Wunderbar farbig in Wort und Klang

Kultur / 12.08.2016 • 23:12 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Vor der Premiere der Opera buffa „Il matrimonio segreto“ widmete sich Michael Köhlmeier dem Lachen – äußerst tiefgründig. Fotos: APA. Festwochen
Vor der Premiere der Opera buffa „Il matrimonio segreto“ widmete sich Michael Köhlmeier dem Lachen – äußerst tiefgründig. Fotos: APA. Festwochen

Vor dem Klang kam das Wort: Michael Köhlmeier sprach am Freitag zur Eröffnung der Festwochen Alter Musik.

Innsbruck. (VN-cd) Am Abend ging es vergnüglich zu, „Il matrimonio segreto“ von Domenico Cimaroso, uraufgeführt 1792, ist ein heiteres Werk. Im Tiroler Landestheater kam es bunt und humorvoll daher, und weil auch diese nun zum 40. Mal stattfindenden Festspiele, ihre Produktionen sorgfältig besetzen, wurde auch wunderbar gespielt und gesungen.

Zu den Maßstäben, die man sich setzt, zählt in Innsbruck auch, dass bei der feierlichen Eröffnung im großen Saal des Schlosses Ambras nicht nur die Politiker das Wort haben. Während Landeshauptmann Günther Platter erklärte, dass gerade Kunst und Kultur die Fähigkeit haben, auf Toleranz hinzuweisen, widmete sich der Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier der szenischen Hauptproduktion entsprechend dem Thema Tragikomödie. „Gelacht habe ich, wo ich auch weinen hätte können“ ist der Festvortrag übertitelt.

Über das Lachen

„Lachen erniedrigt uns oft, Leid aber erhöht uns immer. Warum eigentlich? Und geht es nur uns so, uns Abendländern?“, fragte er in den Saal und bot den Zuhörern eine ausführliche Erläuterung zu den Gründen des Lachens, die beim französischen Philosophen Henri Bergson beim Auslachen liegen, also eine Form „einer gesellschaftlichen Sanktion gegenüber einem Fehlverhalten“ sind. Ausgenommen davon sei allerdings das reine, unschuldige Kinderlachen.

Und um auf das Tragikomische zu kommen, auf ein Lachen über das Leid, bot Köhlmeier in einer Manier, die zum Beginn eines Musik- und Bühnenfestspiels passt, viele kleine Szenenbilder aus der Bibel, der Philosophie, aus Geschichte und Literatur, um über die Auseinandersetzung mit dem Lachen auch zum Bösen hinzuführen, das  – wie er ausführt – dort dem vom Kant bezeichneten radikalen Bösen entspricht, wo es uns „in Form von Dumpfheit, Gleichgültigkeit, geistloser Bereitschaft zum Gehorsam, in Form der absoluten Mitleidslosigkeit“ begegnet, „das schrecklicher ist als die schrecklichsten Höllengestalten eines Hieronymus Bosch oder eines Dante Alighieri, nämlich weil es uns so schrecklich ähnlich sieht“. Von Hannah Arendt, die den Begriff geprägt hatte, kam er dann auch auf Charlie Chaplin zu sprechen: „Ich kann nicht über das Tragikomische sprechen, ohne wenigstens den Namen jenes Künstlers zu nennen, der diese widersprüchlich menschliche Eigenart wie kein anderer vor unsere Augen gebracht hat.“

„Die heimliche Ehe“

Die in Wien uraufgeführte Oper „Il matrimonio segreto“ zählt zu den wenigen unter vielen, die dieser Komponist geschaffen hat, und die für ein Festival der Alten Musik (in dessen Rahmen noch die Cesti zugeordnete Oper „Le nozze in sogno“ gespielt wird) einen Grenzfall darstellt. In einer Zeit, in der Mozart längst seinen „Don Giovanni“ präsentiert hatte und die Psychologie der Handlung in der Musik zum Ausdruck bringt, ist Cimarosa noch im Barocken verhaftet, verweist aber immerhin mit Melodienreichtum in seine Zeit. Süffigkeit und die Härte des Taktschlages – diese zwei Komponenten finden in Alessandro De Marchi, der sich mit Acadamia Montis Regalis absolute Spezialisten des Fachs nach Innsbruck geholt hat, präzise Berücksichtigung. Beispiele dieses Genres erlebt man nicht grundsätzlich mit so viel Spannung. Aber dafür stehen letztlich die Festwochen, die ihren Cimarosa von Renaud Doucet (Regie) und André Barbe (Ausstattung) umsetzen ließen, die das Geschichtchen um eine heimliche Ehe, das heißt, Standesdünkel und den Drang nach gesellschaftlichen Aufstieg, im Hühnerstall ansiedeln.

Keineswegs platt, denn das gesamte Bild von einem alten Schopf – vor dem bereits das Hackebeilchen wartet – entspricht einer angestaubten Schwarz-Weiß-Illustration, vor der die bunten Kostüme noch stärker zur Wirkung kommen sollen. Das tun sie auch, wird doch mit Krinolinen, Rüschen, Ringelsocken und entsprechend eingefärbter Haarpracht jene Geflügelform simuliert, die – man sah und staunte – sich über vier Stunden lang keinesfalls tot läuft. Da gehören also gute Stimmen her. Jesús Alvarez hatte seine Anfangsschwierigkeiten rasch überwunden, um genauso starke Schattierungen zu zeigen, die Loriana Castellano, Klara Ek und Giulia Semenzato neben der Koloraturfreudigkeit zu bieten haben. Renato Girolami und Donato Di Stefano sind als die eitlen Herren bald die Gelackmeierten. Am Ende lösen sich die Verstrickungen, wir sprechen schließlich von einer Opera buffa, in der szenisch auf Spaß und nicht auf Tiefgang gesetzt wird, die musikalisch aber selbst in der Rezitativ-Behandlung Genuss und beispielhafte Auseinandersetzung bietet und daher vom Premierenpublikum heftig beklatscht wurde.

Lachen erniedrigt uns oft, Leid aber erhöht uns immer. Warum eigentlich? Geht es nur uns so?

Michael Köhlmeier
asdf Foto: ???
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Die Oper wird am 14. und 16. August noch einmal aufgeführt. Die Innsbrucker Festwochen Alter Musik dauern bis 27. August.