„Wir wollen ein breites Bild anbieten“

22.07.2016 • 20:53 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Intendantin Elisabeth Sobotka ist sich sicher, dass „Amleto“ nun auch anderswo gespielt wird. Foto: VN/Steurer
Intendantin Elisabeth Sobotka ist sich sicher, dass „Amleto“ nun auch anderswo gespielt wird. Foto: VN/Steurer

Dass das Programm reduziert werden muss, ist nach diesem Start nicht zu befürchten.

Christa Dietrich

Bregenz. Die wiederentdeckte Oper „Amleto“ (Hamlet) sorgt für Hochstimmung im großen Vorarlberger Kultur­unternehmen. Das Augenmerk richtet Elisabeth Sobotka allerdings darauf, dem Publikum weiterhin ein vielfältiges Angebot zu machen.

Das Publikum hatte gejubelt, die bisher erschienenen Kritiken zu Franco Faccios „Amleto“ sind positiv, welche Reaktionen konnten Sie speziell wahrnehmen?

Sobotka: Durchwegs positive, ich war überwältigt. Dass es ein solcher Triumph für Faccio und Boito geworden ist, ist unglaublich schön.

Hat irgendein Musiktheaterunternehmen bereits Lust bekundet, das Werk nachzuspielen?

Sobotka: Es gibt Reaktionen aus Italien. Giuseppe Finzi, unser zweiter Dirigent für die „Turandot“, meinte, dass es eine Schande für die Italiener sei, dass die Österreicher das Werk nun aufführen. Es gibt also zarte Anfragen aus Italien, über die ich mich gefreut habe. Ein bisschen können wir noch warten, ob jemand die ganze Produktion übernimmt.

Gibt es konkrete Signale dafür, dass das Werk irgendwo wieder auf den Spielplan kommt?

Sobotka: Da bin ich mir sogar ganz sicher. Zumindest in Italien wird es gespielt werden.

Es gab viele Radioübertragungen, eine DVD wird herauskommen, und die Festspiele produzieren auch eine CD.

Sobotka: 19 Radiostationen haben die Ausstrahlung übernommen. So viele wie noch nie in der Geschichte der Festspielübertragungen. Ja, wir machen eine CD-Produktion. Manche sagen, man braucht keine, aber gerade bei diesem Werk bin ich anderer Meinung.

Gibt es etwas, das Sie ganz besonders gefreut hat?

Sobotka: Speziell das Finale. Die Kraft zu spüren und zu hören, was diese jungen Kerle da im Alter von 23 und 25 Jahren geschafft haben, ich gebe zu, da habe ich fast mit den Tränen gekämpft. Die Reaktion unserer Künstler hat mich zudem enorm gefreut. Sie sind zu mir gekommen und haben gesagt: Du, das ist schön, das macht sehr viel Spaß.“

Der Tenor Pavel Cernoch, der den Hamlet singt, hat im Gespräch mit den VN sehr von der Partie geschwärmt.

Sobotka: Ich habe gemerkt, mit welcher Tiefe und welchem Wissen er sich auf ein Projekt eingelassen hat. Auch im Glauben, dass es wirklich toll ist. Er hat sich total mit der Partie identifiziert. Er meinte, das ist anders, aber es zahlt sich aus.

Sie erzählten mir einmal, Sie hätten sich für Ihren Studienabschluss mit dem Werk beschäftigt. Wie war das genau?

Sobotka: Ich habe meine Magisterarbeit über Franco Faccio geschrieben und die autografe Partitur bei Ricordi gesehen. Als ich in Bregenz ernannt wurde, habe ich nachgefragt, ob sich schon etwas getan habe. Die waren erstaunt, dass sich noch jemand dafür interessiert, denn Anthony Barrese (Anmerkung: für die Opera Southwest in den USA) hatte sich um die Partitur bemüht. Ich habe deponiert, dass man sie mir zeigen solle, wenn sie fertig sei. Ich wollte von Anfang an, dass sie Paolo Carignani bekommt. Ihn hat besonders interessiert, dass Faccio auch Dirigent war, und er sagte: „Ich bin ein Kollege, ich muss seine Ehre retten.“

Bei „Turandot“ auf dem See wurde kaum etwas geändert. Wie ist die zweite Saison angelaufen?

