Fasnacht statt Walpurgisnacht

Kultur / 11.08.2016 • 20:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

„Faust“ wird bei Reinhard von der Thannen zur Psycho-Revue und hält das gut aus.

Christa Dietrich

Salzburg. Einen dieser Nagetierschwänze hatte er sich bewahrt, und zwar für Mephisto. In Wagners „Lohengrin“ im Festspielhaus von Bayreuth hafteten sie an den Choristen im Rattenkostüm mit Leuchtaugen und Krallenfingerchen und auch das bunt bekleidete Volk trug Schweife. Nude würde man den Hautfarbton heutzutage nennen. Leicht ins Gelb getaucht und mit Schwarz kombiniert, bestimmt er nun die Kostüme für die vielen Chöre, mit denen Charles Gounod in den 1850er-Jahren seine Oper aufbaute, die aus Begeisterung für Goethes „Faust“ entstand. Der Meinung des Dichters, dass sein Werk unvertonbar sei, hatte das damalige Publikum nicht beigepflichtet, geht es doch lediglich um die Kernhandlung des ersten Teils bzw. des „Urfaust“, um das Schicksal der verführten, geschwängerten, verlassenen und verurteilten Margarete, für deren Darstellung der Franzose viele mächtige und wenige zarte Melodien schuf.

Ein aus der Partitur herausgelöster Walzer steht sehr oft auf den Konzertprogrammen, die Oper selbst kommt seltener auf die Bühne, die Salzburger Festspiele bieten Gounods „Faust“ überhaupt zum ersten Mal an. Mit viel Ausstattungspomp kommt er gemeinhin daher, David Pountney entschied sich vor einigen Jahren an der Staatsoper in München für ein Puppenspiel (und erzürnte damit die Zuschauer), Reinhard von der Thannen, der bei besagtem, mit einem Ausstattungspreis bedachten „Lohengrin“ noch mit Regisseur Hans Neuenfels arbeitete, übernimmt nun Inszenierung und Ausstattung und lässt weder Scheu vor der Breitwandbühne des Salzburger Festspielhauses erkennen noch vor dem Revuehaften, das sich durchaus aus dem Werk extrahieren lässt.

Jubel und Buh-Rufe

Nach gut vier von zwei Pausen unterbrochenen Stunden, in denen man die Einsicht gewann, dass es vor allem im letzten Drittel neben der eliminierten Walpurgisnacht ruhig noch ein paar weitere Striche hätte geben können, beklatschte das Publikum die Chöre und Solisten, dämpfte den Jubel hörbar beim Auftritt des Dirigenten und reagierte mit kraftvoll übertönenden Bravos und zum Teil stehenden Ovationen auf eine Reihe von Buh-Rufen für das Regie-Team. Die Umsetzung des Stoffes, die in der Ästhetik leicht mit seiner starken „Hänsel und Gretel“-Realisierung an der Komischen Oper in Berlin vergleichbar ist, kann der aus Vorarlberg stammende Reinhard von der Thannen, der das Konzept gemeinsam mit seiner Frau, der deutschen Literatur- und Sprachwissenschaftlerin Birgit von der Thannen, erstellte, als Erfolg verbuchen.

Wäre die Choreografie (Giorgio Madia) noch ideenreicher und hätte Alejo Pérez am Pult der Wiener Philharmoniker mehr Feinarbeit hören lassen, so hätte sich das Bild noch besser gerundet. Von der Thannen verlangt seinen Darstellern, die im Übrigen ein stets mit einigen Requisiten und mit Gesten offen gelegtes, äußerst subtiles Spiel im Spiel zu absolvieren haben, einen enormen Aktionsradius ab. An den Seiten abstrahierte Gotik, in der Mitte über einer geschwungenen Rampe eine Art Kameraauge, darunter eine kreisrunde Versenkung, Margaretes Gemach gleicht einer stilisierten Blüte, in deren Innerem neben grünem Gras die weißkelchigen Blumen wachsen, über dem Soldatenchor erscheint ein riesiges Skelett und beim Kirch- oder Opfergang wird die junge Frau fast von den Orgelpfeifen aufgespießt. In den Armen hält sie ein weißes, verschnürtes Päckchen – einem Kindersarg gleich.

Keine Erlösung

Die Kostüme sind – wie immer bei Reinhard von der Thannen – stark symbolhalft aufgeladen: Clowns, Halbseidene, Bürger, Kämpfer und Androgynität. Tricks mag er nicht, Mephisto ist die böse Seite des Faust. Das oft gesehene Thema erhält weitere Ebenen, wenn man einen biederen Hausrock trägt, sich die Attitüde des Dandys gönnt oder zwar zu viert aufgereiht, aber mit jeweils unterschiedlichen Wünschen im Bettchen von Margarete sitzt. Piotr Beczala ist eine Idealbesetzung für die lyrische Partie, Ildar Abdrazakov driftet nie ins Diabolische ab, Mephisto zeigt eben Präzision, Valentin (Alexey Markov) Tiefe und Margarete (Maria Agresta) schönes Volumen. Das Schuldhafte wird der Gesellschaft nicht einfach zugewiesen, wir sehen Manipulierte (diese Faschingspyjamas haben zuweilen etwas Animalisches wie weiland die Ratten), die sich nicht unbedingt einem Gruppenzwang beugen, eher teilnahmslos sind und gerade dadurch – wie die Schlussszene zeigt – töten. Erlösung kann es hier nicht geben, das Kirchlein entstammt folgerichtig einer Kinderzeichnung und ist nur eines der Details, die dichte Bilder ergeben.

Eine Kinderzeichnung lieferte die Basis für die obere Szene: Von der Thannen bewältigt die breite Bühne. APA
Eine Kinderzeichnung lieferte die Basis für die obere Szene: Von der Thannen bewältigt die breite Bühne. APA