Etappensieg in Schuberts Gipfelwerk

31.08.2016 • 19:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Pieczonka wagte sich an Schuberts „Winterreise“. Schubertiade
Pieczonka wagte sich an Schuberts „Winterreise“. Schubertiade

Weibliche „Winterreise“ und ein begnadeter Schubertpianist zum Finale.

SCHWARZENBERG. (JU) Auch in Zeiten des Genderwahns zählt es immer noch zu den großen Ausnahmen, wenn eine Frau sich an einen so männlich dominierten Liederzyklus wie Schuberts „Winterreise“ wagt. Erste Versuche gehen in die Zeiten einer Lotte Lehmann zurück, bei der Schubertiade waren es 1992 in Feldkirch die Altistin Brigitte Fassbaender und 2013 hier die Sopranistin Christine Schäfer. Am Dienstag nun erfüllte sich die vor allem als Opernstar international gehandelte kanadische Sopranistin Adrianne Pieczonka (53) ihren eigenen Wunsch und trat erstmals mit Schuberts vokalem Gipfelwerk beim bedeutendsten Liederfestival auf.

Die Sängerin besitzt auch die besten Voraussetzungen für ein solch risikoreiches Unterfangen: die Erfahrung einer langen Karriere auch im Liedgesang, tolles Stimmmaterial, die schlichte Natürlichkeit ihrer Erscheinung, gute Verständlichkeit mit einem leichten Akzent, der ihre Herkunft verrät. Warum sie dennoch nicht auf Anhieb gefangen nehmen kann, liegt daran, dass ihr der Sprung von der Opernbühne in den Konzertsaal nicht gleich gelingt. Der Großteil der Lieder wirkt zunächst zu laut und zu direkt, ab einer gewissen Höhe kommt ihre dramatische Opernstimme zum Einsatz. Erst „Der Wegweiser“ gegen Ende des 24-teiligen Zyklus bringt den Umschwung. Da zeigt auch Pieczonka, wie man mit feiner Zurücknahme und schöner Pianokultur im Lied wirklich zu berühren weiß. Wolfram Rieger, der vor 24 Jahren schon Brigitte Fassbaender begleitet hat, ist auch ihr ein vornehmer Klavierpartner. Insgesamt also nicht der ganz große Wurf, aber fürs Erste zumindest ein Etappensieg und eine respektable persönliche Leistung, die auch das Publikum würdigt.

Erstaunliche Entwicklung

Als der Tessiner Pianist Francesco Piemontesi (33) bei der Schubertiade 2012 in Hohenems debütierte, zeigte er mit drei früheren Schubert-Sonaten gute Ansätze im Umgang mit dieser besonderen Klaviermusik. In den vier Jahren seither hat der einstige Brendel-Schüler eine erstaunliche Entwicklung genommen. Unbesorgt konnte man ihm deshalb für seine Rückkehr zum Festival auch die ersten beiden von Schuberts letzten drei großen Sonaten anvertrauen. Mit größter Ruhe und Überlegenheit geht der sympathische junge Mann die beiden breit angelegten Werke an, findet am wie stets perfekt präparierten Steinway die Mitte zwischen sanglichem Ausdruck und wild auffahrenden Passagen, die manchmal an Beethoven erinnern. Er betont bewusst die oft stark chromatisch eingefärbte Harmonik in den schmerzlichen Rückungen der c-Moll-Sonate und spielt das Andantino im A-Dur-Werk ohne zu verzärteln so innig, dass man meint, die Zeit würde stehen bleiben. Erschütternd, wie im Finale dieser Sonate die Musik ins Stocken gerät, so, als ob Schubert kurz vor seinem Tode nicht mehr weiter gewusst hätte. Ein begnadeter Schubert-Interpret, den man hier gerne öfter hören würde.

Schubertiade Hohenems, Markus-Sittikus-Saal:
3. bis 7. September