Sobotka: Sehr gut, ich habe das Gefühl, dass sie insgesamt runder läuft. Ich finde es schön, dass Marelli auch im zweiten Jahr noch einmal draufgeschaut hat.

Als Intendantin der Oper Graz hatten Sie seine „Turandot“ mit der Oper Stockholm koproduziert. Dann kam sie auf den See, und nun hat Marelli sein Konzept auch an der Wiener Staatsoper realisiert. Das ist etwas merkwürdig. Wie sehen Sie das?

Sobotka: Ich habe mich – ehrlich gesagt – über meine Kollegen in Wien mehr gewundert als über Marelli. Wir hatten mit Stockholm und Graz eine Kooperation. Sehr schnell nach meiner Ernennung in Bregenz musste ich ein Stück für den See finden. Bei der Premiere in diesem Jahr war mir wieder klar, dass es ein perfektes Stück ist. „Turandot“ ist in geschlossenen Häusern eigentlich schwer erträglich. Die Oper ist bombastisch und nicht ganz kitschfrei, da tut eine Inszenierung unter freiem Himmel gerade gut. Ich wusste, dass Marelli die Atmosphäre von Stücken in Bühnenbildern vermitteln kann und dachte, wenn ihm das gelingt, ist das erfreulich. Es ist ihm gelungen.

So wie er sein Konzept argumentiert, kann er die „Turandot“ auch nicht anders umsetzen als mit diesem Bezug zu Puccini. Ansonsten muss er den Schluss weglassen.

Sobotka: Ja. Und ich finde diese Verstärkung des weißen Clowns im zweiten Jahr in Bregenz ganz gescheit. Die einzige Veränderung, die von Wien kommt, ist diese Bahre der Lou-Ling. Sonst hat das Konzept aber am See eine ganz andere Dimension. Wie das Bühnenbild mit dem Wasser lebt, das finde ich besonders schön.

Wie wird „Carmen“ im nächsten Jahr auf dem See?

Sobotka: Toll und ganz anders. Durch die Verwendung von Video und Mapping erhält das Stück eine andere Dynamik.

Mit dem Opernstudio wird heuer „Don Giovanni“ aufgeführt und im nächsten Jahr „Le nozze di Figaro“. Wie geht es nach den Mozart- und Da-Ponte-Opern weiter?

Sobotka: Es wird auf jeden Fall weitergehen. Es ist einer der befriedigendsten neuen Ansätze, dass man qualitätsvolle Opernaufführungen anbieten kann, von denen beide Seiten, also die Künstler und das Publikum, etwas haben. Die jungen Sänger waren auch bei der Eröffnung dabei, sie waren bei „Bastien und Bastienne“ dabei, sie sind in das Programm integriert und tragen zur Atmosphäre bei.

Die Subventionen werden erhöht, Kulturminister Thomas Drozda bezeichnete im Gespräch mit den VN auch die Indexanpassung, die er fordern will, als Notwendigkeit. Damit hat sich die Situation endlich geändert. Was ist möglich geworden?

Sobotka: Wir haben insgesamt immer noch weniger Geld, aber es ist ein Zeichen. Wir müssen mit der Kraft weitermachen, die wir haben. Wir werden heuer gut abschließen; wirkönnen hoffen, dass wir im nächsten Jahr mit „Carmen“ gut aufgestellt sind und dass diese Oper weitere Projekte ermöglicht. Die Vielfalt ist wichtig. Wir wollen ein breites Bild des Musiktheaters anbieten sowie Konzerte und eventuell schon bald das Theater.

Wird ein Schauspiel schon im nächsten Jahr möglich sein?

Sobotka: Das traue ich mich erst zu sagen, wenn ich es weiß. Möglicherweise ist es ein Stück, das gut zu „Moses in Ägypten“ im Haus passt.

Was diese jungen Kerle da geschafft haben, ich gebe zu, da habe ich fast mit den Tränen gekämpft.

Elisabeth Sobotka

Die Bregenzer Festspiele dauern heuer bis 21. August. Weitere Aufführungen der „Amleto“ finden am 25. und 28. Juli statt.