Vom Ausweg aus dem Trauma

Kultur / 17.08.2016 • 22:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Holger Falk als Joseph in der Inszenierung von Johannes Erath.
Holger Falk als Joseph in der Inszenierung von Johannes Erath.

Effekte von Musik standen – gut differenziert – im Zentrum der letzten Festspiel-Premiere.

Christa Dietrich

Bregenz. Von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko ins Hauptprogramm eines großen Opernhauses gehievt zu werden, kommt einer besonderen Auszeichnung für einen Komponisten gleich. Ende Jänner dieses Jahres wurde „South Pole“ von Miroslav Srnka (geb. 1975 in Prag) an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt. Petrenko stand selbst am Pult, sorgte für Sogwirkung einer die Kälte und Karrieremechanismen nachvollziehbar machenden Musik, Hans Neuenfels hat inszeniert, die Hauptrollen sangen Thomas Hampson und Rolando Villazon. Mehr Starglanz geht nicht. Dass es überhaupt zu diesem Auftragswerk kam, hat wohl auch mit „Make no noise“ zu tun, einer Kammeroper, die fünf Jahre zuvor in München präsentiert wurde, allerdings auf einem Nebengleis. Sich dafür stark zu machen, dass das eineinhalbstündige und damit abendfüllende Werk auch in Österreich gehört wird, steht den Bregenzer Festspielen gut an, auf der damaligen Besetzungsliste ist zudem neben dem Bariton Holger Falk auch Olaf A. Schmitt zu finden, den Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka bereits in ihrer ersten Saison als Dramaturgen nach Bregenz verpflichtet hatte.

Akustischer Raum

Auch das Ensemble Modern war damals im Einsatz, dieses Mal werden die Musiker, unter denen sich auch eine Schlagzeuggruppe bzw. eine Reihe von Perkussionisten positioniert haben, von Dirk Kaftan geleitet. Den Rollen, die den Instrumentalisten zukommen, hat man nun noch größere Aufmerksamkeit geschenkt. Der Abstand zu den Sängern, der sich daraus ergibt, dass das Orchester ganz oben hinter den Publikumsreihen installiert wurde, hat nicht nur im Hinblick der Erzeugung eines akustischen Raumes eine besondere Bedeutung, Srnka operiert mit dem Zusammenspiel bzw. der Divergenz von Stimm- und Instrumentenklang und sieht sich nun einer Lösung gegenüber, die seiner Intention wohl entgegenkommt.

An der Intensität des Instrumenteneinsatzes zu Beginn dürfte sich zwischen München und Bregenz bzw. im Abstand von fünf Jahren ebenfalls etwas geändert haben. Von Klängen, die konkrete Assoziationen zu einer Fabrik oder gar einer Bohrinsel zulassen, war am gestrigen Premierenabend in der vollbesetzten Festspiel-Werkstattbühne jedenfalls so gut wie nichts mehr zu vernehmen, vielmehr faszinierten neben der Qualität und der Konzentriertheit des Ensemble Modern die Stimmen. Nachvollziehbar plakativ, aber gerade noch nicht banal bzw. immer noch spannend eingesetzt sind jene der Nebenrollen, die Taylan Reinhard, Maciej Ildziorek und Annika Schlicht erfüllen, während die Hauptfiguren eine Entwicklung zu vollziehen haben, die sich bei  Measha Brueggergosman auf wunderbare Weise äußert, wenn sie zu Beginn als kaum sprech- bzw. artikulierfähige Person über den Wiedererwerb der Sprache bzw. des Gesangs zu lang ausgehaltenen Tönen findet, die zum Schönsten zählen, was für Partien in zeitgenössischen Musiktheaterwerken geschaffen wurde. Dass die kanadische Sopranistin bereits seit dem Vorjahr zu den gefeierten Festspiel-Künstlern in Bregenz zählt, dürfte ebenfalls ausschlaggebend für die Wahl dieses Werkes gewesen sein. Der Partie des Joseph schenkt der Komponist keine ebenbürtige Beachtung, was aber nicht heißt, dass Holger Falk den Ansprüchen nicht gerecht wird.

Einheitlich

Das a-capella-Finale der beiden Personen, die zusammenfinden, ganz oben im Schnürboden stattfinden zu lassen, ist einleuchtend. Von der unwirtlichen Gegend, die Ausstatterin Kathrin Connan mit einem Ölbecken geschaffen hat, in dem die Protagonisten zu waten haben, haben sich die beiden verabschiedet, wie beziehungsfähig sie sind, nachdem sie wieder kommunikationsfähig geworden sind, lässt auch das Libretto von Tom Holloway ohnehin offen. Regisseur Johannes Erath tut gut daran, vieles nur anzudeuten; er findet eine einheitlich ästhetische Sprache für die Geschichte über die Suche nach einem Ausweg aus traumatischen Erlebnissen, wie Vergewaltigung, Folter oder einem schrecklichen Unfall auf einer Bohrinsel, die auf dem Film „The secret life of words“ von Isabel Coixet basiert. Ein intensiver Premierenabend, den das Publikum mit viel Applaus aufnahm.

Mit der Kammeroper „Make no noise“ von Miroslav Srnka fand gestern Abend die letzte Premiere im Rahmen der diesjährigen Bregenzer Festspiele statt. Fotos: BF/Köhler
Mit der Kammeroper „Make no noise“ von Miroslav Srnka fand gestern Abend die letzte Premiere im Rahmen der diesjährigen Bregenzer Festspiele statt. Fotos: BF/Köhler

Eine weitere Aufführung von „Make no noise“ findet am 19. August, 20 Uhr, auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspiel-Areal statt.