Musik, die sich uns allen mitteilt

Kultur / 24.08.2016 • 18:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Igor Levit zählt zu den herausragendsten Erscheinungen der aktuellen jüngeren Klavierszene. Foto:VN/paulitsch
Igor Levit zählt zu den herausragendsten Erscheinungen der aktuellen jüngeren Klavierszene. Foto:VN/paulitsch

Der Ausnahmekünstler beendet bei der Schubertiade seinen Beethoven-Zyklus.

SCHWARZENBERG. Es bedeutet landläufig so etwas wie die Besteigung des Mount Everest, wenn sich ein Pianist an die zyklische Aufführung aller 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven wagt, eines der schwierigsten Unterfangen der gesamten Klavierliteratur. Der Deutsch-Russe Igor Levit, von der internationalen Kritik zu den herausragendsten Erscheinungen der aktuellen jüngeren Klavierszene gezählt, hat diese Tour de Force von acht Konzerten bei der Schubertiade im Oktober 2013 gestartet. Der Abschluss des spektakulären Unternehmens wird dieser Tage zu einem besonderen Glanzpunkt der eben gestarteten Herbstsaison des Festivals.

Herr Levit, wieviel Überwindung braucht es für einen Künstler, bis er sich entschließt, den kompletten Beethoven-Sonatenzyklus zu wagen?

LEVIT: Das hat mich Arbeit gekostet und ich musste mich vom richtigen Zeitpunkt überzeugen, aber Überwindung – nein! Das wär’s ja noch!

Der richtige Zeitpunkt für dieses Mammutprogramm war für Sie parallel in Düsseldorf und bei der Schubertiade – warum gerade hier?

LEVIT: Weil es sich gut anfühlte und weil hier ein wunderbarer Rahmen dafür ist. In Düsseldorf war der Zeitraum kürzer, hier fing es früher an, mit einem Konzert, zu dem ich wegen einer Wildschweinherde, die meinen Zug stoppte, fast zu spät gekommen wäre (lacht).

Worin liegt für den Pianisten der Reiz dieses Unternehmens?

LEVIT: Für mich ist dieser Reiz nicht wirklich greifbar, weil diese Werke, wie jede bedeutende Musik, auf ganz außergewöhnliche Art und Weise mit uns Menschen sprechen, die das spielen oder die das hören. Diese Werke teilen sich mit, man teilt sich selbst mit. Sie geben uns das Gefühl der Partizipation, und das ist das Außergewöhnliche. Und dadurch tun wir das, denn ohne uns gäbe es diese Werke ja nicht. Und deswegen ist das Literatur, die uns sehr viel über uns selbst sagt.

Warum führen Sie diese Sonaten nicht in chronologischer Reihenfolge auf?

LEVIT: Da geht es nicht irgendwie um die Neuerfindung der Welt, sondern ich bin für mich persönlich vom Ende eines jeden Abends ausgegangen. Und davon, wie die Werke architektonisch miteinander sprechen, welche Geschichten sie erzählen. Nur die letzten zwei Abende sind chronologisch.

Wie modern war Beethoven damals in seiner musikalischen Aussage?

LEVIT: Er ist der Modernste von allen, bis heute. Einer, der ganz bewusst gelebt hat als absoluter Gegenwartsmensch, der dadurch auch die Zukunft gestaltet hat wie kaum ein Zweiter.

Rudolf Buchbinder hat kürzlich in Wien seinen 50. Beethoven-Zyklus abgeliefert – ist das auch für Sie eine Vorgabe?

LEVIT: Um Gotteswillen – nein! Also Stand heute. Aber Riesenrespekt vor ihm! Ich werde den Zyklus zunächst einmal in London und Brüssel spielen.

Sie hatten mit Karl-Heinz Kämmerling übrigens denselben Lehrer wie unser erfolgreicher junger Pianist Aaron Pilsan aus Dornbirn. Haben Sie ihn eigentlich kennengelernt?

LEVIT: Ja, ich kannte Aaron Pilsan schon als ganz kleinen Buben bei den Kursen von Karl-Heinz Kämmerling, ein Wahnsinnsjunge, der einfach ganz, ganz schnell schalten konnte. Er war bereits damals ganz toll – übrigens schöne Grüße!

Ihre aktuelle Dreifach-CD mit den großen Variationszyklen von Bach, Beethoven und Rzweski bei SONY war ja auch eine Art Griff nach den Sternen?

LEVIT: Das ganze Projekt ist für mich heilig – ich war immerhin insgesamt zwölf Jahre dran! Das bedeutet mir echt die Welt, dass ich das so machen durfte. Und die Reaktionen darauf waren ganz stark und wunderbar, oft auch sehr persönlich.

Sie haben bereits zwei Mal bei Ihren Schubertiade-Konzerten das Wort ergriffen, unter anderem nach dem Brexit mit einem flammenden Appell für Europa. Lieben Sie diese Art der Kommunikation mit Ihren Zuhörern?

LEVIT: Ja, aber das ist kein Selbstzweck. Das Leben ist leider kein Konzertsaal. Ich habe es auch nicht geplant, mir war in diesem Moment einfach danach, und da gibt es eben die Bühne, die mal dafür herhalten muss. Künstler, die freiwillig im luftleeren Raum arbeiten und dann auch noch sagen, dass sie so viel üben müssen, dass sie keine Zeit haben, um Bürger zu sein, kann ich schwer ernst nehmen. Die Gesellschaft muss sich heute neu definieren: Wie wollen wir im 21. Jahrhundert eigentlich miteinander leben? Das ist wohl die wichtigste Frage von allen.

Zur Person

Igor Levit

Geboren: 1987 in Nischni Nowgorod, Russland, als Achtjähriger mit seiner jüdischen Familie nach Deutschland übersiedelt, lebt in Berlin

Ausbildung: Ausbildung bei seiner Mutter, erster Auftritt mit vier Jahren, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Mozarteum Salzburg, Stipendien und Preise

Tätigkeit: Seit 2000 intensive Konzerttätigkeit solistisch, mit großen Orchestern sowie als Kammermusiker in Europa, den USA und Israel; CD-Einspielungen

Beethoven-Zyklus mit Igor Levit in Schwarzenberg: 25. August, 11 Uhr: Vortrag über Beethovens Sonatenzyklus; 25. August, 16 Uhr: Konzert VII u. a. mit der „Hammerklaviersonate“; 27. August, 20 Uhr: Konzert VIII mit den letzten Sonaten op. 109 – 111