Es wird einfach erzählt, und das auf wunderbare Art

19.08.2016 • 16:53 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die große Erzählerin Lucia Berlin ist eine Wiederentdeckung wert.

Roman. (salg) Der Tod der 1936 geborenen Autorin liegt erst zwölf Jahre zurück, doch jenseits eines sehr illustren Kreises, darunter die Nobelpreisträgerin Alice Munro, sowie andere preisgekrönte Erzähler wie John Cheever, Raymond Carver und Dorothy Parker, blieb die Zahl ihrer Bewunderer bis jetzt zu Unrecht beschränkt.

Das liegt nicht zuletzt am tragischen Lebensweg Lucia Berlins, der von Anfang an seelische wie örtliche Zerrissenheit bedeutete. Geboren in die Familie eines Bergbauingenieurs, dessen Aufgaben die Kinder an dauernd wechselnde Wohnorte zwischen
den Minenstädten des amerikanischen Kontinents führte, wurde die Lage nach der Trennung der Eltern noch schlimmer, als die Kinder mit der alkoholabhängigen Mutter beim Großvater „Aufnahme“ finden sollten und sexuell missbraucht wurden.

Dennoch Freude am Leben

Wie viele Menschen, die als Kinder und Jugendliche eine völlig aus den Fugen geratene Existenz erleiden, schrammt auch Lucia Berlin später am Abgrund sozialer Brüchigkeit entlang, schafft jedoch immer wieder den Absprung. Aus drei geschiedenen Ehen stammen ihre vier Kinder, denen sie trotz Alkoholabhängigkeit, prekärer Jobs und immer wiederkehrender Finanznot die kulturelle Vielfalt und Freuden des Lebens vermittelt.

Antje Rávic Strubel, die Übersetzerin des Bandes und selbst Schriftstellerin, zitiert Berlin im Vorwort: „Miles Davis: Those dark Arkansas roads. Thats the sound I´m after“, schrieb sie in einem Brief. „Turner und Caravaggio, die mich erfreuen, aber die Porträts von Bacon und Alice Neals sprechen zu mir. Vor allem aber Rothko. Schneesturm in New York, keine Autos! Also laufen, ich ziehe die Kinder auf Schlitten hinter mir her, um mir eine Rothko-Retrospektive anzusehen. Wenige Leute, blendende Oberlichte und seine Farben pulsieren von den Wänden, rein, unverfälscht, wie, na ja Arkansas roads.“

Viele der Geschichten behandeln das Thema Einsamkeit, verschiedene Figuren müssen dieses Los (er)tragen – bis hin zum Verstummen, weil keiner da ist, der sie hören, der ihnen antworten würde. Doch wird niemand angeklagt. Es wird einfach erzählt, sonst nichts, das dafür wunderbar.

Lucia Berlin: „Was ich sonst
noch verpasst habe“, Arche Verlag, 384 Seiten.