Anerkennung und Morddrohungen

29.07.2016 • 18:40 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Nikolaus Habjan wird demnächst in der Münchner Staatsoper Webers „Oberon“ mit Puppen inszenieren. Foto: VN/Hofmeister
Nikolaus Habjan wird demnächst in der Münchner Staatsoper Webers „Oberon“ mit Puppen inszenieren. Foto: VN/Hofmeister

Warum der Austro­faschismus behandelt werden muss, leuchtet wohl jedem ein.

Christa Dietrich

Bregenz. Nur ein einziges Mal wurde das Werk „Staatsoperette“ von Otto M. Zykan und Franz Novotny im Jahr 1977 im Fernsehen ausgestrahlt. Viele Zuschauer reagierten mit Entrüstung, Empörung wurde auch aus Kirche und Politik laut. Was der Austrofaschismus war, wollten die Protestierer gegen dieses Werk weder hören noch sehen, auch nicht künstlerisch komprimiert. Nikolaus Habjan kam zu Beginn seines Studiums mit dem Werk in Berührung, der Puppenspieler und Regisseur aus Graz hat sich gemeinsam mit dem aus Bregenz stammenden Theatermacher Simon Meusburger einen Namen gemacht. Spätestens seit der Produktion „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ über Friedrich Zawrel, der im Wiener „Spiegelgrund“, einer Kinderfachabteilung, in der in der Nazizeit Euthanasiemorde verübt wurden, Qualen durchlitt, ist er ein Begriff für höchst anspruchsvolles Figurentheater. Nikolaus Habjan hat die Puppen für die nunmehrige „Staatsoperette“-Produktion der Bregenzer Festspiele geschaffen und wirkt selbst mit.

Der Skandal um dieses Stück ereignete sich lange bevor Sie zur Welt kamen. Wie sind Sie mit dem Werk in Berührung gekommen?

Habjan: Ich habe im Oktober 2006 mein Studium begonnen, am allerersten Unterrichtstag zur „Kulturgeschichte im Spiegel der deutschen Literatur“, den Irene Suchy leitete, hat sie mir den Klavierauszug gegeben und gesagt: ,Machen Sie etwas daraus.‘ Ich habe mir den Film angeschaut, bin überhaupt nicht schlau geworden daraus, fand aber, dass es ein schlauer Stoff ist.

Zehn Jahre ist das schon her. Wie ging es dann konkret weiter?

Habjan: Drei Jahre später, als ich schon gar nicht mehr ihr Schüler war, habe ich Irene Suchy gesagt, dass ich gerne etwas machen würde. Wir haben einige der gestrichenen Szenen rekonstruiert. Dann waren die Bregenzer Festspiele interessiert, auch die Idee mit den Puppen fanden sie super. Ich glaube ja auch, dass das anders gar nicht funktioniert. Wenn ein Schauspieler sich ein Hitlerbärtchen anklebt, das funktioniert nicht einmal bei Bruno Ganz. Dann hat es mit dem Koproduktionspartner, der Neuen Oper Wien, konkrete Formen angenommen. Es wurden zudem kommentierende Figuren eingeführt, denn wer weiß schon, wer das alles ist? Es ist Ziel des Stückes, sich mit der Zwischenkriegszeit auseinanderzusetzen. Viele haben in ihrer Schulzeit nichts darüber gelernt. Heute noch ist die Figur des Dollfuß ja extrem umstritten.

Das hat sich über die Jahre aber verändert, es wurde über den Austrofaschismus publiziert, es wurde begonnen aufzuarbeiten, inwiefern der Austrofaschismus eben auch den Boden für den Nationalsozialismus bereitete. Wie sehen Sie das?

Habjan: Gute Frage, ich finde, dass bei Weitem noch nicht alles aufgearbeitet ist, wir haben das in zwei Schulstunden behandelt. Genau diese Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ist jetzt aktueller denn je. Wenn wir uns anschauen, dass Herr Hofer damit kokettiert und damit auch Stimmen fängt, indem er laut andenkt, das Parlament abzuschaffen, dann sind wir bei Dollfuß. Oder wenn es heißt: starke autoritäre Führung – was heißt das? Oder wenn man schaut, was in der Türkei passiert, da kann man direkte, klare Parallelen ziehen zu dem, was damals passiert ist. Mir macht das Sorgen. Man denkt nur noch in Schlagzeilen. Genau so wird Politik gemacht. In den Sprüchen sehe ich Parallelen zu damals. Wenn jemand sagt: ,Ich besiege die Arbeitslosigkeit‘, denkt man sich: ,Mit welchen Mitteln?‘ Dass das alles auf Schulden aufgebaut war, was in Österreich nach 1938 passiert ist, das wissen wir heute, aber es wird auch schon wieder vergessen. Wenn Herr Hofer sagt: ,Wir sind die Partei, die die Korruption bekämpft‘, redet niemand davon, dass Schwarz-Blau den schlimmsten Korruptionsskandal herbeigeführt hat.

Gibt es direkte Bezüge zur Gegenwart im Stück?

Habjan: Was ich auch schlimm finde, ist: Da kommt jemand ins Parlament und trägt bei der Angelobung 2013 demonstrativ eine blaue Kornblume. Darauf wird in dem Stück auch Bezug genommen. Die blaue Kornblume ist das Erkennungszeichen der illegalen Nazis von 1934 bis 1938 gewesen. Ich finde, wenn jemand so etwas im Parlament trägt, setzt er ein Zeichen.

Das wurde schon thematisiert und von den Freiheitlichen dementiert.

