Österreichische Musik in den besten Händen

24.07.2016 • 19:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Dirigent Philippe Jordan  Foto: BF/Leclercq
Dirigent Philippe Jordan
Foto: BF/Leclercq

Der Erfolgslauf der Festspiele setzt sich auch bei den Orchesterkonzerten fort.

BREGENZ. „In Bregenz klingen wir immer besonders gut“, hat Philippe Jordan (41), seit zwei Jahren einer der jüngsten Chefdirigenten der Wiener Symphoniker, den Festspielen zu Protokoll gegeben. Gestern Vormittag tritt er vor vollbesetztem Haus den Wahrheitsbeweis an und macht die erste Orchestermatinee zu einem umwerfenden Konzertevent, wie man ihn mit solchen Begeisterungsstürmen lange nicht erlebt hat. Das „Orchestra in Residence“ der Festspiele hat in diesen zwei Jahren unter Jordan sehr deutlich an Klangkultur, Präzision und technischer Brillanz zugelegt und damit auch jene Erfolge bestätigt, die es eben bei den beiden Opernpremieren („Amleto“) und („Turandot“) unter Paolo Carignani eingefahren hat.

Nach seinem unvergessenen Einstand 2014 mit Brittens „War Requiem“ vermittelt Philippe Jordan diesmal eine prächtige Visitenkarte großer österreichischer Musik des 19. Jahrhunderts von Schubert, Mahler und Beethoven, die auf der Linie der Publikumserwartungen liegt; nicht ohne dabei auf thematische und inhaltliche Bezüge und Vorbilder in dieser spannenden Entwicklungsgeschichte unserer Musikkultur hinzuweisen, die gerade diesem Orchester mit seiner gewachsenen Wiener Klangtradition besonders liegt. Auch für den Schweizer Jordan ist das inzwischen eine „Hausaufgabe“, zu lange schon ist er auch als Musikdirektor der Pariser Oper im internationalen Musikgeschäft tätig. Und an seinen streng wirkenden Dirigierstil hat man sich auch in Bregenz längst gewöhnt und freut sich über die aufregenden Ergebnisse, die dieser Hochkaräter an Kompetenz erzielt.

Etwa mit der „Unvollendeten“, mit der der Maestro und seine Musiker an ihren Schubert-Zyklus in der vorigen Saison anknüpfen. Das Thema der Bässe am Beginn ist zwar noch leiser als die Klimaanlage im Saal, doch Jordan holt Schubert auch in der Dynamik sehr bald auf die Höhe unserer Zeit, die bei aller romantischen Deutung keinerlei Platz für Weinerlichkeit zulässt. Dafür sorgen schon ein vorwärts treibender steter Puls und die Pranke des Dirigenten, der auch für ordentlich dramatische Handkantenschläge des Schicksals sorgt.

Erinnerung an den Anfang

Mit Beethovens tänzerischer „Siebenter“ erinnern die Symphoniker an ihr erstes Konzert am 8. August 1946 in der Sporthalle, das sie unter Hans Swarowsky mit der „Eroica“ begannen – vor drei Musikergenerationen! In einer seither in Besetzung und Aufführungspraxis wohl deutlich abgeschlankten und weit weniger pathetischen Spielweise ist auch dieses Werk dem modernen Geist eines jung besetzten, geistig aufgeschlossenen Orchesters und seines ebensolchen Dirigenten verpflichtet. Die messerscharfe Präzision, die Jordan hier durchgehend exekutiert, sein Sinn für Klangbalance und dynamische Feinheiten lässt das Werk in einer atemberaubenden Leichtigkeit erscheinen. Das Scherzo flattert wie der „Sommernachtstraum“ vorüber, das Finale wird vom Feldherrn am Pult wirklich zur aufregend strahlenden „Apotheose des Tanzes“ (Wagner). Und die Symphoniker, die sich diesmal sogar den Luxus von zwei Konzertmeistern am ersten Pult leisten (Jan Pospichal und Anton Sorokow), tragen dieses Konzept sichtlich begeistert mit.

Dazwischen ereignet sich noch ein kleines Wunder. Die deutsche Mezzosopranistin Michaela Schuster, die innert drei Tagen für die erkrankte Sophie Koch als Solistin in Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“ eingesprungen ist, erweist sich als große Sängerpersönlichkeit, die diesen Vormittag vollkommen macht.

Sie gestaltet aus jedem einzelnen dieser kleinen, verzweifelt schönen Gesänge in Mahlers farbenreich morbider Tonsprache kleine vokale Kunstwerke, die in ihrer Intensität beklemmend unter die Haut gehen. Ein besonderes Ereignis!

Nächste Orchestermatinee der Wiener Symphoniker: 31. Juli, 11 Uhr, Festspielhaus (Solistin: Patricia Kopatchinskaja, Violine, Dirigentin: Susann Mälkki)