Schampus mit Pizza und einer Straße Kokain

15.08.2016 • 21:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wolfgang Schwaiger, der Bregenzer Don Giovanni, kommt aus Tirol, Hagar Sharvit, seine Zerlina, aus Isreal. Fotos: BF/Karl Forster
Wolfgang Schwaiger, der Bregenzer Don Giovanni, kommt aus Tirol, Hagar Sharvit, seine Zerlina, aus Isreal. Fotos: BF/Karl Forster

„Don Giovanni“ führte das Festspiel-Opernstudio gestern Abend in die zweite Runde.

Christa Dietrich

Bregenz. Ihr Vorhaben, die drei Opern, die Mozart mit Da Ponte schrieb, also „Cosi fan tutte“, „Don Giovanni“ und „Le nozze di Figaro“, in Folge umzusetzen, hat Elisabeth Sobotka, Intendantin der Bregenzer Festspiele, nicht dazu bewogen, jeweils dasselbe Regieteam ans Werk zu lassen. Nachdem Jörg Lichtenstein im Vorjahr beim Start für die „Schule der Liebenden“ (so der Untertitel von „Cosi fan tutte“) eine Spiel-im-Spiel-Situation entwarf, wurden für den „Bestraften Wüstling“ in dieser Saison Barbara Wysocka (Regie) und Barbara Hanicka (Ausstattung) engagiert, die das Werk, das das Opernpublikum schon an mancherlei Schauplätzen verfolgen konnte, in die 1970er-Jahre verlegten. Schon zur Ouvertüre flimmert Filmmaterial aus dem Jahrzehnt über die Wand, in dem sich die Frauen Freiheit erkämpften. Der Zugang zum Studium war nicht mehr mit allzu vielen Hürden verstellt, deshalb ist das Studentenheim, in dem die „Don Giovanni“-Produktion im Theater am Kornmarkt spielt, auch von Männern und Frauen bewohnt. Die Putzkraft ist allerdings immer noch weiblich und was die Emanzipation betrifft, so müssen sich vor allem Donna Elvira und Donna Anna wohl erst noch aus den alten Verführungsmustern lösen, andernfalls würde die Umplatzierung der Handlung aber auch nicht funktionieren.

Harter Stoff

Zerlina scheint schon einen Schritt weiter zu sein, fasziniert davon, dass ihr Don Giovanni zum bekannten „Reich mir die Hand . . .“ den Gebrauch einer Schusswaffe zeigt, erzwingt sie sich in der anschließenden Umarmung gleich die Oberhand. Wäre Elvira nicht erschienen, hätte es ja klappen können mit dem Akt auf dem Tisch. Von üppigen Bildern, mit denen man gemeinhin mit den Hauptmotiven Tod und Liebe konfrontiert wird, hält das aus Polen stammende Leading-Team wenig. Der schäbige Hausflur mit Zimmer- und WC-Türen, die gelegentlich beiseite geschoben werden, um den Blick auf eine verdreckte Küche freizugeben, bestimmt die Szenerie, neben den Biedermännern Masetto und Don Ottavio verspricht der gestählte Don Giovanni in Lederjacke und Jeans zumindest Ablenkung von der Alltagstristesse. Zum Rauchen gibt es genug, härteren Stoff hat er auch dabei und neben Bier und Schnaps hat man offenbar auch Champagner im Kühlschrank.

Weicher Klang

Das Konzept, der mit jungen Sängern besetzten Mozart-Oper einen entsprechend jungen Rahmen zu geben, geht durchaus auf, wenn es auch kein wirkliches Aha-Erlebnis gibt. In der Fest-Szene, die in der Studentenbude keine rauschende sein kann, greift man dann halt zu einer „Star Wars“-Maskerade. Schmunzeln soll erlaubt sein, wenn hernach wieder tiefer Ernst herrscht, sogar plausibel wird, warum sich die geplagte Elvira mit Leporello einlässt. Der voluminöse Bassbariton des Kroaten David Ostrek allein ist es nicht, Elvira ist zugekifft. Die brasilianische Sopranistin Camila Titinger überzeugt mit sehr guter, lupenreiner Höhe, gegen das Jeans-Outfit, mit dem man sie zur Witzfigur machte, hätte sie sich wehren sollen. Auch Donna Anna muss sich in das hässlichste Beispiel einer 70er-Jahre-Mode zwängen. Augen zu und die umfangreiche Stimme sowie die schöne Höhe der Russin Oksana Sekerina genießen, lautet da die Devise. Neben ihr gibt der chinesische Tenor Dashuai Chen einen Don Ottavio, der den psychologisch schwierigen Part nicht nur kompetent, sondern sehr präsent bewältigt. Die Peinlichkeit der Masetto-Partie macht der koreanische Bassbarion Jung Rae Kim schön wett. Hagar Sharvit, die israelische Mezzosopranistin, hat in diesem Ensemble noch eine etwas kleinere Stimme, allerdings bringt sie jene dunkle Färbung ein, die ihr Spiel mit zusätzlicher Spannung auflädt. 

Und Don Giovanni? Dem Konzept entsprechend wurde mit dem jungen Tiroler Bariton Wolfgang Schwaiger ein drahtiger Kerl engagiert, der die Partie mühelos, mit schönem Timbre offeriert, und der der Tempobehandlung von Hartmut Keil wie ein durchtrainierter Athlet folgen kann. Als Komtur gefällt der Schotte Dominic Barberi und das Symphonieorchester Vorarlberg unterstreicht das Fazit, dass das Opernstudio für Sänger, Musiker und Publikum ein Gewinn ist, erlebte man doch so gute junge Stimmen, dass die Einspielung des Chores über eine Tonaufnahme ebenso hinnehmbar ist wie die wenig erfrischende Inszenierung.

Donna Elvira (Camila Titinger) mit Donna Anna (Oksana Sekerina) und Don Ottavio (Dashual Chen).
Donna Elvira (Camila Titinger) mit Donna Anna (Oksana Sekerina) und Don Ottavio (Dashual Chen).

Weitere Aufführungen der Oper finden am 16., 18. und 20. August, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Kornmarkt in Bregenz statt.