Gretchens Zimmer liegt im Oberdorf

Kultur / 05.08.2016 • 19:24 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Eine Kinderzeichnung, die Dornbirn zeigt, erhält im „Faust“ von Reinhard von der Thannen Bedeutung. Foto: SF/Zeuner
Eine Kinderzeichnung, die Dornbirn zeigt, erhält im „Faust“ von Reinhard von der Thannen Bedeutung. Foto: SF/Zeuner

Reinhard von der Thannen inszeniert bei den Salzburger Festspielen den „Faust“.

Christa Dietrich

Salzburg. Riesige Orgelpfeifen, die die junge Frau beinahe aufspießen, auf jeden Fall aber eine gefährliche Dimension erhalten, dann ein Skelett, dessen Modellierung für die Technikfirma eine Herausforderung war. Es ist raumhoch, und zwar nicht gemessen an jener Hotelbar, in der es sich mit Reinhard von der Thannen relativ gemütlich über ein ganz und gar nicht gemütliches Stück sprechen lässt, sondern gemessen am Großen Festspielhaus von Salzburg. Dort setzt der aus Dornbirn stammende Künstler, dessen Name längst auf der Liste der international Ausgezeichneten, der „Bühnenbildner des Jahres“ oder kurz gesagt, jener steht, an denen man nicht vorbeikommt, Gounods Oper „Faust“ um. Er stellt gleich einmal klar, dass er überhaupt keine Scheu vor dieser extrem breiten Bühne kennt, vor der so mancher Ausstatter bereits kapituliert hat.

Reinhard von der Thannen, der nicht zum ersten Mal in Salzburg arbeitet, macht beides, er inszeniert das Werk und er entwirft die gesamte Ausstattung, also die Bühne und die Kostüme. Vor einigen Jahren war er hier unter anderem mit Hans Neuenfels engagiert, hat bei „Cosi fan tutte“ für jene psychologischen Vorgänge eine mannigfaltige Bilderwelt gefunden, die in der diesjährigen Neuinszenierung nicht einmal ansatzweise in der Personenführung berücksichtigt wurden. Von der Ausstattung gar nicht zu sprechen. Mozart-Opern sahen in Salzburg somit schon wesentlich spannender aus als heuer, aber über Kollegen verliert Von der Thannen grundsätzlich kein Wort. Nach der Fadesse, der Belanglosigkeit und dem oberflächlichen Prunk, der sich bei „The Exterminating Angel“, „Cosi fan tutte“, oder „Die Liebe der Danae“ bot, sieht man der „Faust“-Premiere in der kommenden Woche mit Spannung entgegen und fragt sich, ob sich Von der Thannen wohl erneut so ins Gespräch bringen kann wie mit jenem Rattenchor, den er vor ein paar Jahren für den „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen entwarf.

Ohne Walpurgisnacht

Etwas Staub aufwirbeln wird er auf jeden Fall, kündigte er doch gleich einmal an, bei seinem „Faust“ die Walpurgisnacht einfach wegzulassen. Dirigent Alejo Pérez sei anfangs nicht erfreut gewesen, letztendlich musste aber auch der Musikfachmann zugeben, dass selbst Gounod die Szene bzw. den Tanz gar nicht haben wollte, den er dem Publikumsgeschmack Mitte des 19. Jahrhunderts entsprechend einbaute. Die Hölle sei für ihn als aufgeklärten Menschen kein Ort mit Teufelsschwänzen und lüsternen Frauen, verweist Von der Thannen auf die oft zu sehende Art, der Walpurgisnacht Herr zu werden. Außerdem sei ihm so etwas zu billig und wer genau hinhöre, der merke ohnehin, dass die Passage musikalisch an sich gar nicht zur Oper passt: „Ich habe Kollegen getroffen, die mir sagten, dass es ein Fehler war, sich nicht getraut zu haben, sie wegzulassen.“ Kurzum, er traut sich. Er entschied sich auch dafür, das Schicksal der jungen Frau, der Margarete bzw. des Gretchens, zu fokussieren und damit die Tatsache, dass Gounod der Figur einen hohen Stellenwert verleiht, zu unterstreichen. „Das Werk zeigt die Ambivalenz des modernen Menschen, es zeigt unsere Situation, das Gute wie auch das Böse steckt in uns, es gibt keinen Himmel und keine Hölle, ich zeige, wie Menschen auf die Tat reagieren, eine Frau zu schwängern und dann zu verlassen.“

