Abenteuer mit Grenzerfahrungen

Kultur / 28.08.2016 • 18:39 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit 60 Konzerten zählt Ian Bostridge zu den beständigsten Liedgestaltern der Schubertiade. Foto: Schubertiade
Mit 60 Konzerten zählt Ian Bostridge zu den beständigsten Liedgestaltern der Schubertiade. Foto: Schubertiade

Sänger Ian Bostridge und Pianist Igor Levit gehen an die Grenzen ihrer Kunst.

SCHWARZENBERG. (JU) Das sind musikalische Abenteuer mit Grenzerfahrungen, auf die man sich als Zuhörer gerne einlässt: der britische Tenor Ian Bostridge, der sich für den Gesamtzyklus mit Schuberts unbekannten Liedern total verausgabt, und der Deutsch-Russe Igor Levit, der atemberaubend Beethovens letzten drei Gipfelwerken seines Sonatenschaffens beikommt. Das ist Schubertiade pur, wie wir sie lieben.

Einzigartigkeit entfaltet

Der 51-jährige Londoner Ian Bostridge gehört mit bislang gezählten 60 Konzerten zu den beständigsten Liedgestaltern des Festivals. Sein von einem Hype begleitetes Debüt 1999 im plüschigen Stadttheater von Lindau setzte sich über Feldkirch bis zu den Auftritten im Angelika-Kauffmann-Saal fort, in dem er sich besonders zu Hause fühlt. So wie am Wochenende, wo er in seiner ganzen künstlerischen Eigenwilligkeit auch seine Einzigartigkeit entfaltet. Die treue Fangemeinde im vollen Saal verfolgt atemlos gespannt die unorthodoxe Körperhaltung und Gestik des schlaksigen Sängers, mit der er die Liedinhalte unterstreicht. Dazu seine unglaublich vieldeutige Mimik, die oft mehr aussagt als jeder Liedtext, gewisse liebenswerte Manierismen und natürlich seine in der Höhenskala scheinbar offene, helle, markante Stimme, die er expressiv auslebt und durch alle Gefühlsregungen des Liedes führt. Dies alles fügt sich zum „Gesamtpaket Bostridge“, das nicht nur hier für stete Begeisterung sorgt.

Wie alle Liedgestalter des Festivals hat auch er seine Hausaufgaben gemacht und sich im Zyklus für den ersten Teil sehr intensiv mit einer Reihe unbekannter, teils sehr wortlastiger Schubert-Lieder befasst. Auch wenn er diese nach Noten singt, gelingt ihm doch der Kontakt zu seinem Publikum.

Zu Hochform läuft er nach der Pause auf, als er auswendig und wortdeutlich in die populäre Schubert-Schublade greift, zu Knüllern wie „An die Musik“ oder die schauerliche Ballade „Der Zwerg“. Landsmann Julius Drake ist ihm ein treuer und sicherer Begleiter am Klavier. Dass am Ende ein Zuhörer mit offensichtlicher Sprachstörung glaubt, lautstark Bostridges Diktion bemängeln zu müssen und dabei vom Saal niedergebuht wird, schmälert keineswegs den großartigen Eindruck dieses Abends.

Marathonmann

Mit dem letzten Teil seines Beethoven-Sonatenzyklus wird Igor Levit tags darauf zum Marathonmann der Schubertiade. Acht Konzerte mit 32 Sonaten innert drei Jahren sind kein Klacks, doch er nimmt das als Publikumsliebling am Beginn lächelnd locker und sportiv. Erst am Ende, in den Ovationen, gibt es einen Seufzer der Erleichterung. Geschafft! Dabei hat er auch das Handicap einer kurzfristigen Verstauchung am Fuß zu tragen.

Mit den letzten drei Sonaten-Knüllern Beethovens ist Levit zweifellos das finale Meisterstück gelungen, er unterstreicht durch die pausenlose Wiedergabe auch deren inneren Zusammenhang als „Zyklus im Zyklus“.

Die Werke beeindrucken auch weit mehr durch den berühmten, für ungeübte Ohren etwas sperrigen Spätstil Beethovens als durch ihre zeitliche Ausdehnung. In rund 70 Minuten ist alles vorbei, doch wird das die aufregendste Klavierstunde, die man hier seit Langem erlebt hat. Wie viel ihm Beethoven bedeutet, spürt man an jedem Ton, den Levit sorgfältig gewichtet, dabei mit seinen 29 Jahren neben selbstverständlicher technischer Brillanz eine Reife und Tiefe des Ausdrucks erreicht, der andere vergeblich nacheifern.

Konsequent sein dramaturgischer Aufbau vom melodiösen Opus 109 über die glasklar exekutierte zweifache Fuge in Opus 110 bis zum zerklüfteten Opus 111, dessen Arietta „molto cantabile“ in größter Innenspannung das Publikum zunächst einfach sprachlos zurücklässt. Eine Sternstunde der Klavierkunst!

Schubertiade heute, Angelika-Kauffmann-Saal Schwarzenberg: 16 Uhr Minetti Quartett, Jörg Widmann, Klarinette; 20 Uhr Sophie Karthäuser, Christoph und Julian Prégardien, Gesang, Michael Gees, Klavier