Habjan: Norbert Hofer hat gesagt: ,Es ist die Europablume.‘ Aber dann denke ich mir: ,Was soll denn das? Es gibt auch andere blaue Blumen.‘ Er sagte: ,Sie hatte nur 1934 bis 1938 diese Bedeutung.‘ Aber das stimmt nicht, diese Blume war völkisch besetzt. Ich finde, das darf man nicht im Parlament tragen, in Deutschland müsste man dafür zurücktreten.

Sie haben auch Reaktionen auf Ihre Feststellung erfahren.

Habjan: Ich habe auf Facebook darauf hingewiesen, als noch niemand über die blaue Kornblume geschrieben hatte. Ich habe ein Foto von Hofer mit der Kornblume gepostet und habe Morddrohungen bekommen.

Anonym? Oder wissen Sie, von wem?

Habjan: Auf den Social Medias sind die Leute ja ziemlich enthemmt, die haben mit ihrem vollen Namen geschrieben.

Fokussiert das Stück „Staatsoperette“ etwas Spezielles bezüglich des Austrofaschismus?

Habjan: Das Stück ist keine Dokumentation, sondern ein Theaterstück, das diesen historischen Hintergrund hat. Ziel ist es, mit Humor und Selbstironie und vielen Klischees, die aber gebrochen werden, auf diese historischen Gegebenheiten hinzuweisen. Es ist ein Anliegen, dass das Stück allgemein gültig ist.

Haben Sie für die Puppen nach Fotos gearbeitet?

Habjan: Fotos kennt man ja. Aber ich habe auch versucht, Tondokumente zu finden. Wenn ich einen Charakter auf die Bühne stelle, dann erschließt er sich zu fünfzig Prozent auch durch die Stimme und die Bewegung. Ich habe auch versucht, Videomaterial zu finden. Wie sich Mussolini bewegt, ist sehr wichtig. Deshalb hat die Puppe auch ein überdimensionales Kinn. Schuschnigg schaut verschreckt aus, ich habe aber auch versucht, ihn hart zu machen. Er ist der Kanzler der Todesstrafe.

Gehen wir weit zurück: Gab es einen auslösenden Moment, der dazu führte, dass Sie Puppenspieler wurden bzw. als Regisseur mit Puppen arbeiten?

Habjan: Seit ich zehn bin, war klar: ,Ich möchte Opernregisseur werden.‘ Mich hat ein Besuch im Marionettentheater gepackt. Das Lustige ist: Ich habe als Kind Klappmaulpuppen nicht gekannt, ich hatte Marionetten, mir war aber ganz wichtig, dass die den Mund bewegen können. Mittlerweile glaube ich, ich wollte schon immer viel mit den Puppen sagen.

Sie werden eine große Oper mit Puppen inszenieren. Erklären Sie bitte Ihr Vorhaben.

Habjan: Es ist „Oberon“ von Carl Maria von Weber an der Münchner Staatsoper. Oberon und Titania zerstreiten sich darüber, ob die Menschen einander treu sein können. Ich mache eine Versuchsanordnung. Oberon und Titania sind Verhaltensforscher, sie holen sich aus dem Publikum Sänger und bringen sie in einen Raum. Puck besteht aus drei Leuten, sie kreieren für die Liebespaare diese Personen. Der „Oberon“ ist ein Hybrid zwischen Theater und Musiktheater. Ich kann das, glaube ich, gut verbinden. Wäre mir die Oper nicht vorgeschlagen geworden, hätte ich sie mir ausgesucht.

Werden Sie mit Simon Meusburger noch weiter zusammenarbeiten?

Habjan: Ich bin aus dem Schubert-Theater ausgestiegen, aber wir sind immer noch sehr befreundet. Wir gehen jetzt künstlerisch ein bisschen andere Wege, aber unsere Produktionen spielen wir weiter.

Sie lösen gerade mit Stücken wie jenem über Friedrich Zawrel etwas aus. Welche Rückmeldungen sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Habjan: Ganz besonders im Gedächtnis blieb mir ein Brief einer Schülerin. Das war eine der schönsten Rückmeldungen. Ich habe in Tirol in Uderns das Stück über Zawrel gespielt. (Habjan liest den Brief vor: Sie habe viel mehr über die unvorstellbare Zeit gelernt als in jeder Geschichtsstunde oder in jeder Doku. Durch das Aufarbeiten mit den Puppen sei genügend Platz für das Vorstellungsvermögen. Die Inszenierung sei nun auf ihrer Liste der sehenswerten Dinge auf der Welt, schrieb die Siebzehnjährige und berief sich darauf, dass viele in ihrer Klasse so denken.) Wenn man so etwas von den Schülern bekommt, dann ist es gut und dafür mache ich es eigentlich.

Ich finde, dass bei Weitem noch nicht alles aufgearbeitet ist.

Nikolaus Habjan

Zur Person

Nikolaus Habjan

Geboren: 1987 in Graz

Ausbildung: Studium Musiktheaterregie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien

Arbeiten: Zahlreiche Produktionen, darunter „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“, „Der Herr Karl“ und „Das Missverständnis“ nach Camus, „Staatsoperette“ im Rahmen der Bregenzer Festsspiele, demnächst „Oberon“ an der Staatsoper
in München

Auszeichnungen: u. a. Nestroy-Preis, Dorothea-Neff-Preis

Das Stück „Staatsoperette – Die Austrotragödie“ wird am 2. und
4. August auf der Werkstattbühne
in Bregenz aufgeführt.