Theaterabend, der einen sehr langen Schatten wirft

Kultur / 31.07.2016 • 19:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nicholas Ofczarek als Hamm und Michael Maertens als Clov im „Endspiel“ von Samuel Beckett. Foto: APA
Nicholas Ofczarek als Hamm und Michael Maertens als Clov im „Endspiel“ von Samuel Beckett. Foto: APA

Oder auch vieles überschattet: Becketts „Endspiel“ in der Regie von Dieter Dorn.

Christa Dietrich

Salzburg. Clov geht nicht nur mit steifen und wankenden Schritten, wie es bei Beckett in den ersten Zeilen steht, er dreht sich zur Rückwand und erleichtert sich. Lautmalerisch kommentierend, wird der abgestandene Regieeinfall ein paar Meter weiter rechts wiederholt und somit mit deutlicher Absicht aufgeladen. Das „Ich bin dran. Jetzt spiele ich!“, das Beckett seinem Hamm in den Mund legt, wird von Dieter Dorn als Aufforderung verstanden, die er damit erfüllt, zwei Stunden lang ein dichtes Theater zu entfachen, das die Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte akzentuiert und der Düsternis des Stücks einigen Witz entgegenhält. Auch dieser ist dem Text zu entnehmen, lässt aber doch auch dann einigen Spielraum zu, wenn man der Auffassung folgt, dass man beim 1957 uraufgeführten „Endspiel“ am besten den Angaben des Urhebers entspricht. Sie sind verbrieft, Beckett hat das Werk in Berlin selbst inszeniert und Dieter Dorn würde nicht zur Riege der Regiealtmeister zählen, wenn er es nicht verstünde, diesem Bild von der Auflösung der menschlichen Existenz jene Poesie zu verleihen, die uns immer noch und immer wieder sowohl staunen lässt, als auch erschreckt, weil es uns mit existenziellen Fragen konfrontiert, denen sich niemand entziehen kann.

Das Wiener Burgtheater hat damit die Notwendigkeit seiner jährlichen Präsenz bei den Salzburger Festspielen unterstrichen. Nach der Aufführungsserie im Landestheater kommt das Stück ins Haupthaus am Ring, wo ihm – so die vier Schauspieler verfügbar sind – eine lange Laufzeit beschieden sein wird. Nur die Stühle mögen dort noch nicht derartig knarren wie in Salzburg, wo die vielen Momente der Stille von diesem mehr als nur lästigen Sound zerstört wurden.

Publikum einbezogen

Das Bild von Nell und Nagg, den Eltern dieses tyrannisch agierenden Hamm, die beinlos in Mülltonnen feststecken, zählt auch in seiner Unerbittlichkeit zu den Ikonen des Theaters des 20. Jahrhunderts, Ausstatter Jürgen Rose kreiert nicht nur eine bedrückende Atmosphäre, alle vier Personen sitzen in einer Art Container fest, einer Holzkiste mit kleinen Sichtöffnungen an der Stelle der beschriebenen Fenster, die zu Beginn des Stücks ganz vor zur Bühnenrampe rollt, das Publikum in die ausweglose Situation miteinbezieht, und in der jeder Schatten seine Berechtigung hat.

Was als Idee so selbstverständlich klingt, trifft durch die Präzision in der Durchführung. Nicholas Ofczarek (Hamm) macht nicht nur in den gebrüllten Passagen deutlich, wie sehr er als Blinder und Gelähmter ein Gegenüber für seine Performance braucht, der gebrechliche Diener Clov (Michael Maertens) nützt jegliche Möglichkeit zum Gegenschlag mit jener Durchtriebenheit, die nur einer kultivieren kann, der weiß, dass es einen Ausweg gibt, der nicht nur darin besteht, die sadistischen Züge des Herrschers als sich lohnendes Spiel zu begreifen – und zu beherrschen. Am Ende steht er in Nadelstreifen da, was geschieht, bleibt offen. Joachim Bissmeier (Nagg) lässt in seiner erbärmlichen Lage die Reste früherer Grausamkeit aufblitzen und Barbara Petritsch (Nell) nützt ihren Part, um der Poesie Wirkung zu verleihen.

„Endspiel“ steht am Beginn des Schauspielprogramms der Salzburger Festspiele. Ihm folgen mit Shakespeares „Der Sturm“ auf der Perner-Insel und „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ von Thomas Bernhard weitere Stücke der Weltliteratur.

Weitere Aufführung von Becketts „Endspiel“ bis 8. August in Salzburg und ab Mitte September in Wien.