„Uns gehen die Themen nicht aus“

Kultur / 21.09.2016 • 20:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Liessmann: „Tagungsbände sind bereits Standardwerke.“  Foto: VN
Liessmann: „Tagungsbände sind bereits Standardwerke.“ Foto: VN

Das 20. Philosophicum ist einem großen Thema gewidmet. Um auf den Kern zu kommen.

Christa Dietrich

Lech. Vom Schriftsteller Michael Köhlmeier initiiert und von Konrad Paul Liessmann geleitet, den er gemeinsam mit Altlandesrat Guntram Lins und Bürgermeister Ludwig Muxel alsbald ins Boot holte, findet das Philosophicum Lech heuer zum 20. Mal statt. Um Fragen zu klären, und zwar so, wie der Leiter betont, dass die Menschen daran teilhaben können.

Über „Gott und die Welt“ nachzudenken, was Sie sich dieses Mal vorgenommen haben, ist ein großes Unterfangen. Beliebigkeit wird einerseits durch die Auswahl der Referenten verhindert, mit welcher Absicht haben Sie dieses Thema ausgewählt?

Liessmann: Ich dachte mir, beim 20. Philosophicum ist es vielleicht wirklich möglich und sinnvoll, grundlegende Fragen zu stellen, die Formel „Gott und die Welt“ hat den Beigeschmack der Beliebigkeit, andererseits sind Gott und Welt das Irdische und das Transzendente, kennzeichnen also zentrale Fragen der Menschen. Als ich mir das Thema überlegt hatte, ist mir aufgefallen, dass es gerade sehr spannend ist, dass wir eine Wiederkehr der Religion erleben, in der Philosophie wird die Frage nach dem Glauben neu gestellt. Andererseits sind wir besorgt um den Zustand der Welt.

Der Begriff Gott und auch die „unruhige Zeit“, die im Untertitel angeführt wird, ist gerade etwas strapaziert bzw. die unruhigen Zeiten werden gerne einmal von Populisten thematisiert, damit sich die Menschen möglichst an ihnen festklammern. Woran machen Sie konkret fest, dass wir in unruhiger Zeit leben?

Liessmann: Ich glaube, diese Formulierung habe ich gewählt, um ein, wie ich es sehe, weit verbreitetes Lebensgefühl zu charakterisieren. Was wir an Kontinuität erfahren haben, wird in Frage gestellt, denken wir an die Arbeitswelt. Wir wissen nicht, in welche Richtung es geht, oder wen es positiv und wen es negativ treffen wird. Oder denken wir an die EU. Seit dem Brexit ist sie fragwürdig geworden, was die Menschen verunsichert und zwar nicht nur jene, die nostalgisch zu den Nationen zurückkehren wollen. Denken wir an den Terrorismus. Egal, wie man ihn sehen will, er wird Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Fragen wie jene nach der Rolle der Technik oder danach, welche Kriege die Welt, in der wir leben, kennzeichnen, sind aufzuwerfen und das Ganze ist mit einer unglaublichen Dynamik verbunden.

Und wenn die Zeit so unruhig ist, welche Funktion hat die Philosophie da ganz konkret?

Liessmann: Der Eröffnungsvortrag von Carlos Fraenkel kann schon eine gute Antwort geben. Er hat sich an die Brennpunkte der Erde begeben und hat philosophiert. Es zeigt sich – und das war immer schon die Aufgabe –, dass Philosophie helfen kann, Lebensgefühle, die diffus sind, zu klären und zu begreifen, was Unruhe ist, die wirklich durch Veränderungsprozesse begründet ist, und was Propagandamache ist. Wir können Klarheit schaffen, nicht nur über das, was passiert, sondern auch über das, was noch geschehen soll.

20 Jahre Philosophicum, ich frage Sie einfach einmal nach der Relevanz, nach etwaigen Auswirkungen, die sich nicht nur innerhalb der Fachkreise zeigen, welche haben sich für Sie gezeigt?

Liessmann: Das Philosophicum war von Anfang an als öffentliche Veranstaltung geplant. Uns war es sehr wichtig, Menschen anzusprechen, die keine Philosophen sind. Es ist eine qualitätsvolle Veranstaltung, die sich an eine große Öffentlichkeit richtet, im Sinne einer Vermittlungsarbeit, die zurecht eingefordert wird. Natürlich ist das Philosophicum keine Veranstaltung, die ein Stadion füllen könnte, aber ich kenne keine philosophische Veranstaltung dieser Art, zu der 400 Menschen kommen. Jedes Philosophicum ist auch publiziert worden. Wir haben eine Kooperation mit dem Zsolnay-Verlag, Tagungsbände sind bereits Standardwerke. Wer über die Schönheit diskutieren will, über Geld, über die Optimierung des Menschen, der greift zur Orientierung auf die Bände des Philosophicums zurück.

Wie wird es weitergehen mit dem Philosophicum. Sehen wir Sie und die weiteren Wissenschaftler auch in den nächsten zehn Jahren in Lech?

Liessmann: Eine Veranstaltung, die 20 Jahre erfolgreich war, sollte man meines Erachtens weiterführen. Das Bemühen, aktuelle Fragen aufzugreifen und Menschen Zeit zu geben, sich drei bis vier Tage nur auf ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu konzentrieren, das gibt es in dieser Form sonst kaum. Und eines ist sicher: Uns gehen die Themen nicht aus.

Ich frage ganz pragmatisch: Sie haben in Ihrer Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele auch über die Bildungspolitik gesprochen. Sehen Sie sich in der Rolle des Mahners und wenn ja, denken Sie, dass die Wertigkeit der Bildung überhaupt durch politische Handlungen untermauert wird?

Liessmann: Ich sehe mich nicht als Mahner. Das Philosophicum ist Ausdruck dafür, was ich mit meinen begrenzten Möglichkeiten dazu beitragen kann. Ich stelle den Umgang mit Informationen dar. Was Bildungspolitik tut, hat oft wenig mit Bildung zu tun. Die Leute wollen über inhaltliche Fragen diskutieren, nicht über organisatorische oder über Äußerlichkeiten.

Es zeigt sich, dass Philosophie helfen kann, zu begreifen, was Unruhe ist und was Propagandamache.

Konrad Paul Liessmann

Zur Person

Konrad Paul Liessmann

Geboren: 1953 in Klagenfurt

Tätigkeit: Philosoph, Essayist, Publizist, Universitätsprofessor

Publikationen: zahlreiche, darunter „Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift“, „Totgesagte leben länger. Karl Marx und der Kapitalismus im 21. Jahrhundert.“

Das Philosophicum Lech mit dem Thema „Über Gott und die Welt. Philosophieren in unruhiger Zeit“ hat gestern Abend begonnen, wird heute offiziell eröffnet und dauert bis Sonntag, 24. September: www.philosophicum.com