Wie Freiheit oft Einsamkeit bedeutet

30.08.2016 • 16:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Friederike Gösweiner erzählt bei den Bregenzer Literaturtagen von ihrer Generation.

BREGENZ. (VN-ale) Kommenden Samstag stellt die Tiroler Schriftstellerin Friederike Gösweiner bei den Bregenzer Literaturtagen ihr Debüt „Traurige Freiheit“ vor. Darin erzählt sie von Hannah, die für ein Praktikum bei einer Berliner Zeitung ihr „Heimatkaff“ und ihren langjährigen Freund Jakob verlässt. In Berlin kann sie sich nicht als Journalistin etablieren und wird frustriert.

Ist ihr Buch als Schlüsselroman der Generation Praktikum zu lesen?

Gösweiner: Die Stärke von Literatur ist es, Lebenssituationen durch ein Einzelschicksal nachfühlbar zu machen. Hannahs Los ist aber tatsächlich bezeichnend für meine Generation. Das gilt für Medienleute, aber auch Architekten oder Psychologen. Ich halte es für unmöglich, heute eine gesamte Generation abzubilden, da wir ausdifferenziert und individuell leben. Neben Hannah gibt es auch Jakob, dem der Einstieg ins Berufsleben einwandfrei gelingt.

Das Beziehungsaus mit Jakob ist in einer Arbeitswelt, in der Mobilität eine entscheidende Rolle spielt, ein zeittypisches Phänomen. Sind Fernbeziehungen zum Scheitern verurteilt?

Gösweiner: Es wird immer schwieriger, eine Beziehung aufrechtzuerhalten. Das liegt auch an den Anforderungen unserer Gesellschaft. Als emanzipierte Frau soll und will Hannah ihr eigenes Geld verdienen. Dafür muss sie allerdings wegziehen. An ähnlichen Bedingungen brechen heute viele Liebesbeziehungen. Zwar gibt es eine Fülle an Kommunikationsmöglichkeiten, diese funktionieren aber meist schriftlich und distanziert. Virtuell gaukelt sich Hannah vor, Freunde zu haben. Sie skypt mit ihrer Freundin, tauscht mit Jakob SMS aus. Dabei vergisst sie völlig, in Berlin Anschluss zu suchen. Die sozialen Medien werden ihr zur Falle.

Welche Rolle spielt Freundschaft in ihrem Roman?

Gösweiner: Hannahs Schicksal soll zeigen, wie wichtig es ist, sich in einer Welt, in der wir permanent im Konkurrenzkampf sind, gegenseitig Solidarität zu zeigen. Am Ende des Buches bleibt ein Hoffnungsschimmer, dass Hannah endlich ihre Freundin Miriam wieder trifft. Wenn die Karriere den Bach hinunter und die Liebesbeziehung in die Brüche geht, sind Freunde unverzichtlich. 

Miriam bekommt eine Anstellung in Moskau. Hat sie den Sprung ins Berufsleben geschafft?

Gösweiner: Miriam zeigt, dass es nicht allen wie Hannah geht. Am Ende muss aber auch Miriam zurück nach Berlin. Ihr Schicksal demonstriert, dass kein Job völlig sicher ist. „Traurige Freiheit“ ist aber kein selbstmitleidiger Roman. Unsere Generation hat so viele Freiheiten wie noch keine zuvor. Nur sind diese Wahlmöglichkeiten mit Geld verbunden. Für Hannah bedeutet Freiheit ohne finanzielle Mittel Einsamkeit.

Ist ihr Buch als Warnung davor zu lesen, „irgendetwas mit Medien“ zu machen?

Gösweiner: Nein, das würde bedeuten, unsere Gesellschaft bräuchte keinen funktionierenden und qualitativen Journalismus. Den Grund dafür, dass Hannah scheitert, sehe ich beim System.

Ein älterer Journalist Martin erläutert, es komme nicht auf Qualifikation an, sondern darauf, sich gut zu verkaufen. Muss man ein Hochstapler sein, um sich durchzusetzen?

Gösweiner: Martin gehört einer älteren Generation an. Zu dieser Zeit war die Medienwelt noch kein so hartes Business wie heute. Der Journalist erklärt, dass wer im System mitspielen will, dessen Regeln akzeptieren muss. Selbst-Marketing spielt eine immer größere Rolle. Und das leider oft auf Kosten von wahren Qualifikationen.

Wie viel eigene Erfahrungen sind in dem Buch eingebaut?

Gösweiner: Keinesfalls handelt es sich um einen autobiographischen Roman. Trotzdem war der Auslöser für den Inhalt ein persönlicher: Kurz nach meinem Studiumabschluss fragte mich eine Tiroler Zeitung in einem Interview nach meinen Zukunftsplänen. Damals war ich arbeitslos. Im Bericht stand dann scheinheilig, ich würde mir eine Pause gönnen. Das machte mich wütend und nachdenklich darüber, wie wichtig Leistung und deren Inszenierung in unserer Gesellschaft ist.

Von 1. bis 3. September finden in Bregenz u. a. am Kornmarktplatz die Literaturtage statt.