Kunst schärft das Bewusstsein

Kultur / 28.07.2016 • 20:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zur Eröffnung wurde gestern Abend die Oper „The exterminating Angel“ von Thomas Ades in Salzburg uraufgeführt. Foto: APA
Zur Eröffnung wurde gestern Abend die Oper „The exterminating Angel“ von Thomas Ades in Salzburg uraufgeführt. Foto: APA

Salzburger Festspiele wurden mit Rede des Philosophen Konrad Paul Liessmann eröffnet.

Salzburg.  Nationalratspräsidentin Doris Bures, die in Ermangelung eines Bundespräsidenten die Eröffnung vornahm, zeigte sich erschüttert über den „mörderischen Terror, der zu einem Teil europäischer Lebensrealität“ geworden sei. Gleichzeitig würden Entwicklungen des gesellschaftlichen Fortschritts stagnieren. Europa brauche in diesen herausfordernden Zeiten Gemeinsamkeit, Vertrauen, Träume und Ziele. Die Angst, „die unserer Zukunft Grenzen setzt“, müsse überwunden werden, sagte die Nationalratspräsidentin. Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) wies in seiner Rede auf seine Fragestellung „Wie sehr verwandelt Veränderung?“ darauf hin, dass hinter der Idee der Europäischen Union das größte Friedensprojekt der Geschichte stehe, das die Würde des Einzelnen in den Mittelpunkt allen staatlichen und gesellschaftlichen Handels stellt. Die Kunst mache das Bewusstsein und die Freiheit des menschlichen Willens gegenwärtig. Sie mache uns bewusst, „dass wir nicht eine willenlose Herde sind, sondern in jedem von uns ein Stück weit Unendlichkeit gesetzt ist“.

„Gelingen aus Freiheit“

Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) meinte, dass Europa derzeit als Projekt der ökonomischen und intellektuellen Eliten wahrgenommen werde. „Das muss sich ändern, wenn das gemeinsame europäische Projekt auch weiter Bestand haben soll.“ Dazu sei auch ein „hervorragendes, menschliches“ Bildungssystem erforderlich. Philosoph Konrad Paul Liessmann stellte in seiner Festrede die Frage, ob es in Zeiten von Terroranschlägen noch möglich sei, sich ruhigen Gewissens der Kunst hinzugeben. Das sei durchaus berechtigt, so Liessmann. Ein gelungenes Kunstwerk genüge, um dem Leben Sinn zu geben. Eine wunderbare Formel für die Kunst wäre „Gelingen aus Freiheit“. Und zwar dadurch, dass sie auf diesem Prinzip beharre und dass sie die Maßstäbe für das Gelingen nur ihren eigenen Ansprüchen und keiner anderen irdischen oder gar göttlichen Macht verdanken wolle. Das, was Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa über die Literatur gesagt habe, nämlich ihre „bloße Existenz ist schon eine Manifestation von Rebellion“, gelte wohl auch für die Kunst. „Liegt in der Freiheit der Kunst nicht auch ein politisches Programm?“ Eine politisch korrekte Haltung sei noch kein Garant für gelungene Kunst, sagte Liessmann. „Wenn es eine bis heute verstörende Einsicht der Moderne gibt, dann diese: Das Schöne und das Gute bilden keine Einheit.“ Er verwies auf Friedrich Nietzsche, der feststellte: „Die Wahrheit ist hässlich: Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“ Nur die Kunst könne, wenn auch im Imaginären, zeigen, was es heiße, mit den Widersprüchen und Abgründen des Menschen in einer menschlichen Weise umzugehen, erklärte Liessmann. „Liegt nicht darin die Provokation der Kunst: Dass das gelungene Werk uns von der Wahrheit ebenso wie von jedem moralischen Anspruch vorerst einmal entbindet?“

Mehr als Bildung

Liessmann hob auch die Bedeutung der Kunst für die Bildung hervor. Es genüge nicht, dass Menschen Kompetenzen erwerben, die sie fit für die Arbeitswelt machen und nur deshalb Mozart hören, weil es sich herausstellen könnte, dass dies das innovative Denken fördert und bei Firmengründungen Vorteile verschafft. „Wer so denkt, denkt falsch. Bildung ohne ästhetische Erziehung ist keine Bildung.“ Wenn Lehrer nur eine einzige jugendliche Seele für die Kunst begeistern können, „dann haben sie das Ihrige getan“.

Bildung ohne ästhetische Erziehung ist keine Bildung.

Konrad Paul Liessmann

Die Salzburger Festspiele bieten bis 31. August insgesamt 192 Aufführungen (darunter mehrere Opern und Sprechtheater) an 14 Spielstätten.