Klingt gut, fährt ein, schaut aber gar nicht gut aus

29.07.2016 • 17:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„The Exterminating Angel“ von Thomas Adès im Haus für Mozart in Salzburg.  Foto: APA
„The Exterminating Angel“ von Thomas Adès im Haus für Mozart in Salzburg.  Foto: APA

Ein fulminantes Sänger­ensemble beim Scheitern zu beobachten, das hat etwas.

Christa Dietrich

Salzburg. Dass es Auffassungsunterschiede gegeben haben könnte, ist auszuschließen, Komponist Thomas Adès steht selbst am Pult, Librettist Tom Cairns hat Regie geführt. Ihr Projekt „The Exterminating Angel“ nach dem Buñuel-Filmklassiker aus den frühen 1960er-Jahren ist zudem breit aufgestellt, die Salzburger Festspiele realisierten die Uraufführung, vom Royal Opera House Covent Garden in London bis zur Metropolitan Opera in New York und dem Königlichen Opernhaus in Kopenhagen spielen die Koproduktionspartner das Werk bald nach. Dass die Serie funktioniert, ist vorauszusehen, das Premierenpublikum im erstaunlicherweise nicht ausverkauften Haus für Mozart feierte den Komponisten mit dem gesamten Team. Dass man ein fulminantes Sängerensemble engagieren konnte, ist uneingeschränkt zu vermerken.

Fast scheint es, dass Adès den Interpreten bewusst Gelegenheit gab, sich jeglicher Herausforderung zu stellen. Bei Audrey Luna, die bereits von ihm verfasste Partien bravourös im Gedächtnis der Operngeher verankerte, konnte er sich ob der Erreichung von Spitzentönen sicher sein, aber auch Anne Sofie von Otter oder Amanda Echalaz kommen mit den exponierten Tönen zurecht oder verleihen dem Gesamtbild, das auch John Tomlinson markant mitgestaltet, ein entsprechendes Timbre.

Alles ist schön im Haus von Edmundo und Lucia de Nobile. Wie wir aber schon von Luis Buñuel wissen, trügt nicht nur der Schein, die erlauchte Gesellschaft sitzt bald in ihrem Salon fest, die eigentliche Antwort auf das Warum war schon dem Kinobesucher überlassen und Cairns schert sich darum genauso keinen Deut. Ein „Exterminating Angel“, ein Würgeengel, hat also die Gesellschaft im Griff, die Hildegard Bechtler mit den Statussymbolen der damaligen Zeit ausstattet. Wir blicken auf eine Gesellschaft in Kostümchen, Cocktailkleidchen und Anzügen, die sich als Bourgeoisie bereits äußerst antiquiert ausmacht, mehr noch, bevor die Abläufe des Empfangs zu entgleisen beginnen, wirkt das Bild bereits grotesk, auch unfreiwillig komisch. Heftiges Knutschen, letale Auswüchse oder komplette Eingeschlossenheit, in der die nunmehrigen Insassen zu frieren und dürsten beginnen, wecken kaum noch das Interesse. Höchstens in der Art, dass man sich eine Regie mit Ideen herbeisehnt, die den filmischen Sequenzen etwas entgegenzuhalten hat. Dass man beim Bild mit dem Bären oder bei der abgebrochenen Hand auf Video zurückgreifen muss, war vorauszusehen. Davor bieten uns Cairns und Bechtler ohnehin ein paar echte Schafe, denen im dunkel getäfelten Bühnenraum – so hofft der Tierfreund – wohl nicht Angst und Bange wurde.

Der vermisste Buñuel

Beklemmendes stellt sich beim Betrachter nie ein. Spätestens nach der Pause hat man sich damit abgefunden, einem großen Sängerdarstellerteam bei der schönsten aller möglichen Arten zu scheitern zuzusehen bzw. zuzuhören.

Die Musik von Adès, mit der das Radio-Symphonieorchester glänzen darf, enthält auch ein paar Sphärenklänge, die einem Ondes Martenot (einem alten elektronischen Instrument) geschuldet sind, wirkt wie ein Zusammenballen oder eine Fortführung von Britten, Strauss oder auch Schostakowtisch mit viel Klangwirkung als Ziel. Ein absolut profunder Orchesterkenner hat sie entworfen, packend ist sie nicht, aber sie erweist sich als wunderbare Basis für die Sänger, die bei so viel Arien- und Liedhaftem aufblühen und Begeisterung auslösen.

Und Buñuel? Der war einmal beteiligt, verkam dann aber als Titelgeber und wurde – so die Publikumsreaktion – doch von einigen vermisst.

Den Auftakt dem Zeitgenössischen zu widmen, ist allerdings fast schon anzuerkennende Tradition in Salzburg geworden. Was folgt, sind Opern von Mozart, „Die Liebe der Danae“ von Richard Strauss und „Faust“ von Charles Gounod.

Weitere Aufführungen am
1., 5. und 8. August im Haus für Mozart in Salzburg.