Höhenluft erzeugt Weitsicht

Kultur / 22.08.2016 • 19:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Abend mit Musik verschiedener Kulturen stieß auf enormes Interesse. Fotos: VN/Paulitsch
Der Abend mit Musik verschiedener Kulturen stieß auf enormes Interesse. Fotos: VN/Paulitsch

Dietmar Nigsch hat den „Walserherbst“ kulturhistorisch ausgerichtet und erhält Zuspruch.

Christa Dietrich

Blons. „Wenn eine 30er-Beschränkung angeschrieben ist, dann fahren die Leute ohnehin mit 40 durchs Dorf, und wenn wir am letzten Wochenende für einige Bremsspuren gesorgt haben, dann ist mir das nur recht“, erklärt Dietmar Nigsch. Der Schauspieler ist im ganzen Land und darüber hinaus (bzw. vor allem auch in Wien) als Projekttheatermacher bekannt, als solcher auch ein Nestroy-Preisträger, und er ist Macher des biennal veranstalteten Festivals „Walserherbst“. Ende August und Anfang September ist in Jahren mit gerader Zahl ordentlich etwas los, am Wochenende erfolgte der Start, bis 11. September gibt es Musik, Literatur, bildende Kunst, Alpgänge, Workshops, Gespräche und vor allem Begegnungen.

Rund um die Blonser Kirche verläuft der innere Kreis der sich über das gesamte Tal erstreckenden Aktion, ganz im Zentrum fand am Sonntagabend ein Konzert mit jüdischen Liedern, Gesang der Sufis und musikalischen Beispielen aus der christlich-liturgischen Tradition statt. Die Skepsis bezüglich des Interesses an Musik verschiedener Kulturen verflog rasch: „Die Kirche war zum Bersten voll, wir haben zusehen müssen, dass wir überhaupt alle unterbringen“, freute sich Nigsch im Gespräch mit den VN. Schon zur Eröffnung des Festivals kamen mit rund 700 Leuten weit mehr, als man gedacht hatte. Auf die Frage, was er mit dem Festival, dessen Programm sich heuer äußerst heterogen ausnimmt, überhaupt bezweckt, gibt Nigsch eine einfache Antwort: „Höhenluft erzeugt Weitsicht, bzw. sie hilft gegen Kurzsichtigkeit, auch im politischen Sinn.“

Burgruine Blumenegg

Dass er bereits seit einiger Zeit um die Verwendung der Burgruine Blumenegg kämpft, die sich sozusagen am Eingang zum Großen Walsertal befindet, ist bekannt. Die Gründe für sein Engagement hören sich durchaus pragmatisch an. Es gäbe nicht viel Sinn, wenn man in den Erhalt der Ruine investiert, dort aber nur bei Schönwetter Veranstaltungen ausrichten kann, bzw. dauernd mit Absagen konfrontiert ist, wenn es dann halt doch regnet. Er hat in der Region und in der Kulturabteilung des Landes ordentlich Wind um die Sache gemacht und war sich auch nicht zu schade zum Klinkenputzen. Crowdfunding nennt man das auf gut Neudeutsch, eine gute Summe Geld ist zusammengekommen. Dass schon im Herbst des nächsten Jahren ein Pavillon eröffnet werden kann, in dem bis zu hundert Leute Platz finden, der also als Begegnungsstätte für Kulturinitiativen zu nutzen ist, davon ist er überzeugt. Mit Martin Mackowitz hat jener Architekt die Pläne entworfen, der bereits im Rahmen von früheren „Walserherbst“-Festivals aktiv wurde. Der Ruine Blumenegg bzw. dem dortigen Projekt ist heuer eine eigene Veranstaltung gewidmet, am 11. September werden Martha Laschkolnig und Fausto Tenorio das Areal mit ihrem „Secret Circus“ bespielen.

Mit dem Zirkustheater ist ein weiterer Aspekt des Festivals angesprochen, ein anderer betrifft das Filmprogramm, das bei aller Vielseitigkeit Stringenz aufweist. Mit Günter Schwaiger, der die spanische Bergbauerndokumentation „Seit die Welt ist“ zeigt, hat Nigsch früher einmal Theater gespielt. „Bei Tag und bei Nacht“ zeigt beispielsweise das Leben eines Bergdoktors und ist in St. Gerold überhaupt zum ersten Mal zu sehen.

Alltag und Fest

Leben und Feiern in einer Talschaft stehen im Zentrum des Festivals, Musikexpertin Evelyn Fink-Mennel tritt unter anderem in Aktion, und jene namhaften Referenten, etwa Jon Sass, Arkady Shilkloper, Matthias Lincke, Hans-Jörg Gehring und Markus Prieth, die eine bereits bestens gebuchte Musikwerkstatt leiten, werden auch auftreten bzw. an den sogenannten Alpgängen teilnehmen, sich mit der Landschafts- und Kulturgeschichte auseinandersetzen und da und dort ein Werk zu Gehör bringen. Apropos Gehen: Nachdem das Projekttheater jeweils im „Walserherbst“-Jahr keine große Bühnenproduktion stemmen kann, wird ein Lesestück erarbeitet, an dem die bekannte Schauspielerin Maria Hofstätter beteiligt ist. „Gehen gang gegungen“ thematisiert literarisch und musikalisch das Unterwegssein und ist nach den ersten Aufführungen in Blons in Wien zu sehen.

Abgesehen davon, dass man sich keinen „Walserherbst“ ohne die Porträts des Fotokünstlers Nikolaus Walter vorstellen kann, wollte Dietmar Nigsch nicht unerwähnt lassen, dass der Workshop, den der deutsche Holzbildhauer Manfred Martin ausrichtet, besonders bei Künstlerinnen auf großes Interesse stößt. Gearbeitet wird mit der Kettensäge, die entstehenden Figuren sind mannshoch.

Die Künstler, die da sind, treten mit den Leuten in Kommunikation. So verstehe ich das Festival.

Dietmar Nigsch

Das Festival dauert noch bis 11. September, am 25. August hat ein Leseprojekt mit Maria Hofstätter Premiere: www.walserherbst.at