Faust tut es, wie wir wissen. Margarete wird zur Kindsmörderin, wird verurteilt, hingerichtet, erfährt Erlösung im Himmel. Goethe hatte zu Lebzeiten in Weimar einen derartigen Prozess miterlebt, er hat das Urteil nicht gutgeheißen, juristisch konkret dagegen aufbegehrt hatte der Dichter und Geheimrat allerdings auch nicht. „Ich zeige eine Gesellschaft, die der Meinung ist, dass es wichtiger ist, dass Gott dieser Frau verzeiht, ich zeige eine Gesellschaft, die vorgibt, nichts damit zu tun zu haben, weil das eben Gesetz ist.“

Kein Aktualisierer

In den Kostümen wird also das 19. Jahrhundert anklingen, Reinhard von der Thannen nennt es ein „Folienprinzip“, wenn er verschiedene Zeitebenen, etwa das Mittelalter, die Zeit Goethes und Gounods übereinanderlegt und mit der Gegenwart bricht. Er sei nicht einfach Aktualisierer, erklärt er. Die Brisanz der Geschichte Margaretes werde deutlicher, wenn sie ins 19. Jahrhundert verlagert wird. Dass ein rückwärtsgerichteter Blick überhand nimmt, ist nicht zu befürchten, der Theatermacher und Ausstatter, der zudem eine Professur in Hamburg innehat, erzählt, dass er in seiner Jugendzeit in Vorarlberg noch von jungen Männern hörte, die im Suizid den einzigen Ausweg fanden, weil sie ein Mädchen ungewollt geschwängert hatten.

Und da sind wir bei der Kinderzeichnung, die Reinhard von der Thannen leise erwähnt, während er ein Bühnenbildmodell mit kleinen Häuschen und einer Kirche auf dem Computerbildschirm zeigt. So habe er einmal den Dornbirner Stadtteil Oberdorf festgehalten. Und auch die Kostüme stellen zumindest einen kleinen Bezug zum Umfeld dar, in dem er aufgewachsen ist. In einigen Passagen haben sie etwas von Clowns. Für seine Eltern hatte der Fasching eine große Bedeutung. Mephisto ist bei ihm aber kein Zauberer, sondern ein großer Manipulierer. „Ich glaube an das Böse und das Gute, aber nicht an Gott und den Teufel, ich zeige in Mephisto einen bösen Menschen, der keine Gefühle hat und Faust benutzt.“ Irgendwann sehen Faust und Mephisto einander dann so ähnlich, dass sie so gut wie nicht mehr zu unterscheiden sind.

Kritik an der kleinbürgerlichen Gesellschaft ist es nicht, was Von der Thannen beabsichtigt, der in Deutschland übrigens oft auf seine Herkunft angesprochen wird und deshalb bemerkt, dass seine dem Namen nach adeligen Vorfahren bestenfalls arme Schlucker gewesen sind: „Ich zeige, wie stark die Gesellschaft sein könnte und wie oft sich die Menschen sagen, dass das schon die anderen machen, weil es ja ein Gesetz gibt.“ Und was die Macht der Kirche betrifft, so richtet der Künstler, der betont, großen Respekt vor Religiosität zu haben, diese Frage wohl ans Publikum.

„Salome“ in Berlin

Außer Zweifel steht für ihn, dass Gounods „Faust“ zu den großartigen Vertonungen des Stoffes zählt: „Die Oper ist dramaturgisch hervorragend komponiert, an jedem Probentag erlebe ich, wie vielfältig sie ist“, erklärt der Wagner-Kenner, der gemeinsam mit Hans Neuenfels zur Wiedereröffnung der Berliner Staatsoper „Salome“ von Richard Strauss umsetzen wird.

In Vorarlberg ist Reinhard von der Thannen, von dem das Publikum in der nahen Zürcher Oper eine Reihe von Arbeiten mitverfolgen konnte, nur noch selten. Ein Refugium, in dem er nach Arbeiten in den Großstädten auftankt, hat er sich in Potsdam eingerichtet. Jüngst hatte er gemeinsam mit seiner Frau Birgit einen Urlaub im Bregenzerwald verbracht, die Landschaft genossen. Auch den Blick über den See mit einer Bühne, die die Vorstellungskraft des Theatermachers durchaus aktivierte.

Ich zeige, wie stark die Gesellschaft sein könnte.

Reinhard von der Thannen

Zur Person

Reinhard von der Thannen

Geboren: 1957 in Vorarlberg

Ausbildung: Studium in Wien

Tätigkeit: noch während des Studiums Arbeiten am Schauspielhaus Hamburg, an den Opern in Frankfurt und Köln, Arbeiten u. a. gemeinsam mit Hans Neuenfels, Ausstattungen und Inszenierungen von Opern an zahlreichen großen Bühnen in Europa, bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen

Auszeichnung: mehrmals „Ausstatter des Jahres“, Kritikerpreise etc.

Die Premiere von Gounods „Faust“ findet am 10. August im Großen Festspielhaus in Salzburg statt.