Sprachgewandtheit und wunderbare Weltläufigkeit

22.07.2016 • 16:41 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Leo Tuor beschreibt die Berglandschaft der Surselva. Foto: Verlag
Leo Tuor beschreibt die Berglandschaft der Surselva. Foto: Verlag

Das Hochgebirge ist, zumindest in literarischer Hinsicht, kein besonders ergiebiger Boden.

Essays. (bl) Zu allgegenwärtig sind die Gefahren der Natur, zu archaisch ist der Kampf des Menschen um sein Dasein und, so denn doch vor dem Hintergrund der Berge geschrieben wird, zu schmal ist oft der Grat zum heimattümelnden Kitsch.

Philosophische Dimension

Leo Tuor, 1959 in Graubünden geboren, ist eine der wenigen Ausnahmen von dieser Regel. In seinem neuen Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee“ versammelt der in Original auf Rätoromanisch schreibende Autor 17 Essays und Erzählungen, in deren Mittelpunkt die Berglandschaft der Surselva und ihre Bewohner stehen. Gekonnt preist er darin die Schönheiten der Bündner Berge und Gletscher ebenso wie die hohe Kunst des Schafhütens, das für den Autor eine regelrecht philosophische Dimension annehmen kann. Merklich unwirsch wird Leo Tuor, wenn es um die Verschandelung und Selbstverleugnung seiner Heimat zugunsten der Tourismusindustrie geht. Aufs Korn nimmt er dabei nicht nur die bauernschlauen einheimischen Geschäftemacher, sondern auch all jene Flachländer, die sich das falsche Alpenidyll an die Nase binden und sich hierfür auch noch großzügig in die Tasche greifen lassen.

„Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee“ besticht durch Sprachgewandtheit, Wortwitz und eine Weltläufigkeit, die angesichts der Enge und Abgeschlossenheit der beschriebenen Berglandschaft umso mehr angenehm überrascht.

Leo Tuor: „Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee“, Limmat Verlag, Zürich 2016.