dabei sind, Vorarlberg kennenzulernen, die ihre Umwelt neu erfahren, sollten die ersten sein, die Beiträge liefern. Auf weitere Kinder wird Gfader, dessen Aufgabe bereits bei anderen Museen, etwa dem Kunstmuseum in Vaduz, auf Interesse stieß, noch zugehen.

Die Sammlung ist wichtig. Ich freue mich auf die Arbeiten, die ich von den Kindern bekomme.

Harald Gfader