Berührende Fabulierlust

Kultur / 29.07.2016 • 19:25 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Am 5. Februar 1916 gründeten Hugo Ball und Emmy Hannings in der Züricher Spiegelgasse 1 das Cabaret Voltaire. Foto: Verlag Nimbus
Am 5. Februar 1916 gründeten Hugo Ball und Emmy Hannings in der Züricher Spiegelgasse 1 das Cabaret Voltaire. Foto: Verlag Nimbus

Flametti müsste man erfinden, hätte uns Hugo Ball diesen Sonderling nicht schon geschenkt.

Essay. (bs) Am 5. Februar des Jahres 1916 gründeten Hugo Ball und Emmy Hannings in der Züricher Spiegelgasse 1 das Cabaret Voltaire, was zur Geburtsstunde des Dada werden sollte, einer völlig neuen künstlerischen und literarischen Bewegung, die sich vor allem durch die Ablehnung konventioneller Kunst auszeichnete. Hugo Ball war es auch, der am 14. Juli 1916 im Zunfthaus „Zur Waag“ die „1. Dada-Soiree“ mit dem Vortrag des dadaistischen Manifests eröffnete, wie Herausgeber Bernhard Echte im Nachwort zur Neuauflage von Balls Roman „Flametti oder Vom Dandysmus der Armen“ schreibt. Dem Herausgeber und seinem Team ist es auch zu verdanken, dass dieses Feuerwerk von einem Roman, dieses berührende, lustige, verstörende, mit Wortkaskaden spielende und von Fabulierlust übersprudelnde Buch zum hundertjährigen Jubiläum von Dada wieder lieferbar ist. Was für ein schönes Buch es geworden ist! Bei „Flametti“ im schick schimmernden Halbleinen mit Lesebändchen und einer Collage aus historischen Ankündigungsplakaten der diversen Varietés in Zürich, dazu das schön gestrichene Papier und dieser krause, verspielte Roman, der bei seinem Erscheinen 1918 einige Irritationen ausgelöst hat, da er ausgerechnet mit den Mitteln der Bürgerlichkeit – der Romanform – kokettiert. Aber Hugo Ball nutzt diese Mittel, um jenen eine Stimme zu geben, die in der Gesellschaft meist keine haben: den Gestrandeten, Mittellosen, Taugenichtsen und Lebenskünstlern.

Auch wenn er selbst sich darauf beruft, nur aus seinen Erfahrungen zu schöpfen, kann man beim Lesen die Lust am Tarnen, Täuschen und Spielen geradezu spüren. Auch die Sympathie, die er seinen Figuren entgegenbringt. Und dieser Flametti, der sich rührend um sein Ensemble kümmert und dann wieder aufbrausend sein kann, ihn müsste man erfinden, um diese Zeit zu verstehen, hätte uns Ball diesen Sonderling nicht schon geschenkt.

Hugo Ball: „Flametti oder Vom Dandysmus der Armen“,
Nimbus Verlag, 224 Seiten.